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Aus dem Inhalt von Heft 2/3 des 5. Jahrgangs (1999) 
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 


 
 

Michael Krupp, Die banale Neugierde am Anderen
 
 
 
 

 

 Ein Christ aus Deutschland zwischen Juden, Muslimen und arabischen Christen in Israel 

Es muß der 15. Mai 1948 gewesen sein, als meine Mutter mich, den damals Zehnjährigen, mit der überraschenden Botschaft weckte, der Staat der Juden, Israel, wie damals zur Zeiten der Bibel, sei ausgerufen worden. Meine Mutter wußte, daß alles, was mit der Bibel zusammenhing, unwahrscheinlich aufregend für mich war, ich war ein merkwürdig veranlagter Junge, der die Bibel bis dahin schon ganz durchgelesen hatte. Diese Nachricht fand mich allerdings völlig unvorbereitet. Es war so, als ob meine Traumwelt, die Gestalten der Bibel, von der Wirklichkeit Besitz ergriffen hätte. 
 Diese Nachricht widersprach allem, was sich das Kind vorstellen konnte. Waren die Greuel, die von Deutschen den Juden angetan worden waren, dem Zehnjährigen nicht ganz bewußt, eine leise Ahnung von all dem Getuschel darüber war dennoch vorhanden. Ja gab es denn heute noch Juden? Das Thema war damals auch in unserem Haus tabu, obwohl mein Vater Pfarrer der Bekennenden Kirche und selbst von den Nazis mehrfach inhaftiert gewesen war. 
 Als ich anfing, Zeitung zu lesen, verschlang ich alles, was über Israel darin zu finden war, aber viel war das nicht. Ich erinnere mich an eine Demonstration, an der ich teilnahm, das war November 1956. Damals demonstrierten wir gegen die imperialistischen Mächte England und Frankreich, die das Dritte-Welt-Ägypten überfallen hatten. Die Rolle Israels im sogenannten Sinaifeldzug dabei war untergeordneter Bedeutung für uns. 
 Auf unserem altsprachlichen Gymnasium, in dem eine kleine Gruppe auch biblisches Hebräisch lernte, brachte unser Hebräischlehrer, eigentlich Lehrer für Chemie, ein Buch der neuhebräischen Sprache mit. Später fand ich ein solches in einem Antiquariat. Es war aus den dreißiger Jahren und für deutsche Einwanderer bestimmt. Wie das wohl in den Buchladen gekommen sein mag? Es war wie ein Gruß aus einer anderen Welt. Aber in dieses Land zu fahren, diese Möglichkeit gab es gar nicht zu erwägen, damals in den fünfziger Jahren, als Schüler. Nach meinem Abitur 1958 wurde jedoch der Wunsch, dieses Land zu sehen, seine Menschen kennen zu lernen, das Land der Bibel und der Juden zu besuchen, immer stärker. 
 Israel war in den fünfziger Jahren ein für die Deutschen fast unbekanntes Land. Es gab so gut wie keine deutschen Reisenden in Israel, keine Touristen, keine Volontäre. Man konnte ein Visum nur nach einer persönlichen Einladung aus Israel selbst bekommen. Es gab keine diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel, sondern nur eine Handelsvertretung Israels, die sogenannte "Israelmission" in Köln, auf der ein früher Freund der deutsch-israelischen Beziehungen saß, Moshe Tavor, der spätere Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen" in Israel. Nur wenige Deutschen hatten Israel bereist. Einer der ersten war Hermann Maas gewesen, der im Dritten Reich Juden gerettet hatte und dessen Bericht "Skizzen von einer Fahrt nach Israel" bereits 1950 erschienen war. 

Zehn Jahre Staat Israel 

 Zehn Jahre nach Staatsgründung, 1958, kam an den unterschiedlichsten Stellen in der deutschen Öffentlichkeit, in der Kirche und Theologie ein besonderes Interesse für diesen Staat auf, der sich bisher behauptet hatte und der eine Realität im Nahen Osten geworden zu sein schien. 1958 erschien das Buch "Israel und Wir" von Hellmut Gollwitzer. 1958 wurde die Aktion Sühnezeichen gegründet, die Israel an erster Stelle nannte als eines der Länder, deren Bewohner am meisten unter NaziDeutschland gelitten hatten. Gerade weil das so war, konnte aber die Arbeit der Aktion Sühnezeichen erst im Jahre 1961, dem Jahr des Eichmann-Prozesses, aufgenommen werden. Solange sollte es dauern, bis genügend Vertrauen im Land der Opfer für das Land der Täter aufgebaut werden konnte. 
 In diesem Jahr besuchte auch eine erste Jugendgruppe aus Deutschland Israel. Es war ausgerechnet eine kirchliche Gruppe, eine Gruppe der Evangelischen Studentengemeinde an der Freien und Technischen Universität in Berlin mit drei Studentenpfarrern und Erziehern aus Berlin, die in verschiedenen Kibbuzim eine Zeitlang arbeiteten und das Land bereisten. Es war ein Anfang zu einem neuen Verständnis zwischen beiden Völkern. Die drei Reiseleiter waren Rudolf Weckerling, Joachim Hoppe und Friedrich-Wilhelm Marquardt. Sie haben über ihre Erfahrungen in dem Bändchen "Le Chaim - Zum Leben" berichtet, das 1962 erschien. Die theologische Verarbeitung dieser ersten Israelreise findet sich bei Marquardt durch sein Gesamtschrifttum hindurch, in besonderer Weise in dem Bändchen "Die Juden und ihr Land", das 1975 erschien, aber bereits 1967 nach den Eindrücken des Sechstagekrieges geschrieben worden war. 
 In diesem Jahr 1958, kurz nach meinem Abitur, machte auch ich erste Bekanntschaft mit Israel. Es war auf der Weltausstellung in Brüssel. Ich besuchte den IsraelPavillon zum wiederholten mal, hörte die mir damals noch ganz fremde israelische Volksmusik, bewunderte die hübschen Hostessen aus diesem exotischen fernen Land und wußte nicht, wie ich aus lauter Schüchternheit und Scham jemanden ansprechen sollte. Immer wieder durchlief ich den Tunnel im Pavillion, der die Verfolgung versinnbildlichen sollte und der in den freien jungen Staat Israel führte, gerade 10 Jahre alt. 
 In Berlin endlich traf ich als junger Theologiestudent auf Professor Gollwitzer und Friedel Marquardt. Marquardt war damals Studentenpfarrer an der FU. Seine Berichte über Israel fesselten mich und so schloß ich mich der ESG an der FU an. 
 In Berlin gab es ein kirchliches Institut, das sich "Kirche und Israel" nannte. Es war von Professor Harder gegründet worden, einem Mann der Bekennenden Kirche. Er war von Haus aus Neutestamentler, unterrichtete aber auch ein solches Thema wie "Die Geschichte der Juden von der Tempelzerstörung bis heute". Das war revolutionär. Zur Not hätte ein solches Thema in die alttestamentliche Disziplin gepaßt, aber das Standardwerk deutscher Theologen von Martin Noth hörte gerade mit der Tempelzerstörung auf. Damit war für diese Theologen die Geschichte Israels zu Ende und es gab nur noch ein "schauerliches Nachspiel" im Bar Kochba Krieg. Ein anderer Theologe an dieser Hochschule, ein Historiker, hatte eine Geschichte der Juden geschrieben mit dem Titel "Volk ohne Geschichte". Auf unsere Vorhaltungen hin hatte er die zweite Auflage "Volk der Geschichte" umbenannt. Israel hatte eine reiche Geschichte, das wurde uns hier klar. Es gab nicht nur den Holocaust und die schrecklichen Leiden durch die Jahrhunderte hindurch, sondern auch die vielfältige Kultur, die Bereicherungen der europäischen Geschichte durch die jüdische. Erst später, vor allen dann in Jerusalem, sollten wir noch sehr viel tiefer in die eigentliche Geistesgeschichte des Judentums eindringen. 
 Hier im Gefolge von Marquardt lernte ich auch meinen Lehrer Jochanan Bloch kennen, später Neutestamentler an der Ben Gurion Univeristät in Beer Scheva im Negev, und in Berlin ein ewiger Student voller zionistischer Begeisterung mit einer ansteckenden Wirkung. Er war es, der den Theologen keine Ruhe ließ und sie beschuldigte, auch Gollwitzer, ihr Israelbild sei so etwas wie eine Kühlschranktheorie. Israel komme in den eschatologischen Kühlschrank, um am Ende der Zeiten wieder ans Tageslicht zu treten. Inzwischen existiere es für die Theologen nicht. Das waren erste Anstöße. Theologen hatten vergessen, daß Juden lebendige Menschen waren und kein heilsgeschichtliches Fossil. Dabei waren die Lehrer, die Bloch angriff, die fortgeschrittensten im Israel-Gedanken und meinten es wirklich nur gut mit Israel. 
 In diesen Kreisen lernte ich mein erstes Hebräisch, machte einen Kurs in Geschichte des Zionismus und lernte dann auch andere Israelis kennen. Einer stammte aus dem Kibbutz Gal Ed, einer der Kibbutzim, die von deutschen Juden gegründet worden waren, und wo die erste deutsche Pioniergruppe gearbeitet hatte. Durch diesen Israeli, einen Rechtsanwalt, der sich in Wiedergutmachungsangelegenheiten für seine Bewegung in Berlin aufhielt, bekam ich auch die persönliche Einladung ins Kibbutz Gal Ed und damit das lang ersehnte Visum. 

Die erste Israelreise 

 Nach drei spannenden und abenteuerreichen Monaten kreuz und quer durch die nördlich und östlich von Israel gelegenen arabischen Staaten kam ich am 28. Oktober 1959 nach Israel, von Jerusalem nach Jerusalem, durch das sogenannte Mandelbaumtor, von einer Welt in eine andere, wenige Meter voneinander getrennt, und doch Welten voneinander entfernt. Es war ein Freitag Nachmittag. Ich hatte nicht gewußt, was es bedeutet, wenn sich Israel auf den Schabbat vorbereitet. Das Mandelbaumtor führte nach Mea Schearim, dem ultraorthodoxen Viertel von Jerusalem. Eine Frau sprach mich mit dem schweren Rucksack, mit meiner ganzen Habe für ein Jahr beladen, in Jiddisch an und gab mir etwas Geld - eine Wechselstube war nicht mehr offen -, damit ich mit einem der letzten Busse ins Stadtzentrum fahren konnte. Wie groß war meine Verwunderung, die Feundlichkeit dieser Frau, einem Deutschen gegenüber, sicher der erste, dem sie nach dem Krieg begegnete. 
 Ich arbeitete im Kibbutz Gal Ed. Von dort vermittelte man mich weiter in den religiösen Kibbutz Tirat Tsevi, ebenfalls von Deutschen gegründet, ein Jahr vor meinem Geburtsdatum, 1937. Die Zeit unter diesen aus Deutschland vertriebenen Menschen, den feinen Humanisten in Gal Ed und den gemäßigt religiösen Juden mit einem großen Herz für Andersgläubige und einer sehr offenen Haltung der Welt gegenüber in Tirat Tsevi lehrte mich mehr über Christentum und Judentum als alle theologischen Seminare in der Heimat und offenbarte die Sinnlosigkeit vieler christlichen Anklagen gegenüber dem Judentum, es sei eine Gesetzesreligion, verknöchert und verhärtet. Die Juden als Anbeter des Buchstabens lernte ich hier nicht kennen und das Seufzen unter dem Gesetz konnte ich hier nirgendwo hören. Im Gegenteil, die ausgedehnten Spaziergänge bis hinunter zum nahen Jordanfluß, der Grenze zu Jordanien, an den langen Schabbatnachmitagen zeigten mir ein ganz anderes Judentum, eine fröhliche, humorvolle, ideenreiche und selbstbewußte Religion, die es nicht nötig hatte, sich mit anderen zu vergleichen. 
 Später arbeitete ich auf dem Bau und im Hafen in Eilat und lernte schließlich einen Monat lang in Jerusalem in einem Ulpan Hebräisch. Über Ägypten und den Sinai traf ich rechtzeitig zum Sommersemester Ende April 1960 wieder in Berlin ein und war jetzt einer von den jungen Deutschen, die am längsten in diesem fremden Land geweilt hatten. Ich traf wieder auf Marquardt, und jetzt war er es, der mich über das Land ausfragte. 
 Ich erinnere mich, wir waren auf einer Freizeit der ESG. Marquardt fragte unablässig, er interessierte sich für jedes Detail. Da war diese Begebenheit, eine von so vielen, ein junger Deutscher in Israel, ein Deutscher, auf den die Israelis ganz unvorbereitet trafen, der erste Deutsche. Ich erzählte in der kleinen Runde von vielleicht 12 Studenten um Marquardt herum. Ich erzählte eine dieser Begegnungen. Ich war auf der Rundreise durchs Land von einem Laster mitgenommen worden, der auf einer Schulklassenfahrt war. Ich machte Station mit den Kindern, besuchte dieselben Orte wie sie und fuhr mit ihnen weiter. Wir waren einen halben Tag unterwegs. Wir durchstreiften die Ruinen von Megiddo. Es war Frühling, ein Blumenteppich bedeckte die alten Ausgrabungen. Wie konntest Du als Deutscher solches tun, fragte mich ganz aufgeregt und doch wieder tief traurig ein kleines Mädchen. Die vielen Kinder, die ihr umgebracht habt, Kinder wie wir, sagte sie. Ich konnte nicht von ihr verlangen, daß sie nachrechnen möge, wie alt ich damals gewesen war. Ich war damals sechs Jahre alt, wie ihr, sagte ich. Sie sagte, ich bin zehn. Das Ende einer Unterhaltung. 
 Israel übte damals auf die deutsche Jugend eine geradezu exotische Anziehungskraft aus. Besonders fazinierend war das sozialistische Experiment, das sich den Namen Kibbutz gegeben hatte. Aber an dem jungen Israel war alles fazinierend. Den Versuch, so viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern einzugliedern, der Opfermut der Menschen, der Idealismus, der Mut in einem so kleinen Land auszuhalten und sich gegen eine so große feindliche Macht draußen zu verteidigen. Auch für uns Kriegsdienstverweigerer war Israel ein stundenlanges Thema der Diskussion. Gibt es einen gerechten Krieg? Würden wir auch verweigern, wenn wir in Israel lebten? Israel war noch durch keine Okkupation korrumpiert. Die Menschen waren arm und bescheiden und doch stolz. Israel war offensichtlich bedroht. Sicher haben wir alle damals Israel idealisiert. Aber es war so anders als unsere satte Zufriedenheit in der Bundesrepublik. 

Der Eine Weg 

 Und natürlich gab es theologische Diskussionen. Israel lebt. Die jüdische Religion lebt, sie wird ganz lebendig praktiziert. Wir mußten unser ganzes Israelbild korrigieren, unsere Vorstellung vom Judentum und von dem angeblichen Gegensatz von Gesetz und Gnade. Es war vor allem der Kreis von Juden und Christen, der sich 1961 in der Arbeitsgruppe Christen und Juden beim Evangelischen Kirchentag 1961 zusammenschloß, der auf breiter Basis begann, ein neues Verhältnis zwischen Juden und Christen anzubahnen. Die Titel zweier Publikationen dieser Gruppe drükken ihre ganze Theologie in Zusammenfassung aus: "der ungekündigte Bund" und "das gespaltene Gottesvolk". Israels Bund mit Gott ist nie aufgekündigt worden. Die Kirche, die so etwas immer wieder behauptet hatte, hatte ihre Bibel falsch verstanden. Israel war weiterhin Gottes auserwähltes Volk, auch nachdem es den Messias der Christen, Jesus von Nazareth, nicht als seinen Messias anerkannt hatte. Das ist das eine und das andere ist: Es gibt nur  ein  Gottesvolk. Das ist Israel und die Kirche. Zwar gespalten, aber beide sind das eine Gottesvolk. Darum ist auch Mission zwischen beiden aus theologischen Gründen nicht möglich. Es ist ein Gottesvolk und es gibt keine Komperative oder Superlative im Volk Gottes. Entweder gehöre ich dazu, dann kann ich nicht durch einen anderen Weg noch mehr dazu gehören wollen, oder ich gehöre nicht dazu. 
 Später, in den vielen Jahren in Israel, habe ich gelernt, daß das eine christliche Vorstellung ist. Wir waren schon stolz, daß wir die Juden mit ins Volk Gottes hineingenommen hatten. In der Begegnung mit dem lebendigen Judentum und bei vielen Gesprächen mit orthodoxen Juden stellte ich fest, daß das alles gar nicht selbstverständlich war. Warum sollten eigentlich die Christen dazu gehören? Und so begann ich damit zu leben, daß das eben meine christliche Behauptung war und ich von Juden nicht verlangen konnte, das anzuerkennen. Und so kam auch ich zu der Erkenntnis, zu dem Grundsatz, den der große katholische Ökumeniker, der französische Dominikaner Marcel Dubois, immer wieder betont, das beste, was wir zwischen Juden und Christen erreichen können, ist "to agree, not to agree". 
 Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber sprach von den zwei Heilswegen Gottes, dem für die Juden und dem für die Christen. Das war vor dem Holocaust. Aber vielleicht war es damals schon nicht richtig. Sicherlich gibt es nur einen Heilsweg, den der Bibel, den Israels, dem die Christen, wenn sie wollen und Buße tun, sich anschließen können. Sie sind herzlich dazu eingeladen, ohne Juden werden zu müssen. 
 Das war der Anfang. Wir waren davon tief überzeugt, daß man einen dramatischen Neuanfang in der Theologie beginnen müßte. Wir waren damals eine recht kleine Gruppe, die so dachte, der aber auch Sympathie entgegengebracht wurde. Der moderne Staat Israel hatte viel Kredit in den Augen der jungen Theologenschaft. Das war aber noch nicht theologisch aufgearbeitet worden. 

Für eine Anerkennung Israels 

 Das waren die Erzählungen und Diskussionen im kleinen Kreis. Dann gab es die Aktionen in der Studentenöffentlichkeit. Nach meiner Rückkehr aus Israel gründeten wir an der KiHo, der Kirchlichen Hochschule, die DIS, die "Deutsch-Israelische Studiengruppe", eine einflußreiche Studentenbewegung. Israel war "in". Die ganze Linke war für Israel. Der SDS (Sozialistischer Deutsche Studentenbund) zog auf die Straßen und forderte die Anerkennung durch die Bundesrepublik, die diese Anerkennung verweigerte aus Furcht, die Araber würden dann die DDR anerkennen, und überhaupt würde es dem deutschfreundlichen Bild unter den Arabern Schaden zufügen. 
 Die DIS an der KiHo war die zweite Gruppe ihrer Art. Schon 1956 hatten Jochanan Bloch und einige Freunde vom SDS die erste Gruppe an der FU gegründet. Bald gab es sie in der ganzen Bundesrepublik. An der KiHo nahmen Westdeutsche wie Ostdeutsche an den Aktivitäten teil, es gab noch nicht die Mauer und die KiHo hatte ihre Zweigstelle im Osten, in der Borsigstraße. Aber an der ersten Israelreise im Herbst 1960 durften bis auf eine (illegale) Ausnahme nur die Westdeutschen teilnehmen. Professor Günther Harder, der Leiter des Intstitut Kirche und Judentum, war Reisebegleiter. Auf der Israelreise faßte er den Beschluß, in Israel eine deutsche Vertretung der Kirche zu gründen. In der unter jordanischer Verwaltung stehenden Jerusalemer Altstadt gab es zwar einen deutschen Propst, im Gegensatz aber zu anderen Geistlichen gingen die Deutschen nicht nach Israel, um "es nicht mit den Arabern zu verderben". Später, viel später, 1970, ist es dann zur Gründung einer solchen Stelle gekommen. 

Studium in einer fremden Welt 

 Nach meinem ersten theologischen Examen ging ich dann für zwei Jahre zum Studium nach Israel. Ich hatte in Deutschland Theologie, Judaistik und Islamkunde studiert. Alles konnte ich hier in nicht geahnter Weise vertiefen. Ich traf in David Flusser, Professor für das Neue Testament an der Hebräischen Universität, einen Kenner der Materie, wie ich einem solchen in Deutschland nicht begegnet war. Erst hier, gegen den Hintergrund des frühen Judentums, begann ich Partien des Neuen Testaments zu verstehen, die mir früher verschlossen waren und über die in den Kommentaren nicht viel sinnvolles zu lesen gewesen war. Aber es ging eher um die Gesamtsicht der Dinge, die Entstehung des Christentums aus dem Judentum heraus. Der historische Jesus, den die Bultmannforschung, die führende Richtung in der deutschen Forschung des Neuen Testaments, schon ad acta gelegt hatte, bekam ein ganz neues Gesicht auf dem Hintergrund der Bewegung frommer Juden in Galiläa zur Zeit Jesu, Wunderheiler, mit einem ganz besonderen Verhältnis zu Gott, den sie Vater nannten, extrem in ihrem persönlichen Handeln, das nur eine Richtschnur kannte, ihr ganz individualistisches Verständnis von ihrem Gott, der der Vater aller Menschen ist. 
 Wir waren eine Reihe von Theologiestudenten und Judaisten aus Deutschland Mitte der sechziger Jahre an der Hebräischen Universität. Unser Hauptinteresse war die Erforschung des Judentums, des Talmud, der Mischna, der frühen Bibelauslegung der Rabbiner. All das war eine ganz neue Welt, die es galt, kennenzulernen und zu erobern. 
 Inzwischen war ich nach Deutschland zurückgekehrt. Noch in Israel hatte ich geheiratet, eine Jüdin aus Algerien, die ich in Deutschland kennengelernt hatte. Nachdem sich meine Heimatkirche, die rheinische, mit dem Gedanken einer jüdischen Pfarrfrau nicht abfinden konnte und ich von der Kandidatenliste der Theologen gestrichen worden war, wurde ich Assistent und Lehrbeauftragter am judaistischen Institut der theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Hier schrieb ich meine in Israel angefangene Dissertation zu Ende, bis ich einen Ruf von der Berlin Brandenburgischen Kirche erhielt, die mich auf die Stelle nach Jerusalem schicken wollte, die auf der ersten Reise mit Professor Harder anvisiert worden war. So unterschiedlich war damals die Haltung der Kirchen dem Problem der jüdisch-christlichen Ökumene gegenüber. Das war besonders der Bischof der Berlin-Brandenburgischen Kirche, Kurt Scharf, der angeregt von den Professoren Gollwitzer, Harder und Marquardt in Berlin sich zu diesem Schritt durchgerungen hatte. Gollwitzer hatte auf einem Kirchentag zuvor vor Tausenden von Zuhörern erklärt: Wie ist das angängig, daß wir immer von der Notwendigkeit eines christlich-jüdischen Gesprächs reden und daß dann die Kirche einen Theologen, der das vielleicht allzu wörtlich genommen hat, auf die Straße wirft? 
 Inzwischen war die Altstadt von Jerusalem mit der Westbank von Israel erobert worden, aber die Propstei hatte darauf verzichtet, Israel ihrerseits zu erobern. Es gab immer noch die Notwendigkeit, eine Anlaufstelle für kirchliche Anfragen in Israel zu schaffen. 

Angekommen - Land der Gegensätze 

 Ende 1970 ging ich dann nach Israel mit meiner damals noch kleinen Familie, mit meiner Frau Daniele und unserem ersten noch in Deutschland geborenen Sohn Jona. Alle anderen Kinder, Abigail, Hosea und Tamar, sind schon in Israel geboren. 
 Die Arbeit ließ nicht viel Zeit zu Reflexionen in der neuen Umwelt, die wieder ganz anders war, als wenn man hier nur zu Besuch und sei es auch zu längeren Aufenthalten wie dem Studien war. Die Arbeit war ganz unterschiedlich, einerseits die Leitung der deutschen Freiwilligenorganisation "Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste", andererseits die Beteiligung am jüdisch-christlich-moslemischen Gespräch, das hier ganz anders war als in Deutschland. An die Moslems hatte in Deutschland damals sowieso noch niemand gedacht. Und die wissenschaftliche Betreuung deutscher Theologiestudenten an der Hebräischen Universität. Die Schwerpunkte haben sich im Lauf der 30 Jahre verändert. An die Stelle der praktischen Arbeit mit den Sühnezeichenfreiwilligen trat die Arbeit mit den Theologiestudenten in einer geordneten Form. Seit 1978 kamen jedes Jahr an die 20 StudentInnen für ein Jahr nach Israel. Hinzu kam die Lehrtätigkeit an der Hebräischen Universität in meinem Fach "Rabbinische Literatur", die Mitarbeit beim Evangelischen Pressedienst, Vorträge vor deutschen und israelischen Gruppen. 
 Begegnungen mit Einzelnen und Gedankenaustausch auf ganz offizieller Ebene, auf Tagungen, Symposien, bei Vorträgen, in Interviews. Diese Mischung von praktischer Arbeit und Forschung, von Arbeit mit den Menschen und der grundsätzlichen Reflektion und Diskussion über das, was uns trennt und was uns verbindet, hat Theorie und Praxis immer in ein richtiges Gleichgewicht gebracht. Die manchmal sehr schwere Arbeit der Sühnezeichenfreiwilligen, das einfache Dasein für die Menschen in Not, das Zuhören den Opfern der Schoa, der Katastrophe, das Stillsein darüber bewahrt vor großen Worten wie Dialog und wiegt manchmal viel schwerer als viele theoretische Erörterungen. Und auf der anderen Seite die Forschungsarbeit der Studenten des Programms "Studium in Israel", das Zusammensetzen einer neuen Welt, das Durchdringen der Quellen, des Talmud, der frühen Midraschim, der Gedankenwelt der Religionsphilosophen - all dies gibt dem Dialog, in den die Studenten später und hier eintreten eine ganz andere Tiefendimension. Dieser Dialog ist nicht nur von gutem Willen getragen, sondern hat eine Basis, die zur Sache selber vorstößt. 

Die Dialog-Gruppen

 Sicherlich, der Dialog ist wichtig. Er ist ganz unterschiedlich in den verschiedenen Gruppen, die alle ihre besondere Funktion haben. Da ist die  Ecumenical Theological Research Fraternity, ein Zusammenschluß von christlichen Kirchenleuten, die sich um ein besseres Verhältnis mit dem Judentum bemühen. Hier sind auch christliche Institutionen vertreten, die sich in Jerusalem gerade wegen dieses Dialogs angesiedelt haben, wie das Dominikanerkloster Jesaja-Haus, das schwedisch evangelisch-theologische Institut, die Benediktinerabtei Dormitio oder die katholischen Soeurs und Peres de Zion im Kloster Ratisbonne in der Jerusalemer Neustadt, Notre Dame in Ein Karem und Ecce Homo in der Jerusalemer Altstadt. Daß hier vorwiegend katholische Zentren zu nennen sind, hängt mit der viel stärker ausgeprägten katholischen Präsenz in der Stadt zusammen. 
 Einen ganz anderen Charakter hat die  Jerusalem Rainbow Group, ein akademischer Verband von jüdischen Universitätsprofessoren und christlichen Instituts-Direktoren, die auf einer wissenschaftlichen Ebene Probleme, Beziehungen, Spannungen und Querverbindungen zwischen Christen und Juden diskutieren. Es ist fast ein elitärer Verband mit Verlesung der Protokolle der vorhergehenden Sitzung und einem seit Jahren unverändert ablaufenden Ritual, der Begrüßung wichtiger Gäste, dem Verlesen von Mitgliedern, die sich entschuldigt haben und so fort. Hinter dieser äußeren starren Schale entwickelt sich aber ein geistiges Leben und miteinander Diskutieren in einer erfrischend freien Atmosphäre und Kühnheit, wie ich es anderswo noch nicht erlebt habe. Es mag sein, daß der bewußt klein gehaltene und nicht so schnell wechselnde Freundeskreis dafür mitverantwortlich ist, daß hier das hohe Niveau der Disputationskunst weiter beibehalten werden konnte. Einer der Begründer des Kreises, Professor Zvi Werblowsky, liebte es, den Rainbow-Kreis als die "ökumenische Mafia" von Jerusalem zu bezeichnen, den Kreis, wo alle Fäden zusammenlaufen und wo gerade in Krisenzeiten zwischen Juden und Christen die Weichen neu gestellt werden können. Die meisten Mitglieder dieses verschworenen Kreises sind auch Mitglieder in den anderen Gruppierungen, der erwähnten Fraternity und der noch zu erwähnenden Israel Interfaith Association. Mitglieder des Rainbows, Christen wie Juden, die es wieder ins Ausland verschlagen hat, haben in London, New York und Genf Zweigstellen dieser Gruppe gebildet, von denen aber keine überlebt hat. 
 Die wichtigste interreligiöse Gruppe in Israel ist zweifellos die  Israel Interfaith Association, ein Vereinigung, die sich auf grassrouts-Niveau um die Verständigung zwischen Juden, Christen und Moslems bemüht. Sie gehört wie die christlich jüdischen Gesellschaften zum Dachverband des "Internationalen Rates von Christen und Juden", der seinen Sitz in Heppenheim hat, und dessen Präsident jetzt der Jerusalemer Rabbiner und ehemalige Oberrabbiner von Irland, David Rosen, ist. Weitere Israelis sind im Verwaltungsrat der internationalen Bewegung, zu deren Mitbegründern die Israel Interfaith Association gehört. Da mein Hauptbetätigungsgebiet gerade bei dieser Gruppe liegt, wird im weiteren noch von ihr die Rede sein. 

Anekdoten und Skuriles 

 Die Mitarbeit in allen diesen Gruppen und diese Vielfalt der Aufgaben haben es bewirkt, daß die dreißig Jahre wie im Flug verflogen sind, daß jeder Tag etwas Besonderes war. Aus all diesen Tätigkeiten ergibt sich ein buntes, schillerndes und weit verzweigtes Mosaik von Erfahrungen im interreligiösen Austausch in der dreimal heiligen Stadt Jerusalem. Im Laufe der Jahre bildet sich auch ein Anekdotenkranz, der über das Skurile einer bestimmten Situation hinaus etwas über die Wirklichkeit in diesem Land aussagt. 
 So war ich als Fraternity-Präsident zusammen mit Marcel Dubois, dem Dominikaner, der aus dem Orden der Inquisition stammend, der erste Professor an der Hebräischen Universität für Philosophie wurde, und einem anderen Christen bei Ministerpräsident Jitzchak Rabin wärend seiner ersten Amtsperiode eingeladen. Rabin brauchte Gesellschaft bei der Beherbergung eines wichtigen Gastes, Billy Graham, der über Ägypten Israel besuchte. Billy Graham ist wohl der bekannteste evangelikale Prediger, der in der Welt Millionen von Menschen mitzureißen versteht. Hier in Israel fehlte ihm das Publikum, so verließ ihn auch sein Charisma. 
 Israel hat ein ambivalentes Verhältnis zu den Evangelikalen. Einerseits besticht die Israelis die proisraelischeHaltung dieser frommen Leute, andererseits sind sie sehr missionarisch und schrecken auch vor den Juden nicht zurück. Auch die "Proisraelität" ist eigentlich für Israel eher gefährlich, aber das merken die meisten Israelis nicht. Ich hatte einmal das Vergnügen, beim Staatspräsidenten eingeladen zu sein, vor einem Gremium von Regierungsbeamten aus dem Außen-, Religions- und Tourismusministerium, die sich alle mit christlichen Angelegenheiten beschäftigen. Thema meines Vortrages war "Israel und die Evangelikalen". Meine Warnungen, daß diese Leute zum Teil manchmal äußerst rechts, rechter als die israelische Rechte seien, stießen dort auf verwunderte, meist taube Ohren. Daß die Evangelikalen von den unveräußerlichen Rechten des Volkes an dem ganzen Land Israel sprechen und Politiker, die für einen Ausgleich mit den Arabern sind, als Feinde Gottes bezichtigen, denn der Islam sei die "dunkle Macht von unten", der ,Antichrist", hielten die israelischen Experten für naive Vorstellungen von Schwärmern, auf die man nicht acht zu geben habe. Für sie war es ausreichend, daß diese frommen Leute anscheinend nicht gegen Israel sind. 
 Über all das wurde aber an der kleinen Tafelrunde, Lea Rabin hatte persönlich gekocht, nicht gesprochen. Interessanter schon war das Thema Ägypten, mit dem Israel damals Mitte der siebziger Jahre noch keinen Friedensvertrag hatte. Aber auch hier interessierte Rabin mehr die ägyptische Folklore, vielleicht traute er dem begnadeten Prediger nicht unbedingt politischen Scharfsinn zu, schon gar keine politische Mittlerrolle. Ein Frieden mit Ägypten war damals allerdings auch in scheinbar unerreichbarer Ferne. Smalltalk an der Privattafel des Ministerpräsidenten mit einem wichtigen Gast. 

Evangelikale, Judenchristen und andere Problemkinder des Dialogs 

 Die Evangelikalen sind übrigens ein ständiges Problemkind im interreligiösen Dialog. Sie sind hier auch nicht beteiligt. Die radikale politische Einstellung und der manchmal nur schwer verdeckte Missionseifer schließen das aus. Anstoß nehmen vor allem die lokalen Christen an den Tätigkeiten der Evangelikalen im Lande. Da ist vor allem die alljährliche Sukkotkonferenz. Einige dieser Evangelikalen, die sich in der International Christian Embassy zusammengefunden haben, halten an jedem Laubhüttenfest, das sie für den Geburtstermin Jesu halten, eine Massenkonferenz im Jerusalemer Kongreßzentrum, auf dem sie ihre Parolen von der Unverzichtbarkeit auf das ganze Land für die Juden hören lassen und den Arabern jedes Recht daran absprechen. Dies reizt viele der einheimischen Christen im Land, die sich sowieso von der jüdischen Führung verraten fühlen und gerade auf diese ausländischen Fanatiker gewartet haben, die ihnen die Existenz in diesem Lande noch schwerer machen. 
 Es gibt andere Problemkinder für den Dialog, so die Judenchristen, die sich in organisierter Form ebenfalls nicht am Dialog beteiligen, im Gegensatz zu einigen individuellen Judenchristen, die mit zu den Anführern des Gesprächs gehören, die aber bewußt auf Judenmission verzichten. Aber nicht nur die Christen haben Probleme mit anderen Gruppen der eigenen Religionsgemeinschafen. Die Moslems versuchen vom Islam abtrünnigen Gruppen wie die Bahai oder die missionierenden Achmadijemoslems von gemeinsamen Aktivitäten auszuschließen und die Juden haben ebenso genügend Probleme im Innern in den großen Auseinandersetzungen zwischen der einzig als Religionsgemeinschaft anerkannten Orthodoxie und den liberalen Strömungen des Reform-, des konservativen Judentums. Die Probleme in der israelischen Gesellschaft spiegeln sich wie in einem Mikrokosmos in der kleinen Schar von am Dialog Interessierten wieder. 

Kulturverschiedenheit und Fundamentalismus 

 Nicht zu übersehen in all diesen Aktivitäten ist eine Kulturverschiedenheit unter den verschiedenen Gesprächspartnern. Hier verlaufen die Fronten nicht zwischen den Religionen, sondern zwischen Orientalen und Okzidentalen. Während die Gesprächsgruppen wie Fraternity und Rainbow von diesem Problem kaum berührt sind - fast nur westliche Menschen sind hier involviert -, hat die Israel Interfaith Association, die einzige Gruppe, die auch Moslems und arabische Christen zu ihren Mitgliedern zählt, eine Menge Probleme damit. Dies gilt besonders auf dem theologischen Gebiet. Moslems, Juden und Christen haben jahrhundertelang im Heiligen Land, manchmal sogar recht friedlich, zusammengelebt. Sie haben natürlich geschäftlich miteinander verkehrt, aber auch gesellschaftlich. Man hat sich an den großen Festen und besonders den Familienfesten, gegenseitig besucht und Geschenke geschickt, man hat miteinander gesprochen und diskutiert, nur ein Bereich war ausgespart, die Religion. Daß der andere, mit Verlaub gesagt, die falsche Religion hat, darüber war sich jede und jeder im klaren und als höfliche Menschen und nicht missionarische wollte man sich das nicht an den Kopf schmeißen oder schmeißen lassen. Von dieser Mentalität hat sich heute noch viel erhalten. 
 Aber da ist noch etwas anderes. Es ist der grundsätzlich unterschiedliche Zugang zur eigenen Religion. Dies hat vielleicht mit fundamentalistischen Einstellungen zu tun und mit der Welt, in der man geistig lebt. 
 Zwei Episoden aus den vielfältigen Begegnungen mit moslemischen Geistlichen sollen das veranschaulichen. Ein moslemischer Geistlicher war eingeladen, um etwas zu den Grundlagen des Islam zu sagen. Er hielt einen trockenen Vortrag in gutem Hocharabisch, der dann ins Hebräische übersetzt werden mußte, aber einschließlich Übersetzung war der Gelehrte nach 10 Minuten am Ende seines Vortrages. Es sei alles gesagt, was es zu sagen gäbe zu diesem Thema und zu Nachfragen sei kein Grund. Ganz abgesehen von den Schwierigkeiten für den Gesprächsleiter, den angebrochenen Abend zu Ende zu bringen, ist diese Art enttäuschend für alle Zuhörer. 
 Noch tiefer in die Problematik führt ein anderes Erlebnis. Der Redner hatte seine gute knappe halbe Stunde gesprochen, mit der Übersetzung war es ein abgerundeter Abend. Nun kam die erste Frage, zu der der Sprecher, der Scheikh Jaabri aus Hebron, auch bereit war. Der Fragesteller wollte wissen, welcher Einfluß bei einem bestimmten Problem, das der Redner erwähnt hatte, auf den Propheten eingewirkt habe, jüdischer, christlicher oder synkretistischer? Denn man wisse doch, daß zur Zeit des Propheten in Medina, der Stadt des Propheten, zahlreiche Juden und Christen gelebt hätten, und es neben Überresten von Heidentum auch synkretistische Kreise gegeben habe. Eine gute Frage. Doch die Reaktion des Scheikh war erstaunlich. Er packte sein Manuskript zusammen und wandte sich ohne irgendetwas zu sagen dem Ausgang zu. Der Gesprächsleiter dieses Abends war ebenso überrascht, wie das übrige Publikum, rannte dem Redner schließlich nach und fragte, was denn passiert sei. Mit solchen Ketzern, sagte der Scheikh, könne er nicht länger unter einem Dach verweilen. Wie könne man nur auf die Idee kommen, daß irgendein Einfluß sich zwischen die Feder, die der Erzengel Gabriel dem Analphabeten Mohammed führte, und dem Pergament, das es beschrieb, gedrängt haben könne. So etwas zu behaupten, lasse die Grundlagen des Islam einstürzen und grenze an Gotteslästerung. 
 Es gibt andere moslemische Referenten. Aber zwischen diesen, die eine ganz fundamentalistische Haltung einnehmen und denen, die sich dem Islam eigentlich längst entfremdet haben und vom Islam wie einer merkwürdigen Religion reden und Vorurteile dem Islam gegenüber eher bestärken, gibt es wenig geeignete Referenten, die in der Lage wären, ihre Religion Andersgläubigen von innen heraus verständlich zu machen. Das mag auch daran liegen, daß Jerusalem und überhaupt Palästina niemals eine Hochburg des geistigen Islam war. Es gab hier niemals eine führende oder anerkannte Ausbildungsstätte des Islam. Die geistige Führung des östlichen arabischen Islam ist an der Azhar-Universität in Kairo beheimatet oder an den Schulen in Saudi-Arabien. Die Provinz Palästina lag immer abseits der großen geistigen Auseinandersetzungen des Islam. Hinzu kommt, daß die führenden geistigen Kräfte des Islam heute überhaupt eher außerhalb des arabischen Raumes zu finden sind. Aber das ist ein weites Gebiet. 
 In der Rainbowgruppe gab es einmal als Jahresthema die Generalüberschrift "Krise in der Religion". Es war unmöglich, einen islamischen Referenten zu finden. Es gäbe keine Krise im Islam, war die immer wieder zu hörende Antwort. Wir holten dann eine Dozentin von der Hebräischen Universität, Professor Hava Lazarus Jaffe, eine ausgezeichnete Referentin und eine wunderbare Frau, die 1998 leider mit 68 Jahren verstorben ist. Nach diesem Referat konnte überhaupt keine Rede mehr von einem krisenfreien Islam sein. Wie sollten die modernen Weltprobleme auch ausgerechnet am Islam spurlos vorbei gegangen sein. 

  Die Herausforderung durch den Islam

 Wie schwierig sich auch der theologische und geistig-kulturelle Dialog mit dem Islam gestalten mag, es gehört zu meinen wichtigsten Erfahrungen in diesen dreißig Jahren, gelernt zu haben, wie notwendig und berechtigt er ist. Dies gilt gerade auf dem Hintergrund einer immer stärker werdenden Entfremdung zwischen dem Islam und der westlichen Welt und einer pauschalen Verketzerung des Islam als fundamentalistisch, agressiv und feindlich den anderen Religionen gegenüber. Man braucht dabei nicht an die glorreiche Vergangenheit des Islam zu erinnern, an das goldene Zeitalter in Spanien, an die geglückte Symbiose von Judentum und Islam, die es verstanden hat, die antike Kultur für das Abendland zu retten, bis diese Blüte der Kultur durch die christliche Inquisition erstickt wurde. Wie hell hebt sich die islamische Toleranz der christlichen Intoleranz gegenüber Juden und Moslems ab! 
 Aber auch theologisch ist es wichtig zu erkennen, daß der Islam mit in die Ökumene gehört. Der Islam verehrt denselben Gott wie Christen und Juden. Der Islam fußt auf dem gemeinsamen Schrifttum von Christen und Juden. In der Geschichte hat es das Judentum immer einfacher mit dem Islam als mit dem Christentum gehabt. Für die Rabbinen stand fest, daß der Gott der Moslems der Gott Israels ist, die klare monotheistische Gottesvorstellung im Islam hat das Judentum immer zu der Überzeugung gebracht, daß der Islam "Gottes verlängerter Arm im Wirken in dieser Welt ist", wie es der große Religionsphilosoph Maimonides einmal ausgedrückt hat. Warum dieser Gott sich so verschiedene Wege der Verehrung ausgewählt hat, ist sein Geheimnis. Wir haben keinen Absolutsheitsanspruch auf ihn. Die verschiedenen Formen der Verehrung verleihen der Welt einen ganz besonderen Glanz. 

Sozial- und Kulturarbeit

 Theologische Diskussionen und Auseinandersetzungen sind nicht alles. Sie sind vielleicht nicht einmal das Herzstück der interreligiösen Zusammenarbeit in Israel. Genauso wichtig, vielleicht noch wichtiger, sind die menschlichen Begegnungen auf den Wochenendseminaren, bei den gemeinsamen Exkursionen, bei gemeinsamen Projekten. Vor 1973 war die Israel Interfaith Association sehr stark involviert bei dem Aufbau von Begegnungszentren, so in Lod, Akko, Haifa oder im arabischen Dorf Meillja. Damals war die arabische Bevölkerung sehr an diesen Zentren interessiert, die häufig die Rolle von Volkshochschulen einnahmen. Gab es doch kaum interkulturelle Arbeit für die arabische Bevölkerung, vor allem für die moslemische. Es gab eine ganze Reihe von Projekten, darunter eine arabisch-jüdische Theatertruppe und eine Gruppe von arabischen und jüdischen Studenten, die auf arabischen und orientalisch-jüdischen Schulen Nachhilfeunterricht gaben, um das unterschiedliche Bildungsniveau in Israel auszugleichen. 
 Nach dem Oktoberkrieg 1973 gab es eine große Krise im Verhältnis zwischen Juden und Arabern und alle diese gemeinsamen Tätigkeiten wurden schwieriger oder hörten ganz auf. Anlaß dafür war wohl ein größeres Selbstbewußtsein der arabischen Bevölkerung auch in Israel, nachdem es sich gezeigt hatte, daß Israel besiegbar war, und vielleicht auch eine gewisse Enttäuschung auf der arabischen Seite, von der jüdischen Mehrheit immer noch nicht genügend ernst genommen zu werden. 

Über die Grenzen hinaus 

 Mit den Osloer Verträgen von 1993 über ein erstes israelisch palästinensisches Einvernehmen über friedliche Wege zur Lösung der Konflikte beider Seiten und nach den ersten Erfolgen im Friedensprozeß, dem Friedensabkommen zwischen Jordanien und der Aufrichtung einer palästinensischen Selbstverwaltung, verbesserten sich auch die Chancen einer Friedensarbeit zwischen den Religionen. Die Israel Interfaith Association knüpfte Beziehungen zu Gruppen in Ägypten, Jordanien und den Gebieten der palästinensischen Verwaltung. Es kam zu ersten Begegnungen und Kontakten ab 1994 besonders mit zwei palästinensischen Gruppen. In der in Deutsch erscheinenden Vierteljahres-Zeitschrift "Religionen in Israel" ist seit 1995 ausführlich darüber berichtet worden. Mit dem Stillstand der Friedensverhandlungen kamen auch diese Begegnungen ins Stocken, hörten aber nicht auf. Im Gegenteil, da gerade auf offiziellem Gebiet so wenig Fortschritte erzielt wurden, war jede andere Nichtregierungstätigkeit um so wichtiger. So ließ es sich auf dem ersten Treffen zwischen der Israel Interfaith Association und einer palästinensischen Gruppe "Bewegung für Frieden und Gleichheit" in Khan Younis Ende Februar 1999 Palästinenserhaupt Yassir Arafat nicht nehmen, persönlich auf dem Treffen zu erscheinen, um den 70 israelischen Gästen zu sagen, wie wichtig in seinen Augen solche Begegnungen sind. 
 Durch die Beziehungen zu den Arabern außerhalb Israels hat sich in der Israel Interfaith Association auch das Verhältnis zwischen Juden und Arabern innerhalb Israels verbessert. Auf Tagungen in Gaza und der Westbank beteiligten sich auch zahlreiche israelische Araber und waren dort häufig ein verbindendes Glied zwischen Juden und Palästinensern, schon durch ihre Sprache und ihre Übersetzungstätigkeiten in den zahlreichen Kleingruppen, die auf solchen Tagungen meist das fruchtbarste sind. 
 Das Dreiecksverhältnis zwischen Juden, Christen und Moslems im Judenstaat ist allerdings weit davon entfernt, entspannt zu sein. Je mehr wir uns dem Jahrtausendjubiläum nähern, kriselt es auch immer mehr und offen zwischen palästinensischen Moslems und Christen. Es war vielleicht das erstaunlichste auf einer ersten Tagung zwischen der Israel Interfaith Association und einer palästinensisch moslemisch-christlichen Gruppe El-Liqa im Dezember 1994, daß die meisten gegenseitigen Anschuldungen zwischen Christen und Moslems zu hören waren und weniger zwischen Juden und einer gemeinsamen christlich-moslemischen palästinensischen Phalanx. 

  Von Mensch zu Mensch 

 Der "offizielle" Dialog und die Begegnungen können manchmal auch sehr privat sein. Echte Freundschaften entstehen. Ich erinnere mich an meine Besuche bei Scheikh Rajai Abdo in Jericho zu Beginn der palästinensischen Selbstverwaltung, als er noch hoffte, sein Hotel, Hischam-Palace, könne das Verwaltungszentrum der neuen Regierung werden. Damals gab es Auseinandersetzungen mit den jüdischen Siedlern, die täglich zur antiken "Schalom al Israel"-Synagoge kamen, um dort Talmud zu lernen und sich mit den palästinensischen Wachtmannschaften zankten. Scheikh Abdo besuchte zum ersten mal mit mir diese Synagoge, die er zuvor noch nie von innen gesehen hatte. Oder ich erinnere mich an seinen Besuch in unserem Haus in Ein Karem, als der Siedler-Rabbiner Frouman von Tekoa zu uns kam, weil er einen Vermittler zur islamischen Bewegung Hamas zu treffen hoffte. Der Rabbi hatte sein eigenes koscheres Essen mitgebracht, das uns für drei Wochen reichte und der Scheikh holte, glaube ich, alle Gebetszeiten eines islamischen Tages an diesem Abend nach, nachdem er einen kleinen islamischen Gebetsteppich in unserem Haus entdeckt hatte und wir die genaue Richtung nach Mekka herausgefunden hatten. 
 Im großem Dialog zwischen den Religionen finden sich nur wenige Leute. Der Mann und die Frau auf der Straße haben davon noch nie gehört. Und doch sind sie für die Andersgläubigen durchaus aufgeschlossen, auch die ultraorthodoxen Juden in Mea Shearim, wo ich seit 15 Jahren einen der Rabbis mit meinen Studenten oder alleine aufsuche und wir bei ihm etwas über die Mission des Judentums an der Welt hören. Er möchte, daß wir alle treue Nachkommen des Noah werden und seine sieben Gebote einhalten, damit wir teilhaben an der kommenden Welt, denn das Christentum verdächtigt er, götzendienerisch zu sein, eine der drei Todsünden im Judentum.

 Die banale Neugierde am anderen 

 Interreligiöse Treffen können auch ganz anders stattfinden. Da sind die ganz privaten Treffen, das stundenlange Sitzen bei den Handschriften- und Buchhändlern im Orthodoxenviertel Mea Schearim oder in anderen religiösen Vierteln der Stadt. Die banale menschliche Neugierde am Anderen macht auch in Mea Schearim nicht halt. Wie geht der andere mit den Problemen dieser Welt um? Er lebt doch auch hier, er glaubt auch an etwas, er muß auch ganz allgemeine menschliche Probleme lösen, die ihm genau so begegnen wie mir. Oder da ist das Verweilen bei den moslemischen Antiquitätenhändlern in der Jerusalemer Altstadt oder im Laden von Kando in Bethlehem, dessen Vater hier seinerzeit die ersten Qumranschriften aufkaufte. Bei diesen Gesprächen wird auch über Religion geredet und es ergehen Einladungen zu den Hauptfesten. Ich erinnere mich noch an die Fahrt zu meiner Studentenzeit mit meinem Freund Rafik Halabi, der heute Hauptverantwortlicher der Nachrichten im israelischen Fernsehen ist, zum Drusenheiligtum Nabi Sueib, oder wie die Juden und Christen ihn nennen, Jethro, den Schwiegervater des Mose. 
 Oder da sind die Nächte des Shawuot-Festes (Pfingsten) in der kleinen jemenitischen Synagoge in Ein Karem, wo Männer und Frauen die ganze Nacht in der Synagoge sitzen, Nargilla, Wasserpfeife, rauchen, Gat, ein jemenitisches Rauschmittel harmloser Art, kauen und Bibel, Mischna und Kabbala gemeinsam lernen, bis, wie es in den Texten heißt, Feuer vom Himmel auf die Festgemeinde fällt. 
 Das alles sind Begegnungen, wie man sie nur hier haben kann und die man nicht vergißt. Was hat sich verändert in den vielen Jahren? Es ist immer noch hoffnungsvoll, daß Mensch zu Mensch spricht, auch wenn man aus ganz verschiedenen Kulturen und Religionen kommt. Alle haben die Sehnsucht nach dem selben Gott, auf dessen Gerechtigkeit und Wahrheit noch alle warten. Gott hat die Menschen so verschieden geschaffen, auch in so unterschiedlichen Religionen, er wird sich etwas dabei gedacht haben. Auch das gehört mit zur Schönheit und dem Reichtum in der Welt unseres gemeinsamen Gottes. 


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