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Aus dem Inhalt von Heft 1 des 10. Jahrgangs (2004) 
 
 
Editorial 
Sie haben das erste Heft des 10. Jahrgangs von Religionen in Israel (RiI) vor sich. Die Israel Interfaith Association (IIA) hat in diesem Zeitraum eine turbulente Zeit hinter sich, im Gleichschritt mit der politischen Entwicklung im Staat. Trotz aller zunehmenden Schwierigkeiten im Zusammenleben von Juden und Arabern in der Region und im Staat selbst, trotz einer Verschärfung auch der religiösen Spannungen im Land, die einen großen Einfluss auf unsere Arbeit haben, versuchen wir weiterhin, unseren Beitrag zur Versöhnung der Anhänger der monotheistischen Religionen in Israel zu leisten. 
 In der letzten Zeit mehren sich die Stimmen, größere Aktivitäten in dieser Richtung zu unternehmen. Wir arbeiten weiter mit der arabisch-jüdischen Gruppe um den Archimandriten Emile Shoufani in Nazareth zusammen, an deren Auschwitzreise wir uns im letzten Jahr beteiligt haben. 
 Dieses Heft hat die veränderte Situation der Christen im Land zum Thema. Da das gesamte Material in diesem Heft nicht Platz fand, wird auch das nächste Heft diesem Thema gewidmet sein. Daneben haben wir einen früheren Brauch wieder aufgegriffen, Hintergründe zu aktuellen Entwicklungen aufzunehmen. 
 Wir bedanken uns für alle im letzten Jahr erhaltene finanzielle Unterstützung, ohne die wir unsere Arbeit nicht hätten fortsetzen können. Besonders seien die Rheinische Kirche und der Evangelische Arbeitskreis Kirche und Israel in Hessen und Nassau hervorgehoben. Von einzelnen Kirchengemeinden erhielten wir Kollektenspenden und natürlich auch von zahlreichen Beziehern von RiI. Allen sei herzlich gedankt. 
 Ferner möchte ich auch den Mitarbeitern an diesem Heft danken, Jörg Bremer für den Abdruck seines wichtigen Artikels, Hans-Georg Vorndran für das Zurverfügungstellen eines Photos, Kai Patri für die Übersetzung des Artikels aus Haaretz, sowie für die Arbeit des Korrekturlesens, an der sich auch wieder Astrid Popien, beide zur Zeit in Israel, beteiligt hat. 
 Zum Schluss möchte der christliche Herausgeber des Heftes seinem jüdischen Kollegen, Joseph Emmanuel, der seit einiger Zeit in einem Erholungsheim einen Beinbruch auskuriert, gute Besserung und Courage wünschen. 
Jerusalem, im Februar 2004                   Joseph Emmanuel und Michael Krupp 

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 Christen im Heiligen Land

Von Jörg Bremer; Israelkorrespondent der FAZ

JERUSALEM, im Dezember. Der Bürgermeister lacht nicht mehr. In seinem holzgetäfelten Büro über dem Krippenplatz von Bethlehem sagt Hanna Nasser das dritte Jahr die städtischen Feiern zum Weihnachtsfest ab. Müde und resigniert sieht er so aus, wie die gesamte christliche Minderheit in den palästinensischen Gebieten, allein gelassen und ohne Hoffnung. Denn selbst wenn es einmal Frieden geben sollte, für die etwa 50 000 Christen im zukünftigen "Palästina" würde das auch nicht die Rückkehr zur früheren Führungsrolle im einst "christlichen Dreieck" zwischen Bethlehem, Jerusalem und Ramallah bedeuten. "Es wird keinen Empfang der Stadt zu Weihnachten geben", sagt Nasser, "keine Feier auf dem Krippenplatz vor dem Rathaus. Ja, wir werden die hohe Zypresse vor der Geburtsbasilika schmücken. Aber das ist leider wieder nur für uns." Die Christen im Heiligen Land leben von den Pilgern aus der christlichen Welt. Doch die haben weiterhin Angst und bleiben aus.  
 Die Touristen kommen auch nicht in das israelische Nazareth, dem Zentrum von etwa 100 000 israelisch-christlichen Arabern, die hier und in verschiedenen Dörfern um die "Hauptstadt von Galiläa" verteilt leben. Der jüdische Staat behandelte sie nach Staatsgründung nicht anders als die übrigen Araber und unterwarf sie bis in die sechziger Jahre einem strengen Kriegsrecht, das ihnen viel von ihrem Besitz nahm und ihre Bewegungsfreiheit einschränkte. Seither konnten sich die Christen gleichwohl wirtschaftlich hervortun: Sie wurden vor allem Ärzte, Anwälte und Experten in der Touristik-Branche. Allemal in Jerusalem kommen diese palästinensischen und christlichen Araber zusammen. Hier gibt es auch die kleine Gruppe der palästinensischen Christen, die nur einen Jerusalem-Ausweis hat, sonst weder den palästinensischen oder jordanischen Pass der Palästinenser im Westjordanland noch den israelischen der Christen aus Galiläa.  
 Diese arabisch-christlichen Gruppen begegnen sich mit Misstrauen: sie haben unterschiedliche politische Prägungen durchlebt. Die Christen aus Galiläa wollen gleichberechtigte Israelis sein; diejenigen aus "Palästina" gleichberechtigte Christen in einer muslimisch geprägten Autonomie. Jerusalem spielt bei diesen Gruppen weiterhin eine besondere Rolle. Hier residieren die Weltkommunitäten, stoßen die lokalen Kirchen mit ihrer Nähe zur PLO-Oligarchie auf eine von der Politik weitgehend losgelöste Theologie. Hier müssen sich britische Anglikaner der Hohen Kirche einem palästinensischen Bischof unterordnen. Hier versucht ein lutherischer Ortsbischof mit einer politischen Nähe zu PLO-Chef Arafat deutsche Protestanten für sich einzunehmen, die schon wegen ihrer Geschichte politisch nicht abhängig werden wollen. 
  Bleiben noch Wassilij und seine Gruppe: "Meine Mutter ist jüdisch; aber ich bin doch Christ wie mein Vater", sagt Wassilij. Der 25 Jahre junge Mann, groß und blond, trägt die Uniform des israelischen Soldaten und trifft bei einer Kirche in Jaffa einen griechisch-orthodoxen Geistlichen. "Mein Vater ließ sich von der Mutter scheiden und blieb in Odessa. Ich kam mit Mutter und Geschwistern; wir leben nun in Aschdod." Mehr als 15 Prozent der russischen Einwanderer sind nach der Statistik Christen. Dabei bleibt diese Zahl vage; denn diese Einwanderer konnten als Juden kommen, oder als enge Verwandte von Juden, und offenbaren ihren Glauben Israel gegenüber nur ungern. Von 100 000 Seelen spricht die griechisch-orthodoxe Mutterkirche. Diese Menschen seien "vom Kommunismus säkularisiert worden und würden nun von Israel assimiliert". Aber Wassilij, der nach dem jüdischen Religionsrecht wegen seiner Mutter ein Jude ist, sucht eine Kirche: "Herr Bischof, helfen Sie mir", bittet er den Geistlichen in Jaffa und erzählt über seine Probleme in der Familie und als Christ in der Armee. Wassilij ist wie seine Mutter israelischer Bürger; sein Vater würde keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen.  
 Schließlich gibt es noch eine weitere christliche Gruppe im Heiligen Land: Die rumänischen und philippinischen Gastarbeiter. Das sind meist Katholiken, mehr als 20 000 an der Zahl. Sie kamen mit offiziellen Visa; doch die sind jetzt oft abgelaufen. Heute leben viele tausend von diesen Arbeitskräften illegal. Sie schuften für ihre Angehörigen zuhause, verstecken sich vielfach vor den Behörden. An ihren freien Tagen kann man die philippinischen Haushälterinnen in den Kirchen singen hören, während die rumänischen Gastarbeiter vor dem Jaffa-Tor von Jerusalem stehen und schon am späten Vormittag zu viel Bier getrunken haben. "Sie haben kaum Geld; aber für Arak oder Bier reicht es immer; und ihren Frauen zuhause schicken sie fromm Kruzifixe aus Olivenholz", sagt ein Händler auf der Davidstraße in Jerusalems Altstadt. "Das sind arme Schlucker, allein und von allen missachtet", fügt der Händler hinzu. "Aber wer mag schon Säufer!"  
 Grob drei Gruppen von Christen gibt es also im Heiligen Land: Araber in den palästinensischen Gebieten und in Israel, sowie vor allem aus der früheren Sowjetunion eingewanderte Christen inmitten der israelischen Nation. Diese Gesellschaften haben kaum etwas miteinander zu tun. Sie kennen einander wenig; und doch stehen sie gemeinsam als Minderheiten im Kampf um ihre Identität zwischen Judentum und Islam. Noch 1947, vor der israelischen Staatsgründung, waren sieben Prozent der arabischen Bevölkerung Christen; drei Prozent sind es heute in Israel und knapp zwei in den palästinensischen Gebieten. Sie sind im Schnitt besser ausgebildet, weltoffener und darum auch immer auf dem Sprung ins Exil. Oftmals erregt ihr Lebensstil Neid, unter der israelisch-jüdischen unteren Mittelklasse in Nazareth zum Beispiel genauso wie unter den Muslimen in Bethlehem. Diese Christen müssen sich deshalb anpassen, wiewohl für sie ihr Christentum in der Regel nicht nur eine Religionszugehörigkeit ist; es bedeutet vielmehr soziale Heimat, wenn nicht die eigene "Nation".  
 Nadim Khoury ist Christ. Das sagt schon sein Name. Khoury steht im Arabischen für Priester. Der Name kommt oft vor; aber der 42 Jahre alte Nadim ist ein besonderer Khoury. Er braut seit 1995 das beste Bier im Heiligen Land. Er tut das im kleinen Ort Taibeh bei Ramallah in den palästinensischen Gebieten; und nach diesem christlichen Örtchen hat sein Hopfensaft auch den Namen. Eine typische Karriere: Wie so viele palästinensische Christen hat Nadim Verwandte im Ausland. So zog er nach dem Abitur nach Boston und ließ sich zum Handelskaufmann ausbilden. Überdies lernte er wegen einer örtlichen Mode das Brauereiwesen. Nach den Vereinbarungen von Oslo sah er 1993 seine Chance gekommen. Mitten in einer muslimisch bestimmten Gesellschaft, die zumindest nach außen hin Alkohol abhold ist, baute Khoury seine kleine Brauerei auf. Er schaffe damit Arbeitsplätze, sagt er wie zur Entschuldigung, und könne zum Steuerbudget der Gemeinde beitragen. Das Bier wurde sogar ins Ausland exportiert, bis nach Japan und Deutschland. Doch weil es teurer ist als die israelischen Marken, konnten sich selbst die Palästinenser nicht in Massen begeistern. "Was kann schon Gutes aus Palästina kommen", heißt es im palästinensischen Volksmund. 70 Prozent der Produktion ging nach Israel: "Statt Terror sollte es Bier sein; ein stolzes palästinensisches Produkt", sagt Nadim.  
 Doch seit Ausbruch der zweiten Intifada läuft nichts mehr. Die saubere Brauereihalle mit ihren blitzenden Kupferkesseln steht meist leer und still. Gerade noch 20 Prozent der früheren Produktion kann Khoury verkaufen. In Israel will keiner mehr palästinensische Produkte haben. Da gebe es noch eine Bar in Herzlija, die sein Bier ausschenke, sagt Nadim. Aber die spreche nur noch von ihrem "Hausbier". Der Markenname erscheint tabu. Taibeh selbst scheint von der Landkarte verschwinden zu sollen. Obwohl - nach Auskunft im Ort - nie ein Terrorist aus diesem Taibeh kam, wurde die Zufahrtstraße von der israelischen Armee mit Erde und Geröll verschüttet. "Die Soldaten tranken dabei mein Bier und drehten mir den Hahn zu". Jetzt müssen die kleinen braunen Flaschen mit dem dunkelorangen Etikett zu Fuß und auf der Schulter über den Dreck getragen und von dem einen in einen anderen Wagen umgeladen werden.  
 Ortswechsel: Bassem Halun will dem Besucher Nazareth und Umgebung zeigen. Längst ist die Mehrheit in diesem israelischen Nazareth nicht mehr christlich. Zwar haben am Sonntag noch immer die meisten Geschäfte auf der zentralen Straße im Tal bei der Verkündigungskirche geschlossen; doch die Eigentümer sind oft schon Muslime. So verkaufen muslimische Bäcker und Gemüsehändler auch am Sonntag ihre Waren. Im Gemeinderat verpassten die Muslime um eine Stimme ihre 60-Prozent-Mehrheit in der Stadt. So müssen die Christen kämpfen und immer wieder entscheiden zwischen dem jüdischen Staat über ihnen und dem eher islamistisch orientierten Nachbarn. Der Staat Israel entschied für die Christen, als er vor allem auf Bitten des Papstes den Bau einer Moschee im Schatten der Verkündigungskirche verbot. Doch den Streit um den Abriss der Behelfsmoschee und einen anderen Bauplatz müssen die Christen am Ort austragen.  
 Aber Bassem, ein Architekt mit Schnauzbart und Zigarette, fährt mit seiner dicken Limousine an der Baustelle vorbei, wo noch immer ein paar verdreckte islamistische Plakate hängen. Eine "Piazza" soll da nun entstehen, offen für die Pilger, die man in Nazareth erhofft. Bassem geht es um ein anderes Thema: Das christlich-arabische Nazareth ist umgürtet vom jüdischen Nazareth-Illit auf dem Berg. Es kann sich nicht ausdehnen, hat nicht die Möglichkeit, ein eigenes Industrieviertel zu begründen. Stattdessen schlug Israel diesem jüdischen Nazareth-Illit ausladend große Gebiete bis zu christlichen Nachbarorten zu, wo sich die Firmen nun ansiedeln müssen. Bassem hat da mitgebaut und gut verdient. Er hält vor dem großen Unternehmen eines christlichen Vetters, der Maschinen baut. "Auch dem geht es gut; aber liebend gerne würde er die Steuern an unser christliches Nazareth zahlen. Doch hier sackt das jüdische Nazareth ein". So sorge Israel für die Verteilung - zum Nachteil der arabischen Minderheit, resümiert Bassem resigniert.  
 Bassem ist griechisch-orthodox. Vor allem wegen seiner Kinder geht er zur Liturgie gern in die kleine Gabrielskapelle im Herzen des arabischen Nazareth, wo zehn Meter unter der Straße noch immer die Quelle sprudelt, die der Stadt der Marienverkündigung seit Jahrhunderten das Wasser spendet. "Das Wasser, die Ampeln, das schummrige Licht - das gefällt meinen Kindern", sagt er. "Im Übrigen sind wir da unter uns." Das ist ein sonderbarer Satz, den Bassem erklären muss. Nazareth hat seit jüngstem einen Russisch sprechenden griechisch-orthodoxen Priester, der für die "russischen Israelis orthodoxen Glaubens" die Messe liest. Obwohl das nach derselben Liturgie geschieht, obwohl sich Christ und Christ freuen müssten, wenn sie gemeinsam stärker werden könnten, dieser Kontakt wird nicht gesucht. Er wird gemieden. Freilich lehnt nicht nur Bassems Gemeinde eine Verbrüderung ab. Auch "die Russen" wollen sich nicht mit "den Arabern" gemein tun.  
 Der griechisch-orthodoxe Patriarch in Jerusalem müsste ein Interesse daran haben, seine Kirche diesen Russen zu öffnen. Lange schon wird der griechisch beherrschte Klerus von den Arabern bedrängt, Palästinenser zu Mönchen zu weihen und zu Bischöfen zu erheben. Doch die griechische Mutterkirche will sich nicht von den örtlichen Gemeinden ihre Führungsrolle streitig machen lassen. Sie weist arabische Geistliche an, die Heirat zu suchen, um damit nicht über den Priesterstand hinaus wachsen zu können. Jetzt könnte der Patriarch die russischen Christen fördern und damit für sich einen Ausgleich schaffen zwischen den Ansprüchen der Russen und denen der Araber. Tatsächlich aber scheinen historische Animositäten zwischen Zar und Griechenland weiter zu wirken, scheint die Befürchtung groß, Probleme mit dem israelischen Staat zu bekommen. Bisher gibt es offenbar gerade einmal drei griechisch-orthodoxe Priester, die in Nazareth, Jaffa und Jerusalem auf Russisch die Liturgie lesen.  
 Dabei zeigt ein Besuch in Aschdod oder Aschkelon, welches Potential die orthodoxe Kirche nutzen könnte. In diesen Tagen vor Weihnachten sind die Fenster der Händler mit dem "jahreszeitlichen Schmuck" aller christlich bestimmten Städte versehen: Weihnachtsbäume und Engel, Glitter und bunte Elektrokerzen, zwischen denen der jüdische Chanukka-Leuchter wie ein Alibi erscheinen muss. Der Schneider, der Frisör, der unkoschere Fleischer und ein Lebensmittelgeschäft - in dem man "russische Butter abgewogen" kaufen kann, Salzgurken und Twarog scheinen Weihnachten im Sinn zu haben. Aber Wassilij sieht das anders: "Denen geht es um Abwechslung und Werbung. Wir sind in der Mehrzahl weder Juden noch Christen, wollen weder vom Rabbi noch vom Popen bedrängt werden. Das alles erinnert nur an Obrigkeit und Macht. Wir aber kamen her, um freier zu sein und um Geld zu verdienen."  
 In Jerusalem sagt kritisch ein orthodoxer Geistlicher über seine eigene Kirche: "Wir sind wie die Pharisäer von einst. Wir kommen so selbst nicht in den Himmel. Aber wir schließen auch noch vor diesen Russen die Tür". Viel beschworen wird zu Weihnachten die Einheit der Christen. Doch gerade im vermeintlich Heiligen Land scheint die Zersplitterung zum Vorbild zu werden. Seit Jahrhunderten gibt es dort Griechen und Armenier, Kopten und Syrer, Katholiken und seit dem 19. Jahrhundert auch Protestanten. Die Griechen spalteten sich in griechisch-orthodoxe und griechisch-katholische Kirchen. Nun denken russisch-freundliche griechisch-orthodoxe Christen an die Gründung einer eigenen griechisch-russischen Kirche. Seit ein paar Wochen hat die katholische Kirche einen ihrer Mönche zum Bischof einer neuen messianisch jüdisch-christlichen Kirche geweiht. Allein die Grabes- und Auferstehungsbasilika Jerusalems müssen sich Griechen und Armenier, Franziskaner, Syrer, Äthiopier und Kopten teilen.  
 Ortswechsel: Bürgermeister Nasser in Bethlehem hat wirklich nichts zu lachen. Seit Monaten muss auch er vor Gericht gegen Israel kämpfen, das das Land seiner Familie für den Bau eines Zaunes requirierte, um damit das traditionelle Grab der Rachel zu umschließen und mit Jerusalem zu verbinden. Es ist der Kampf der angesehenen christlichen Familien mit Israel, den zum Beispiel die armen muslimischen Nachbarn ein paar Meter weiter im Flüchtlingslager von Aida mit Aufmerksamkeit verfolgen. Werden es die "Reichen mit ihren Verbindungen" schaffen? Wird sich wieder zeigen, dass diese "Christen eigentlich wie die Zionisten" sind?, heißt es im Argwohn der muslimischen Nachbarn. Aus dem Lager und aus den muslimischen Städten waren die Terroristen gekommen, die die Jerusalemer Vorstadt Gilo beschossen; "und die Christen guckten zu, als würde es sich nicht um ihr Land von Bethlehem und Beit Jala handeln. Wir kämpften doch für sie", sagen die im Lager.  
 Noch 1994 war Bethlehem eine christlich bestimmte Stadt. Heute sind vielleicht noch 30 000 der 130 000 Bürger von Bethlehem Christen. Die meisten davon aus Bethlehem und den Nachbarorten Beit Jala und Beit Sachur wohnen jetzt bei den schon seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, seit dem armenischen Genozid ausgewandeten Verwandten in Südamerika oder Australien. Jesu Geburtstort wurde darüber zu einer muslimischen Stadt, wo der Muezzin mit lauter Stimme zum Gebet ruft, wenn die Christen in der Messe still das "Vater Unser" beten. Kein Wort der Kritik wird Bürgermeister Nasser aber über die muslimische Mehrheit äußern. Wie für den katholischen Patriarch Sabach in Jerusalem spricht er vielmehr über die "brüderliche Einheit aller Palästinenser," und im Gottesdienst wird lieber eine Lesung aus dem jüdischen alten Testament ausgelassen, um nicht den Eindruck von Nähe zum Judentum aufscheinen zu lassen. 2001 ergab eine Umfrage, dass 45 Prozent der Christen Furcht vor der Mehrheit der Muslime haben.  
 Allein in den letzten Jahren der zweiten Intifada verließen wieder einige hundert Christen Bethlehem, Beit Sachur und Beit Jala. Ihr Eigentum geht oft an Muslime über. Im November 2002 bot der Vatikan nach einer Agenturmeldung den palästinensischen Katholiken 400 000 Dollar an, um Gemeindeglieder zum Bleiben anzuregen. Es kommt zu Spannungen zwischen Klerus und Gemeinden. Die Bischöfe pilgern zu PLO-Chef Arafat nach Ramallah, während die Gläubigen in Bethlehem bisweilen Schutzgelder an die PLO zahlen müssen, damit ihre Geschäfte nicht von "Räubern" ausgeplündert werden. Der Klerus verschafft sich so politische Immunität, und die Gemeindeglieder bleiben allein, lautet der Vorwurf. Kein Wort möchte Bürgermeister Nasser über Vergewaltigungen von Muslimen an christlichen Frauen sagen; ein Phänomen, das von Süd-Ägypten ins Westjordanland kam.  
 Im Sommer 2001 machten sich auch Männer aus einem Lager bei Bethlehem über ein christliches Mädchen her. Es sollte geschändet werden, damit es sich nicht würde ehrenvoll verheiraten können. Es sollte später keine Kinder haben. So solle die Anzahl der Christen weiter dezimiert werden, heißt es. Einige christliche Männer retteten das Mädchen und seine Ehre. In Beit Sachur schlossen sich Väter zusammen, um ihre Töchter zu schützen. Menschenrechtsgruppen berichten auch über die Verhaftung von Muslimen, die zum Christentum übertreten wollten, sprechen von Folter, -  "und die Polizei guckt zu", heißt es dann. Es gibt kaum christliche Polizisten. Als es 1997 in Beit Sachur zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen kam, habe die muslimische Polizei das Feuer auf die Christen eröffnet und sechs Personen verwundet, steht in einem israelischen Bericht.  
 "Das sind alles Einzelfälle", wird entgegengehalten. Doch bleibt, dass die Christen in Israel als Araber von der jüdischen Mehrheit in ihren Rechten bedrängt bleiben. Und es bleibt auf palästinensischer Seite, dass die Autonomie nicht die allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte als Richtschnur proklamiert, sondern das muslimische Recht der "Scharia" als "vorrangige Quelle der Rechtssetzung", wie es im Grundgesetz heißt. Zwar werden alle "monotheistischen Religionen akzeptiert", und ihre Religionsausübung soll gesichert werden. Doch auch der werdende palästinensische Staat bleibt seiner islamischen Vorgeschichte treu und ordnet sich nach der "Scharia" Christen und Juden rechtlich unter. So bleibt es dabei: Jeder Muslim, der die Religion wechselt, begeht eine schwere Sünde und kann mit dem Tode bestraft werden, hieß es 1997 in einer Presseerklärung der Autonomie. Das sei freilich in "Praxis nie geschehen, und wird wahrscheinlich auch nicht passieren".  
 Während die Welt von Ökumene und interreligiösem Dialog spricht, verschwindet die christliche Bevölkerung an der Quelle ihres Glaubens. Sie findet nicht die Kraft zur Einheit. Sie sieht sich gespalten durch ihre Traditionen sowie den politischen Druck von Muslimen und Judentum. Auch wenn mit den russischen Einwanderern orthodoxen Glaubens viele zehntausend neue Christen ins Heilige Land gekommen sind, sieht es schlecht aus um diese Minderheit insgesamt. Israel mag eine Demokratie sein, wo man das Recht vor Gericht erfechten und in der Presse offen diskutieren kann. Die Autonomie mag sich um Demokratie und Reformen bemühen. Doch während sich das Judentum aus seiner alten Unterordnung als "Schutzbürger" unter den Kalifen und Sultanen befreien und stolz eine eigene Identität der Gleichberechtigung schaffen konnte, bleiben die Christen nun unter Muslimen - und in anderem Sinne auch unter den Juden - wie die Dhimmis der Vergangenheit "Schutzbürger" unter dem Recht der religiösen Mehrheit. Sie sind zwar nach der Scharia durch die Bibel "Schriftbesitzer". Aber ihr Status ergibt sich daraus, dass sie ihre Identität nur wahren können, wenn sie die islamische Herrschaft wie auf Knien akzeptieren. 

Geistliche Bedürfnisse

 In dieser verqueren Welt ist Jesus ein "Freiheitskämpfer gegen die Besatzung", der jüdische Messias plötzlich der erste Palästinenser im Kampf gegen die Israelis. In so einer Welt hängt an hohen Feiertagen das Porträt von PLO-Chef Arafat über dem niedrigen Eingang zur Geburtsbasilika von Bethlehem, so dass sich jeder vor dem Präsidenten bücken muss, der zur Geburtsgrotte pilgert. In dieser bedrängten Welt kann eine der heiligsten Stätten der Christenheit zum Kampfplatz werden, wenn wie im Frühjahr 2002 palästinensische Kämpfer aus der Basilika heraus schießen und Israelis ihr Feuer auf das konstantinische Gemäuer richten. Während drinnen Muslime mit den Kruzifixen und Ikonen spielen, sieht die christliche Welt am Fernsehen ungerührt dem Untergang der Christen im Heiligen Lande zu. Sie bemerkt nicht, dass sie damit auch ihre eigene Quelle versiegen lässt. 
                                                      Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors

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