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Aus dem Inhalt von Heft 1 des 5. Jahrgangs (1999) 
 

 
 
 

 

Lisa Samin, Frauen als Rechtsanwältinnen in Rabbinatsgerichten

 

    In  Ba-kehila , 4.12.1998 

Für das ungeübte Auge sollte der Scheidungsfall von Dina Levi (dies ist nicht ihr richtiger Name) einsichtig und leicht zu entscheiden sein. Sie gab an, daß ihr Ehemann häufig gewalttätig gewesen sei, sie geschlagen und vergewaltigt und zugegeben habe, eine verbotene Liaison mit einer geschiedenen Frau gehabt zu haben. Für drei Jahre hat das Paar getrennt gelebt. Wie auch immer, für das israelische Rabbinatsgericht, das in Israel alle Fälle von Heirat und Scheidung entscheidet, sind dies für den Ehemann nicht notwenigerweise Gründe, seiner Frau einen  get, einen Scheidungsbrief, zu geben. 
 Der Fall Levi war der Hintergrund eines kürzlich inszenierten Schein- oder Lehrprozesses der  Or Tora Stone's Monika Dennis Goldberg Schule, um die bittere Notlage der Frauen aufzuzeigen, die um eine Scheidung kämpfen, deren Männer sich aber weigern, einen Scheidungsbrief zu geben. (Im jüdischen Rechtssystem kann nur der Mann die Scheidung aussprechen). 
 Die  Monica Dennis Goldberg Schule für Rechtsanwältinnen, 1990 gegründet und die erste ihrer Art in Israel, führte in der Durchsetzung von Frauenrechten innerhalb des jüdischen Rechtssystems nahezu zu einer Revolution in den rabbinischen Gerichten in Israel. In einer langwierigen Prozedur klagte Or Tora Stone  erfolgreich die Erlaubnis für Frauen ein, als Rechtsanwältinnen in rabbinischen Gerichten auftreten zu dürfen, ein Bereich, der vorher Männern vorbehalten war. Der aschkenasische und sephardische Oberrabbiner, die Knesset, das israelische Parlament, und das Oberste Gericht, alle erkannten schließlich das Programm der Schule an, das Rechtsanwältinnen das Recht gibt, vor den rabbinischen Gerichten zu praktizieren. 
 Der Lehrprozeß unterstrich die Wichtigkeit weiblicher Rechtsanwälte an rabbinischen Gerichten. Früher konnten oder wollten viele Frauen aufgrund der beschämenden Situation oder der Demütigung ihren männlichen Rechtsanwälten nicht ihre ganze Geschichte erzählen. Das benachteiligte die Frauen im Kampf um die Scheidung. Und was noch schlimmer ist, viele der männlichen Rechtsanwälte waren für den Kampf der Frauen unsensibel und argumentierten rein halachisch, gesetzlich, ohne auf die Not der betroffenen Frauen einzugehen. 
 Die jetzigen Rechtsanwältinnen fühlen, daß allein schon ihre Präsenz in den von Männern dominierten rabbinischen Gerichten den Richtern, den männlichen Rechtsanwälten und selbst den Zeugen die Augen öffnet und ein Umdenken bei den Männern bewirkt hat. Rabbi Shlomo Riskin, Kanzler der Or Tora Stone Schule, des Graduierten-Programms und Oberrabbiner von Efrat, sagt: "Jüdisches Recht zieht sicherlich die Bedürfnisse der Frauen in Betracht. Der springende Punkt ist, daß diese Seite des Rechtes angemessen vertreten sein muß." 
 Als eine natürliche Erweiterung der Schule für Rechtsanwältinnen, wurde 1997 ein Rechts-Hilfe-Zentrum,  Or Tora Stone's Jad Le-Ischa, und ein Notrufsdienst eingerichtet, um sicher zu stellen, daß eine weitere Generation jüdischer Frauen nicht leiden muß. Gegen eine minimale Gebühr bietet das Zentrum Rechtsberatung für Frauen an, die sich eine Verteidigung nicht leisten können, und hat damit solchen Frauen geholfen, die von ihren Männern als Geisel gehalten werden, indem sie ihnen die Scheidung verweigern. 
 Susan Weiss, jerusalemer Rechtsanwältin und Direktorin des Zentrums, sagt: "Es gibt sehr viel Spielraum für Veränderungen in der Halacha, im jüdischen Recht. Wir verweisen die Halacha in ihre Grenzen. Indem wir neue überzeugende Argumente beibringen, veranlassen wir die Rabbiner zu einer sensibleren Position und zu einer großzügigeren Interpretation des Gesetzes." 
 Die Notwendigkeit für eine breitere Auslegung des Gesetzes wurde in dem Lehrprozeß augenscheinlich vorgeführt, als die drei Richter, die den Fall Levi gehört hatten, drei verschiedene Interpretationen der selben Halacha gaben. In den aktuellen Verfahren, auf denen der Lehrprozeß basiert, wurde den Frauen die Scheidung nicht bewilligt. Deshalb kämpfen die Schule für Rechtsanwältinnen, das Zentrum für Rechtsberatung und der Notrufdienst für Veränderungen innerhalb des Systems und innerhalb des Gesetzes, um solche Ungerechtigkeiten zu korregieren und ihnen vorzubeugen. 
 Die Situation läßt sich am besten mit dem Wort eines Richters in dem Lehrprozeß zusammenfassen: "Ich flehe meine Kollegen an, die Schreie der Frauen, die vor uns stehen, zu hören, die für das Recht plädieren, in ihrem Leben einen neuen Anfang machen zu können. Die Heiligkeit des jüdischen Volkes besteht nicht im Festhalten am trockenen Buchstaben des Gesetzes. Sie wird gemessen in dem Maß, wie Recht und Gerechtigkeit geübt wird." 

                                                       Übersetzung aus dem Englischen von Kathrin Schleupner


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Herb Keinon, Frauen sprengen die halachische Umklammerung

In  The Jerusalem Post, 16.10.1998 

Auf Konferenzen, die von einer großen Zahl religiöser Teilnehmer besucht wird, ist es allgemein üblich, daß die Männer sich am späten Nachmittag in einem abgelegenen Raum oder in einer entfernten Ecke des Saales zum Minha-Gebet, zum Nachmittagsgebet, versammeln. 
 Selten geschieht es auf diesen Konferenzen, daß die Frauen ebenfalls an den Gebeten teilnehmen. Noch seltener fordert eine Frau, die am Gebet teilgenommen hat, die anderen Frauen auf, dasselbe zu tun. Und wirklich unerhört ist es für Frauen - am Ende des Gebetes und vor Wiederaufnahme der Konferenz - das Mikrophon zu ergreifen und öffentlich die Art und Weise zu kritisieren, in der die Männer gebetet haben. 
 All das geschah auf einer Konferenz für religiöse Führungspersönlichkeiten, die im Oktober 98 im Kibbutz Ramat Rahel stattfand. Dies allein verriet eine Menge über Natur und Gehalt dieser Konferenz. Sie war einberufen worden, um einen neuen Zugang zum religiösen Zionismus und zur modernen Orthodoxie zu gewinnen als Teil der Bemühungen, ein gemäßigtes modern-orthodoxes Judentum zu kreieren als Gegengewicht zur "Haredization", zur "Ultraorthodoxiesierung", des religiös-zionistischen Lagers. 
 Einer der Hauptpunkte der Konferenz - unterstützt von der Jewish Agency, Bar Ilan Universität, Beit Morasha, Hakibbutz Hadati und dem israelischen Zweig der Jeshiva Universität - war die Rolle der Frauen im religiösen Leben des orthodoxen Judentums. 
 So war es nur natürlich auf dieser Konferenz, daß Bila Admonit, Erzieherin aus Jerusalem, ihre Leidensgenossinnen, die weiblichen Teilnehmerinnen dafür kritisierte, daß sie in hochfliegenden Tönen über die Notwendigkeit einer erweiterten Rolle der Frauen in der jüdischen Liturgie sprachen, jedoch nicht bereit waren, sich am Minha-Gebet zu beteiligen. Und ebenso natürlich war es auf dieser Konferenz, daß eine andere Frau, Estie Rosenberg, Lehrerin am "Midreshet Lindenbaum" in Jerusalem, die Männer zur Rede stellte über beides, warum sie keinen gebührenden Sektor für die Frauen beim Gebet organisiert hatten und warum sie selbst sich nicht die Zeit genommen hatten, angemessene Gebetszeiten einzuhalten. 
 Admonit und Rosenbergs Vorhaltungen decken einen merklichen Trend in der modernen Orthodoxie auf - die Forderung der Frauen nach neuen Antworten auf ihre spirituellen Bedürfnisse und ihre Bereitwilligkeit, männliche Verhaltensweisen, religiöse Zeremonien betreffend, anzuzweifeln, besonders wenn sie Frauen ausschließen. Dieser Trend ist an der wachsenden Zahl modern-orthodoxer Frauen spürbar, die fordern, an Simhat Tora mit der Torarolle zu tanzen, einen Frauen-Minjan am Purimsfest zu bilden, Kaddish, das Totengebet zu sagen und am Sukkotfest den Lulav und den Etrog zur Synagoge zu tragen. Dieser Trend hat im letzten Sommer einen besonderen Aufschwung erhalten mit der Einrichtung des "Religiösen-Frauen-Zentrums", einem Projekt modern-orthodoxer Frauen, das vorhat, das Bewußtsein für die mögliche Rolle der Frau im religiösen Leben zu vergrößern. Sein Ziel ist es, die Frauen mehr ins religiöse Leben zu integrieren. 
 Während politische Fragen über Frieden und Gebietsansprüche einer gewissen Lösung entgegen gehen, werden andere Problempunkte die Agenda der religiös-zionistischen Tagesordnung bestimmen. Einer dieser Punkte ist - so ein Rabbiner auf der Konferenz, der namentlich nicht erwähnt werden wollte - das Anliegen der Frauen, eine größere Rolle in der Religion spielen zu wollen. Wenn dieses Problem nicht sorgfältig bedacht und behandelt werde, könne es zu einer Spaltung in der modern-orthodoxen Welt kommen. 
 Eine Frau, die eine Spaltung in dieser Frage nicht sonderlich beunruhigt, ist Rivka Lubitch, 38 Jahre alt und Mutter von drei Kindern aus dem Kibbutz Nir Etzion. Frau Lubitch, die ein BA des "Jerusalem College for Woman" und ein MA der Bar Ilan Universität besitzt, studiert gegenwärtig an der Bar Ilan Universität, um Rechtsanwältin am religiösen Gericht zu werden. Sie sagt, die Zeit ist gekommen, die Fesseln der Halacha, des Religionsgesetzes, in dem, was sie den Frauen nicht erlaubt, zu sprengen. Und wenn das Ergebnis eine Spaltung innerhalb der Gemeinschaft ist, sagt sie, so soll es so sein. "Eine Spaltung sorgt mich nicht", sagt Lubitch in einem Interview im Kibbutz Lavi, wohin die Konferenz am zweiten und dritten Tag umgezogen ist. "Warum muß ich am Rand stehen und nach innen schauen?" 
 Nach Lubitch, deren sanft-leise Art und Weise darüber hinwegtäuscht, wie leidenschaftlich sie sich einsetzt, "gibt es in jeder Generation Probleme, die so wichtig sind, daß du zuerst einen Durchbruch erreichen willst, bevor du fragst, ob das 'okay' ist. Ich kenne Frauen, die sind in jeder Beziehung orthodox und sie fragen die Rabbinen zu jedem Problem, jedoch nicht zur Frauenproblematik. Die liegt ihnen so sehr am Herzen, daß sie Pionierinnen sein wollen für einen Durchbruch - nicht nur die Halacha zu erweitern, sondern tatsächlich darüber hinauszugehen." Frau Lubitch weiß die nächste Frage im voraus: Wenn Frauen es auf sich nehmen, in dieser Frage über die Halacha hinauszugehen, wie unterscheiden sie sich dann noch von der Konservativen- oder Reformbewegung, die entschieden haben, auch in anderen Punkten über die Halacha hinauszugehen? "Wenn die Frauen die Grenzen in jedem Gebiet bewahren, nur in dem einen nicht, und an dieser Stelle etwas darüber hinausgehen, dann werden wir im orthodoxen Lager bleiben", sagt sie. "Wenn wir in jeder Frage die Grenzen überschreiten, dann ist es eine ganz andere Geschichte." In ihrer Rede auf der Konferenz sagt Frau Lubitch, daß die Bildung einer religiösen Führungsschicht von Frauen, eine natürliche Folge des Boomes von Frauen-Jeshivot in den letzten Jahren sein wird. Es ist nur eine Frage der Zeit, sagt sie, bis Frauen als halachische Richterinnen akzeptiert, bis mehrere weibliche Rechtsanwältinnen am rabbinischen Gericht zu Fragen von Heirat und Scheidung ihre Stimme erheben und bis mehrere orthodoxe Frauen in den Munizipalgerichten des Landes sitzen werden. Es ist wahrscheinlich, sagt Lubitch, daß Frauen in ihren halachischen Entscheidungen unabhängiger sein werden, weil sie nicht in der Welt der (Männer)-Jeshivot aufwachsen und weil sie keine Untertanentreue zu dem einem oder dem anderen Rabbiner beweisen müssen. Während es für einige Rabbiner schmerzvoll und schwierig sein mag, über das hinauszugehen, was die Regel in Sachen Frauen für ihre eigenen Rabbiner war, so sagt Frau Lubitch, sei dies für sie nicht so. 
 Frau Lubitch ist schonungslos offen in ihrer Beschreibung des Status der Frauen in der Orthodoxie heute: "In meinem Judemtum - orthodox, religiös, zionistisch - ist der Status der Frauen nicht gut", sagt sie der Konferenz, "in einem Wort, er ist schlecht". Für die Existenz des Judentums seien Frauen irrelevant. Im Kontrast dazu könne die Tora nicht ohne Männer existieren. In einer vorgestellten Welt, in der alle Einwohner Frauen wären, würde es keinen Tallit, keine Tefillin, keine Mesusot, kein Shofar, keinen Lulav und Etrog und, in Übereinstimmung mit einigen Autoritäten, auch keine Haggada geben. Dagegen, wenn auf der Welt nur Männer leben würden, würde das Judentum nicht viel anders aussehen als heute. Je mehr Frauen es strenger und peinlich genau in ihrer Befolgung der Religion nehmen, um so weiter wird sich eine Kluft auftun. "Es gibt keinen Weg, darüber nicht frustriert zu sein", sagt sie. 
 Die Bereitschaft von Frau Lubitch in dieser Frage über die Halacha hinauszugehen, war auf der Konferenz nicht allgemein akzeptiert. "Ich fühle ihren Schmerz", sagt Rabbi Jeffrey Woolf, Talmudlehrer an der Bar Ilan Universität. "Es kann mehr getan werden, aber die Tora kann nicht alles zufriedenstellen. Ich hoffe, sie wird die Halacha nicht durchbrechen. Wir müssen nach befriedigenden und erfüllenden Ausdrucksformen innerhalb des normativen rabbinischen Judentums Ausschau halten." Und solche - darauf bestand er - gebe es. 
 Obwohl sich nicht jede mit ihren Gefühlen identifiziert, sagt Lubitch, denken doch immer mehr Leute wie sie. Dies sei ein Ergebnis des Feminismus, der den Westen erobert hat, und der dramatisch anwachsenden Zahl von Frauen, die Tora studieren. 
 Weder Lubitch, noch die religiösen Frauen-Zentren sagen genau, welche Veränderungen für Frauen sie im jüdischen Ritual wünschen. Sie haben keine Agende, die von den Frauen verlangt, die Tora zu lesen, Tefillin anzulegen oder Tzizit zu tragen. Lubitch sagt, daß es innerhalb der orthodoxen Feministinnen zwei verschiedene Schulen in dieser Frage gibt: eine, die möchte, daß Frauen sich wie Männer verhalten, die andere, daß Frauen neue, eigene Entwürfe schaffen, wie z.B. das Lesen der Estherrolle an Purim, was sich im Laufe der Jahre verstärkt durchgesetzt hat. "Ich fühle mich nicht unter Druck gesetzt, jetzt schon Antworten zu haben", sagt Lubitch auf die Frage, welche Rolle sie sich für Frauen in der Synagoge vorstellt. Diese Frage werde mit der Zeit eine Antwort finden, so wie verschiedene Formen einer Einbeziehung der Frau nach und nach ausprobiert werden müssen. 
 Rachel Levmore, eine rabbinische Rechtsanwältin aus Efrat, die ebenso engagiert im religiösen Frauen-Zentrum ist, sagt, ihr größter Wunsch sei es, "daß Frauen respektiert werden und daß sie die Möglichkeit haben, sich im Gottesdienst selbst auszudrücken in einer Weise, in der sie Erfüllung finden, - alles innerhalb der Richtlinien der Halacha". Levmore meint, daß die Zulassung weiblicher rabbinischer Rechtsanwältinnen in den frühen 90er Jahren dem orthodoxen Feminismus einen dramatischen Aufschwung gegeben hat. Veränderungen im Gottesdienst würden kommen, wenn die Frauen ein wirkliches Bedürfnis spüren, an dem einem oder anderen Ritual teilzunehmen. Das Lesen der Estherrolle von Frauen an Purim, sagt sie, wurde aus einem wirklichen religiösen Bedürfnis vieler Frauen geboren. Dasselbe träfe auf einige Frauen zu, die das Recht einfordern, das Kaddisch, das Totengebet, in der Öffentlichkeit sprechen zu dürfen wie die Männer. Die Gemeinschaft sollte Veränderungen akzeptieren, wenn sie von einem "wirklichen Bedürfnis herrühren", sagt sie, "nicht aber, wenn es nur um einen revolutionären Akt geht oder es nur geschieht um zu widersprechen". Um den Unterschied zu demonstrieren, nennt Levmore die Frauen, die an Simhat Tora tanzen. Dies entspricht nicht der Norm in Israel, nicht einmal, wenn es hinter der Mehitza, der Trennwand in der Synagoge zwischen Männern und Frauen, geschieht. "Zu sitzen und die Männer tanzen zu sehen, ist für Frauen Zeitverschwendung", sagt sie. "Wenn eine Frau tanzen möchte, um ihre Freude auszudrücken, oder wenn eine junge Frau mit ihrer Großmutter tanzen möchte, dann hat das Bedeutung. Wenn sie nur tanzen wollen, um den Männern zu zeigen, daß sie es auch tun können, dann ist das etwas ganz anderes." 
 Daß modern-orthodoxe Frauen sich mit Fragen beschäftigen, wie dem Sprechen des Kaddisch, der Lesung der Estherrolle oder nur dem Öffnen der Vorhänge der Abtrennung, um die Predigt des Rabbiners zu hören, erscheint trivial in einer Zeit, wo Frauen in Konservativen- und Reformgemeinden in der ganzen Welt als Rabbinerinnen amtieren. Aber die Veränderungen sind bedeutend für Frauen, die innerhalb des halachischen Systems arbeiten wollen. "Wir sagen nicht, brecht das System", sagt Levmore, "sondern wir wollen das System verändern". Diese Veränderung ist unvermeidlich, sagt sie, wenn mehr und mehr Frauen das Bedürfnis dazu verspüren und sie einfordern. Wenn dies geschieht, werden die Rabbiner keine andere Wahl haben, als mit ihrem halachischen Stempel die Genehmigung zu geben. 
 Dieser Prozeß, wie Lubitch und Levmore bezeugen, ist bereits auf dem Weg. 

                                                     Übersetzung aus dem Englischen von Kathrin Schleupner
 

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Ruth Mason, Tora mit einem feministischen Pfiff

In  The Jerusalem Post, 9.12.1997 

Eine Gruppe von Frauen kam kürzlich nach Jerusalem, um jüdische Texte aus einer anderen Perspektive zu studieren. 

 Die Studenten sitzen in kleinen Gruppen über alte Texte gebeugt, stellen Fragen, forschen und diskutieren Punkte der Gesetzeslehre. Während sie studieren, geht der Rabbiner durch ihre Reihen und bietet seine Hilfe an. Der Lehrer sitzt in einer Ecke und bereitet sich für die nächste Stunde vor. Obwohl sie sich in einem jahrtausendealten Prozeß befinden, jüdische Texte zu studieren, sind diese Studenten, Lehrer und Rabbiner in Wirklichkeit Pioniere. Sie sind alle Frauen und nehmen teil an "Bat Kol" (Himmelsstimme, wörtl.: Tochter der Stimme), einem feministischen Bet Midrasch, einem Lehrhaus für Frauen. 
 "Wir benötigen einen Platz, wo Menschen jüdische Texte von einer feministischen Perspekive aus studieren können, weil Fragen der Geschlechterbezogenheit an der Front dessen stehen, was die Gesellschaft heute diskutiert. Wenn wir das im Judentum nicht erkennen, schließen wir die Hälfte der jüdischen Gesellschaft aus", sagt Rochelle Robins, die "Bat Kol" zusammen mit Sara Levine gegründet hat. 
 Vor 10 Jahren lebte Levine, damals war sie 23 Jahre alt, im Women's Peace Camp in Seneca, New York, direkt neben dem zweitgrößten Nuklearlager der Welt. Levine wuchs in einer traditionellen jüdischen Familie auf, die kosher aß und an einer "konservadoxen" Synagoge am Schabbat teilnahm (am Freitagabend aber zu Treffen des linkssozialistischen "Hashomer Hatza'ir" ging). 
 "In Seneca", sagt Levine, "war ich einem linken Antisemitismus ausgesetzt. Deshalb habe ich angefangen, eine Kippa zu tragen." Sie behielt sie auch auf, als sie nach Ithaca zurückkehrte. "Frauen kommen zu mir und sagen 'Früher war ich jüdisch' oder 'Ich wußte nicht, daß Frauen auch eine Kippa tragen können'. Und ich begann zu verstehen, wieviele entfremdete jüdische Frauen da draußen sind. Viele von ihnen haben das Judentum verlassen, weil sie fühlen, daß es dort keinen Raum für sie gibt. Ich wollte für solche Frauen einen Raum schaffen, wo sie gleichzeitig Feministinnen und Jüdinnen sein können." 
 Levine entschied sich, zu einer Rabbinatsschule zu gehen, wo sie die Studentin Robins kennenlernte, Tochter eines Reformrabbiners aus San Jose, Kalifornien. "Ich wußte schon immer, daß ich eine politisch denkende Organisation gründen wollte, die jüdisch ist und Frauen im Blick hat", sagt Robins. "Ebenso wollte ich eine Schule aufbauen, nach der ich mich sehnte, die ich aber nicht finden konnte." 
 Zusammen begannen sie dieses Jahr ihr erstes Programm in Jerusalem - ein sechswöchiges Bet Midrasch, das 15 Frauen aus Israel und den Vereinigten Staaten anzog. "Es bringt mir sehr viel, hier zu sein", sagt Dr. Marcy Epstein, Dozentin in Frauenstudien und Englischer Literatur an der Universität in Michigan. Epstein wuchs in Deal, New Jersey, auf, in einer Zeit, in der es gerade begann, daß Frauen zur Haftarot-Lesung, der Lesung aus dem Prophetenabschnitt, in der Synagoge zugelassen wurden. "Ich habe diese wundervollen Dinge nicht gelernt, die mein Leben bestimmt sehr bereichert hätten", sagt sie. "In "Bat Kol"", fügt sie hinzu, "muß ich mich nicht aufteilen in eine Jüdin und in eine Frau. Es bestärkt sich gegenseitig." 
 Die "Bat Kol" Organisatorinnen gründeten ihr Bet Midrasch in Israel, weil sie eine enge Bindung zum Land Israel verspürten und weil sie hier einen Beitrag zum religiösen Pluralismus leisten wollten. "Viele Juden/Jüdinnen fühlen sich insgesamt von Israel mit der hier immer größer werdenden Feindschaft gegenüber jedem Judentum, das nicht orthodox ist, entfremdet", sagt Levine. "Wir haben Frauen im Programm, die wären nicht nach Israel gekommen, wenn es nicht für dieses Programm gewesen wäre. Wir versuchen, einen neuen Ort zu schaffen, an dem Frauen, die nicht ins orthodoxe Profil passen, hinkommen und jüdisch sein können in Israel." 
 Levine und Robins gelang es, eine stattliche Reihe bemerkenswerter Frauen zusammenzubringen, Lehrerinnen aus Israel und den U.S.A., unter anderen Dr. Rachel Adler, Dr. Susannah Heschel, Dr. Debbie Weismann (Leiterin des 'Kerem Institut' in Jerusalem, wo auch das Bet Midrasch untergebracht ist), Rabbi Einat Ramon, die erste Israelin, die als Rabbinerin ordiniert wurde, und Leah Shakdiel, die erste Frau mit einem Sitz in einem religiösen Rat. Die Tage sind in Unterrichtsstunden eingeteilt, in denen die Lehrerinnen einen besonderen Text vor der gesamten Klasse unterrichten, in Hevruta-Studien, Lerneinheiten von je zwei Personen zusammen, in Kunst-Work-Shops und Voluntärinnen-Arbeit in sozialen Einrichtungen. 
 "Teil des feministischen Systems ist, mindestens so viel zu geben, wie wir bekommen", sagt Robins. "Wir fühlten, daß es für unsere Studentinnen wichtig war, etwas über Organisationen in Israel zu erfahren, die für einen sozialen Umbruch arbeiten." "Shatil", der technische Unterstützungsarm des "New Israel Fund", half Plätze zu vermitteln. 
 "Es gibt viele feministische Perspektiven im Judentum", sagt Levine. "Wir versuchen nicht, Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen und eine Variation feministischer Lesarten hervorzubringen. Aus diesem Grund haben wir Lehrerinnen mit säkularem, konservativem, Reform-, Reconstructionist- und orthodoxem Hintergrund eingeladen. Indem wir die verschiedenen feministischen Typen 'auf einen Tisch packen', können wir zusammenkommen und ein Judentum kreieren, mit dem alle Juden verbunden sind." 
 Was genau ist eine feministische Auslegung eines jüdischen Textes? Gemäß der Organisatorinnen heißt es, nicht nur zu fragen, was der Text meint und welche halachischen Implikationen es gibt, sondern auch Fragen hinzuzufügen: Was lernen wir über Gender (das soziale Geschlecht) aus dem Text? Welche Rolle spielt der Text in unserem Leben als Frauen? In welcher Beziehung stehen wir zu einem Text, der von Männern geschrieben ist und von Frauen handelt? 
 "Wir untersuchen ebenso einige der größeren Zusammenhänge, die aus feministischer Perspektive auftauchen - soziale Konstruktion, Hierachie, Rollendefinition, Besitzverhältnisse, Sexualität", sagt Levine. "Unsere Klassen gehen über die Teile der Texte, die aus dieser Perspektive schwierig sind, nicht einfach hinweg, wir ringen wirklich mit ihnen", fügt sie hinzu. "Als ich in "Matan" (ein Lern/Studienzentrum für Frauen in Jerusalem) gelernt habe, war die Ausbildung exzellent. Aber immer, wenn ein schwieriger Gegenstand auftauchte und die Frauen in der Klasse ihn mit 'Das ist schrecklich' oder 'Das ist nicht fair' kommentierten, haben wir uns keine Zeit genommen, darüber zu reden. Wir haben den Text einfach weitergelesen. Was wir jetzt versuchen wollen, ist, ein Zentrum zu schaffen, wo wir Fragen stellen können über das, was wir lesen, und wo wir aus einer tieferen Kenntnis der Sache eine Auswahl treffen können." 
 "Wir nehmen uns selbst nicht aus der Tradition heraus, sondern fügen uns in sie ein", sagt Carol Salem, eine Rechtsanwältin aus Salt Lake City, die an einer orthodoxen Jeschiva in Brooklyn ausgebildet wurde. Salem sagt, es hat Jahre gedauert, bevor sie begriffen hatte, wie unkritisch ihre Erziehung gewesen war. "Wir haben einen großen Bedarf an Tora-Schulen dieses Typus", unterstreicht sie. 
 "Wir wollen das Werkzeug, das wir als Frauen haben, nutzen, damit der Text auf eine Weise für uns lebendig wird, die uns bestärkt", sagt Terry Winant, Philosophie-Lehrerin an der Universität Tresno, Kalifornien, die als Reformjüdin aufwuchs. Winant sagt, sie wurde von "Bat Kol" angezogen, weil sie versuchen wollte, ihre feministische, intellektuelle Welt mit ihrem Judentum zu verbinden. "Wir sind ein Labor für das, was passiert, wenn wir in den Raum eindringen, der bisher Männern vorbehalten war", fährt sie fort. "Wir wollen eine das Bewußtsein anregende Auseinandersetzung mit dem Text haben." 
 "Dies ist mein Lebenstraum", sagt Shakdiel, die in der vierten Programmwoche Talmud unterrichtete. "Es ist eine Blütezeit für das Tora-Studium von Frauen; dies ist ganz normal geworden und das macht mich froh. Was hier besonders ist, ist die feministische Perspektive, was sonst selten vorkommt aber wichtig ist. Und jeden Abend gibt es den Versuch, das, was wir gelernt haben, durch das Medium der Kunst zu integrieren. Das ist etwas Besonderes." 
 Die erste Woche des Programms konzentrierte sich auf feministische Theologie, die zweite auf Sexualität, die dritte auf soziale Aktionen und die vierte auf Land und Nationalität. Die Teilnehmerinnen verwandten ebenso viel Zeit auf die talmudischen Diskussionen zum Thema Vergewaltigung und deren Implikationen, wie auf die Sexualität der Frau und ihre Rolle in der Gesellschaft. 
 Die Atmosphäre im Bet Midrasch war ernsthaft und intensiv. "In andere Bate Midrasch kommst Du manchmal hinein und hörst die Leute über die Nachrichten oder ihr Leben sprechen", sagt Levine. "Hier können wir sie nicht einmal überzeugen, eine Kaffepause zu machen." Als wir die talmudischen Texte zur Vergewaltigung studierten, stürmte eine Frau hinaus", sagt Levine. "Was in diesem Raum vor sich geht, ist ein Kampf. Wir haben eine Liebesbeziehung zu dem Text. Wir werden manchmal richtig wütend mit ihm, aber ebenso registrieren wir seine Schönheit." 
 Die Hintergründe der Teilnehmerinnen waren säkular, traditionell oder liberal. Es hatten sich keine orthodoxen Frauen eingeschrieben, aber Robins und Levine hoffen, sie für die Zukunft gewinnen zu können. Einige Teilnehmerinnen wuchsen von klein an mit jüdischen Studien auf, andere hatten wenig Erfahrung damit. Jedenfalls war diese Mischung erfolgreich. Der Austausch von Ideen war dynamisch, hochintellektuell und die ganze Zeit respektvoll. "Wir akzeptierten unsere Verschiedenheiten und achteten sie", sagt Salem. Robins und Levine sagen, daß sie enthusiastische Reaktionen von Israelinnen bekommen hätten. Weismann meint: "Normalerweise haben Menschen, die viel von jüdischen Texten verstehen, keine feministische Einstellung und Feministinnen keine große Kenntnis der jüdischen Texte. Wenn du die beiden zusammenbringen kannst, kann sich etwas Kreatives und Interessantes entwickeln." 
 Während sie betont, daß sie mit der Arbeit von "Bat Kol" nicht vertraut ist, sagt Chana Henkin, Dekanin von "Nishmat", dem Jerusalemer Zentrum für höhere Tora-Studien für Frauen, daß sie das Studium jüdischer Texte bei jeder Gruppe von Juden/Jüdinnen willkommen heißt. "Ebenso denke ich, daß es so etwas wie eine Frauenperspektive gibt", sagt Henkin. "Eine Gruppe von Frauen, die einen Text studiert, wird andere Dinge entdecken als eine Männergruppe." "Ist das, was sie tun, legitim?" fragt sie rethorisch. "Die Texte betreffen jeden Juden. Ich gebe ihnen meinen Segen." 
 Rabbi Danny Landes, Direktor des "Pardes Institut jüdischer Studien", in dem Männer und Frauen zusammen studieren, heißt die Idee eines feministischen Bet Midrasch ebenso willkommen. "Ich denke, das ist eine gute und legitime Sache", sagt er. "Aber als ein Bet Midrasch mit einem besonderem Schwerpunkt, stehen sie verschiedenen Herausforderungen gegenüber: erstens, sie müssen sicherstellen, daß Kreativität Hand in Hand geht mit Gelehrsamkeit; zweitens, sie werden sich dem selben Problem gegenüber gestellt sehen wie die männlichen Bate Midrasch - der Grenze, daß es nur ein Geschlecht ist, das lernt - und drittens, ein ideologisches Bet Midrasch, sei es nun Shas (orientalisch, azionistisch, orthodox) oder national-religiös, läuft immer auf eine gewisse Gleichförmigkeit hinaus. Tora-Studien jedoch sollten Ideologie und Konformität sprengen." 

     Übersetzung aus dem Englischen von Anne-Katrin Helms und Kathrin Schleupner 
 

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Orna Landau, "Gelobt seist Du, der Du mich ... erschaffen hast" 

in  Haaretz vom 24.1.1999 

Immer mehr Schülerinnen auf den religiösen Staatsschulen lernen Talmud. Zum ersten mal können sie über ihren Platz in der Welt vom Standpunkt gleicher Kenntnisse aus diskutieren. Die Revolution ihres Standes als Frauen, Gefährtinnen und Mütter wird allerdings nur ihr Ziel erreichen, wenn sie von den Männern der Gesellschaft akzeptiert wird, in deren Mitte sie leben. 

 In den letzten Jahren hat die feministische Revolution an Kraft verloren. Nach einigen Jahrzehnten, in denen sie eine Reihe von Veränderungen in die Welt brachte Veränderungen, die viel Aufsehen erregten und auf eine große reaktionäre Opposition trafen - hat der Feminismus im Westen und im besonderen in Israel eine Art Stillstand erreicht. Es wurden Erfolge erziehlt, die Wirklichkeit hat sich verändert, aber es ist heute schwierig, Frauen zu finden - besonders junge Frauen - die sich leidenschaftlich für den Feminismus oder für feministische Anliegen einsetzen. 
 Mit dem Fernsehcharakter der Ally Mc Beal, das neue Idol junger ambitionierter Frauen, scheint es, daß das Hauptanliegen der weiblichen Tagesordnung heute lautet: Wie finde ich den Prinz auf dem weißen Pferd - wogegen Fragen nach Gleichheit, verbesserten Möglichkeiten und Selbstverwirklichung beiseite geschoben werden. 
 Aber nicht überall. Für junge religiöse Frauen sind dies weiterhin brennende Fragen. Was in den frühen 90er Jahren in einer einzigen israelischen "Midrasha", einer Schule, in der sich Frauen zu weiterführenden religiösen Studien verpflichten, als Avantgarde-Experiment begann, ist in vielen "Midrashot" im Lande zur Norm geworden: Frauen studieren Talmud. Frauen bevölkern die "Midrashot" in dem gleichen Maße, wie Männer die "Jeshivot-Hesder" füllen, Schulen, die Jeshiva-Studien mit dem Militärdienst verbinden, und vormilitärische, jüdische Studienprogramme. In der kurzen Zeit von einigen Jahren fand eine wirkliche Revolution statt; und das in einer Gesellschaft, in der männliche und weibliche Rollen getrennt sind - besonders im Tora-Studium, festgelegt seit einigen tausend Jahren. Es wurde eine neue Wirklichkeit geschaffen, in der auch Frauen Tora-Studien betreiben. Zum ersten Mal können Frauen über ihren Platz in der Welt vom Standpunkt gleicher Kenntnisse aus diskutieren. 
 Und wenn über das Ausmaß dieser Veränderungen noch Zweifel bestanden haben sollten, so war der Studientag an der Bar Ilan Universität anfang Januar - unterstützt vom "Fanya Gottesfeld Heller Zentrum für judaistische Frauenstudien" - Beweis genug dafür, daß fortgeschrittene religiöse Studien für Frauen schon selbstverständlich geworden sind. Der Tag wurde unter dem Motto "Herausforderungen in der Erziehung religiöser Mädchen" für religiöse ErzieherInnen veranstaltet. Und diese stellten denn auch das Hauptpublikum. Selbst wenn einige besonders fortschrittliche Ideen, die von RednerInnen vorgetragen wurden, ein unstimmiges und eher ablehnendes Gemurmeln provozierten - als z.B. Shira Breuer, Direktorin des "Pelech-Gymnasiums"^^ für Mädchen in Jerusalem, forderte, daß religiöse Schulen für Mädchen besser von Frauen als von Rabbinern geleitet werden sollten - trafen aber andere Erklärungen, die vor einigen Jahren noch genauso revolutionär geklungen hätten, auf wenig Widerspruch; so z.B., als Rabbi Yaakov Ariel aus Ramat Gan, (ein Mann der den Ruf hat, eher zurückhaltend zu sein), sagte, daß die veränderte Rollenbestimmung religiöser Mädchen willkommen geheißen werden sollte. Viele andere RednerInnen betonten, daß die Revolution für Frauen, die mit den Tora-Studien in den "Midrashot"^^ begann, nicht aufgehalten werden, sondern im Gegenteil, mit ihr viel früher begonnen werden sollte, schon im Gymnasium oder in der Realschule. 
 In den frühen 90er Jahren führte Dr. Tamar Rappaport von der Fakultät Erziehungswesen der Hebräischen Universität, eine Studie über die Erziehung religiöser Mädchen durch. Obwohl nur vor wenigen Jahren veranstaltet zeigt diese Studie ein ganz anderes Bild als die Wirklichkeit heute. "Mein Eindruck damals war, daß man sich ganz und gar darum bemühte, die jungen Frauen auf die normative Rolle der Frau vorzubereiten", sagt Rappaport. "Man versuchte, die Rolle in ihre Köpfe einzupflanzen und wenn sich ein Mädchen allzu widerspenstig zeigte wurde sie solange zum Rabbiner geschickt, bis sie am Ende einsah, daß dies 'die richtige Sache' ist." 
 "Die richtige Sache" war für die Zehnjährigen damals, und in den meisten religiösen Mädschenschulen ja auch noch heute, alle Aspekte des Lebens der einen Sache unterzuordnen, der Rolle als Mutter und Ehefrau. "Die religiösen Mädchen wollten lernen", erklärt Rappaport, "aber es war für sie klar, daß sie einen Beruf wählen würden, der sich leicht mit der Gründung einer Familie vereinbaren läßt. Es gibt einige Ausnahmen, sie studieren Medizin oder Jura, aber am Ende entschieden die meisten, Lehrerinnen zu werden." 
 Die Mädchen, mit denen Rappaport sprach, rebellierten nicht gegen die Aufgabe, eine Familie zu gründen, noch zeigten sie ein besonderes Interesse daran, fortgeschrittene religiöse Studien zu betreiben, wie die Jungen. "In den frühen 90er Jahren drückten sie keinen speziellen Wunsch aus, Talmud zu lernen", sagt Rappaport. "Dies trat erst später sichtbar hervor, auch noch nicht in der Zeit der höheren Schule. Das passierte wohl erst zur Zeit ihres freiwilligen nationalen Jahres anstatt des Militärdienstes nach dem Gymnasium." 
 Mit dem Alter von 19 oder 20 Jahren, nachdem die Mädchen ihren Nationaldienst geleistet hatten, kamen sie in die "Midrashot", und dieselben Mädchen, deren religiöse Welt einige Jahre früher noch so klar eingegrenzt war, entdeckten die Gemara, den Talmud. Die Definitionen der religiösen Welt, die sie in ihrem Teenager-Alter noch befriedigten, reichten nicht mehr länger aus. Esti Rosenberg, Direktorin der "Midreshet Migdal Oz" in Gush Etzion, sagt daß viele junge Frauen in der "Midrasha" sich beschweren, daß die religiöse Welt, in der sie groß geworden sind, keine positiven Inhalte hat. "Sie wissen, was sie nicht zu tun haben", sagt Rosenberg. "Sie brechen den Schabbat nicht, sie tragen keine Hosen, usw. - aber da ist nichts Positives." Rosenberg meint, daß die Suche nach etwas Positiven die Frauen zu Tora-Studien führt. "Die "Midrashot" wurden aufgrund eines inneren Bedürfnisses eingerichtet. Die Mädchen entschieden, ihr religiöses Leben in die eigenen Hände zu nehmen - es sollte nicht mehr abhängig sein vom Erziehungssystem oder vom Ehemann." 
 Die "Midrashot" entsprangen einem inneren Bedürfnis, aber nicht gerade dem der Jugendlichen, die hier lernen, sondern dem älterer religiöser Frauen, die es verstanden, die jugendlichen mit ihrer Begeisterung für Tora-Studien anzustecken, manchmal fast gegen ihren Willen. 
 Die Jerusalem "Pelech-Schule" wurde die Pionierin im religiösen Feminismus auf dem Gebiet der höheren Schulen. Breuer, die Direktorin, bemerkt, daß sie schon seit 20 Jahren Gemara lehren. Heute haben sie zusätzlich zu den Talmudstudien Kurse, die Frauenthemen behandeln, wie z.B. 'Frauen in der Tora', sowie ein Studienprogramm in Frauenfragen, ähnlich dem der Universitäten. 
 Es ist zweifelhaft, ob es in Israel so viele säkulare Gymnasien gibt, die so fortschrittlich sind, wie die "Pelech-Schule" mit ihren Frauenstudien. Aber trotz dieser alten Tradition der Schule, sagt Breuer, fühlten sich die Mädchen bis vor kurzem unbehaglich mit den feministischen Aspekten des Studienprogramms. "Vor 15 Jahren wollten die Mädchen davon noch nichts hören", sagt sie. "Sie lernten zwar Gemara, aber sie fühlten sich nicht wohl mit den feministischen Anliegen. Das waren nicht die Themen, die in den Jugendgruppen auftauchten und vom religiösen Standpunkt aus erregten sie Bedenken. Später konnten wir eine Veränderung beobachten. Vor einigen Jahren noch, lehnten die Mädchen es ab, im Rahmen der Lesung von Frauen für Frauen die Estherrolle zu lesen, weil sie sich fragten, was sagen die in der religiösen Jugendgruppe "Bnei Akiva" dazu? Heute ist der Raum überfüllt, wenn sie die Rolle lesen und es gibt mehr Mädchen, die lesen möchten, als wir unterbringen können. Sie kommen alle. Dieser Prozeß ist typisch für die religiöse Gesellschaft heute - zaghaft beginnen sie und begeistert fahren sie fort." 
 Es gibt viele Anzeichen dafür, daß die religiösen Studien von Frauen die religiöse Welt erobern. "Heute gibt es ein "Kollel" (ein subventioniertes Voll-Zeit-Programm für religiöse Studien) für Frauen", sagt Prof. Tova Cohen, die den Vorsitz für das judaistische Studienprogramm für Frauen an der Bar Ilan Universität inne hat. "Vor kurzem", fuhr Cohen fort, "war ich auf einer Hochzeit, auf der die Braut unter dem Baldachin Worte der Tora sprach, und auf einer anderen Hochzeit hielten Braut und Bräutigam gleichzeitig eine religiöse Ansprache. Aber selbsverständlich ist das nur eine auserwählte Elite. Dies ist zu den normalen religiösen höheren Schulen noch nicht vorgedrungen. Aber es handelt sich um die Grundlegung für eine neue weibliche Führung." 
 Aber Veränderungen haben ihren Preis. Während Tova Cohen von einer jungen Frau erzählt, die Informatik und Talmud studierte, die jetzt Tora in einem Voll-Zeit-Kollel lernt, führt sie als Gegenbeispiel ein junges Paar an, daß sich trennte, als der junge Mann erfuhr, daß seine Freundin eine Ansprache auf ihrer Hochzeit halten wollte. "So weit es das Familienleben angeht, ist die Bedeutung der gegenwärtigen Veränderungen keine einfache Sache", sagt Cohen. "Frauen, die sich in das Gebiet der religiösen Studien vertiefen, brauchen Männer, die sie akzeptieren. Es ist so, wie in der allgemeinen feministischen Revolution." 
 Mit einem Unterschied: Die religiöse Gesellschaft sieht die Errichtung einer Familie nicht nur als eine persönliche Sache zwischen zwei Menschen an, sondern auch als eine nationale, religiöse und soziale Angelegenheit, in der die Frau eine zentrale Rolle einzunehmen hat. "In meiner Untersuchung", sagt Rappaport, "stellte ich fest, daß hier der Frau eine übergeordnete Rolle zugewiesen wird, vielleicht als Ausgleich zu ihrer sonstigen untergeordneten Rolle im alltäglichen Leben. Diese Überlegenheit der Frau gegenüber der Infantilität der Männer, kommt dadurch zum Ausdruck, daß sie den Trieb in Zaum zu halten hat und so verantwortlich ist für die Familienmoral." 
 Also was passiert mit einem jungen Mädchen von 16 Jahren, das weiß, daß Männer voller Triebe sind, und dessen Aufgabe es ist, diese Männer behutsam zu dirigieren, während sie Tora studieren; und sie im Alter von zwanzig selber bereits nicht wenig Tora versteht? "Hier liegt ein Problem und es wird schlimmer werden", sagt Breuer. Die meisten der ehemaligen Schülerinnen, die sie in der letzten Zeit auf Ehemaligentreffen gesehen hat, sind tatsächlich in verschiedenen "Midrashot" zu fortgeschrittenen Tora-Studien übergegangen. "Ich denke, das Problem wird sich zuspitzen, es sei denn, die Jeshiva-Leiter sprechen dieses Problem an. Ich weiß, daß man jetzt in der Leitung der höheren Jeshivot davon spricht, Familienstudien in den Lehrplan aufzunehmen. So etwas gab es bisher kaum in höheren Mädchenschulen und überhaupt nicht in Jungenschulen und Jeshivot. Aber angesichts der veränderten Situation verstehen die Jeshivot-Leiter, daß sie sich mit dem Problem auseinandersetzen müssen. Frauen der Toraschulen sehen die Kluft zu ihren Kolleginnen. Dies ist ein Problem, daß Familienbildungen erschwert." 
 Die Bedrohung für die Familie beängstigt auch Rabbiner wie Rabbiner Ariel und viele Erzieher. "Ich habe vom Leiter einer religiösen Mädchenschule gehört, daß fortgeschrittene religiöse Studien (für Frauen) das Gleichgewicht der Familieninstitution stören", sagt Breuer. "Es gibt also die verschiedensten Sichtweisen, wie diese Revolution zu bewerten ist. Aber ich glaube, daß etwas zu machen ist. Alles muß in dem Bewußtsein beginnen, daß die Frauen aktiver am religiösen Leben teilnehmen wollen. Ich denke, daß es genügend junge Männer gibt, die sich damit arrangieren können." 

                                                  Übersetzung aus dem Hebräischen von Kathrin Schleupner
 

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