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Aus dem Inhalt von Heft 1 des 9. Jahrgangs (2003) 
 
 
Editorial 
In der letzten Zeit waren wir mit der Initiative einiger israelischer Araber beschäftigt, die planten, gemeinsam mit jüdischen Freunden nach Auschwitz zu fahren, und dieses Vorhaben auch verwirklichten. Wir, die Israel Interfaith Association,  hatten bereits       im vorigen Jahr, ehe irgendetwas von der neuen Initiative bekannt war, ein Seminar       zu dem Thema "Die Schoa aus arabischen Sicht" durchgeführt (Siehe Dokumentation in Heft 1-2003). Direkt nach Bekanntwerden des Projektes, das sich den Namen "Von der Erinnerung zum Frieden" gegeben hat, haben wir die Initiatoren zu einem Seminar gemeinsam mit der Konrad Adenauer Stiftung  eingeladen. Wir waren dann mitbehilflich   zusammen mit der Konrad Adenauer Stiftung bei dem Zustandekommen der       Vorbereitungs- und Nachbereitungsseminare für die Gruppe. Einige von uns, Juden, Christen und Araber, sind mit nach Auschwitz gefahren.  Wir halten die Initiative für bahnbrechend im Verhältnis von Juden, Christen und Moslems in Israel und vielleicht darüber hinaus. Deshalb ist dieses Heft diesem Projekt, der Reise und den damit zusammenhängenden Seminaren gewidmet. 
 In Israel hat diese Reise sofort nach Bekanntwerden ein großes Pressecho ausgelöst. Zweimal erschienen in der Wochenendbeilage der renommierten Zeitung Haaretz mehrseitige Berichte vor und nach der Reise. Nach der Reise gab es zwei einstündige Fernsehberichte im israelischen Fernsehen darüber und mehr ist in Vorbereitung. Im Folgenden  wird in einem ersten Teil über den Hergang der Vorbereitung, die Reise selbst und die Folgeseminare berichtet. Danach folgen Presseberichte und Dokumente aus diesem Projekt. 
 Unser Dank gilt den Übersetzern aus dem Hebräischen und Englischen, Astrid Popien und Andreas Wagner, Astrid Popien und Kai Patri auch für das Korrektur-Lesen des Heftes. 

 Jerusalem, im Oktober 2003                               Joseph Emmanuel und Michael Krupp
 

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Michael Krupp: Als Nichtjude und Nichtaraber mit Arabern und Juden in Auschwitz

Eine persönliche Anmerkung
 

 Ich war einige Male in Auschwitz-Birkenau, das erste Mal mit einer Gruppe von Aktion Sühnezeichen, drei Wochen lang in einem work-camp (ich kann es nicht übersetzen mit 'Arbeitslager'). Wir arbeiteten am Krematorium 3, unweit der Gedenkstätte in Birkenau. Das Krematorium 3 ist wie die anderen Krematorien mit der Ausnahme von Krematorium 1 unterirdisch. Die Nazis hatten es vor ihrem Abmarsch gesprengt. 
 
 
 

 Beim Marsch auf der Rampe
 

 Die Zeit tat das Ihre und drohte, die Mauern des Krematorims einzudrücken, bis nur noch eine Kuhle übriggeblieben wäre und die Nachwelt nicht verstanden hätte, was hier wirklich war. Wir gruben die Mauer aus und stützten sie von außen mit einer neuen Betonmauer, um sie vor dem Einfallen zu behüten. Sie steht bis heute. Unwillkürlich macht man Rechnungen auf. 1969 war dem Holocaust zeitlich näher als das Jahr 2003 dem Jahr 1969. Wie lange wird dieses Denkmal der menschlichen Schande noch stehen? 
 Ich hatte alle einschlägigen Bücher über den Holocaust gelesen, die es damals gab. Ich dachte, ich bin über diese furchtbare Geschichte im Bilde. In Auschwitz lernte ich eine neue Wirklichkeit. Der Plan des Lagers Birkenau verrät die ganze teuflische Absurdidät der nazistischen Ausbeutungs- und Vernichtungsmaschinerie. Das ist die Kraft dieses Ortes. Wir gruben damals neben dem Krematorium in der Schutthalde ein Ein-Quadrat-Meter großes Stück aus, 10 cm tief, und fanden dort 40 Utensilien, Löffel, Brillengestelle, Tabakdosen und einen Stöpsel einer Seltersflasche mit dem Aufdruck Budapest. Wieviele Kilometer ist Budapest von Auschwitz entfernt?
 Diese Fahrt nach Auschwitz mit Arabern und Juden, mit Holocaust-Überlebenden und ihren Kindern, war wieder eine neue Dimension. Diese Fahrt, die Gespräche dort und das gemeinsame Durchwandern, Meditieren und Innehalten war sicherlich das eindruckvollste Erlebnis in meinen 65 Lebensjahren. 
 Leas Mutter war in Auschwitz gewesen. Sie ist heute 85 Jahre und lebt in Tel Aviv. Sie hatte ihrer Tochter genau beschrieben, wo sie eingekerkert gewesen war, in Block 4 im Frauenlager, unweit der Schornsteine, die tagtäglich schwarzen Ruß über das ganze Lager verbreiteten und einen unaushaltbaren Gestank. Der Block 4 im Frauenlager, den wir fanden, passte nicht zu der Beschreibung ihrer Mutter. Er hatte dreistöckige Holzpritschen in Backsteinwände eingemauert. Aber Leas Mutter hatte auf dem Steinboden geschlafen, nahe an dem Ofen, der niemals angezündet wurde. Lea war ganz verzweifelt, sie wollte den Block ihrer Mutter finden. Alex, unser Guide, in Danzig geboren, sagte zu mir, Michael, Du gehst und suchst den Block 4 mit Lea. Wir haben ihn gefunden. Die Nazis haben in der kurzen Geschichte die Blocks mehrfach umnummeriert. Der Block 4, der zu der Beschreibung passte, war abgebrannt, nur noch der Fußboden und die Öfen waren erhalten. 
 Als wir uns bei dem ersten Nachtreffen wiedertrafen, war meine erste Frage an Lea: Lea, was hat Deine Mutter gesagt? Meine Mutter, sagte Lea, meine Mutter hat gar nicht aufgehört zu erzählen. Wir kamen am Freitag Morgen zurück. Ich bin am Freitag Nachmittag wie üblich am Erev Schabbat zu ihr gefahren. Meine Mutter hat niemals etwas über den Holocaust erzählt. Ehrlich gesagt, ich habe sie auch nie danach gefragt. Ich wollte gar nichts wissen. Jetzt hat sie ununterbrochen erzählt, den ganzen Abend und als ich endlich um 12 Uhr nachts nach Hause fahren wollte, kam sie mir noch die Treppe herunter nachgelaufen und sagte, Lea, ich habe noch vergessen, dir zu erzählen... 
 Ich habe ihr alles ganz genau erzählt, auch von dem Block 4 und wie er heute aussieht, nur eins konnte ich ihr nicht erzählen, dass ich ihn mit einem Priester (auf Hebräisch komer) gesucht und gefunden habe, mit einem Deutschen. 
 Es war noch eine Deutsche auf der Reise, ein Mitglied der deutschen lutherischen Gemeinde. Sie lebt in Israel und macht seit Jahren mit deutschen Gruppen Reisen nach Auschwitz und in andere ehemalige Konzentrationslager. Wir beide gehörten nicht zur arabischen und nicht zur jüdischen Gruppe, wenn es hieß, die jüdische Gruppe trifft sich - die arabische Gruppe trifft sich... Aber zum Schluss gab es nur noch eine Gruppe, und zu der gehörten auch wir.
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  Nahaufnahme - Reise nach Auschwitz

Eine Sendung von Igal Avidan, ausgestrahlt im Bayerischen Rundfunk am 24/25.9.2003
 
 

Igal Avidan beim Interview mit zwei Araberinnen 

Eine solche versöhnende Szene zwischen Juden und Arabern kann wahrscheinlich nur im größten Todeslager Europas stattfinden, in Auschwitz-Birkenau. Hier können Palästinenser den Schmerz und die Trauer der Juden teilen, hier können die Überlebenden des Holocaust und deren Kinder ihre seelischen Wunden offen legen. Hier können sie sich von Mensch zu Mensch begegnen, nicht als Vertreter zweier Völker, die sich seit zweieinhalb Jahren blutig bekämpfen. 
 In einem kleinen Birkenwäldchen unweit des Krematoriums Nr. 5 spricht Avi Giesser, Rabbiner der Westbank-Siedlung Ofra, mit gebrochener Stimme das jüdische Totengebet Kaddisch. Er ist umgeben von jüdischen, christlichen und moslemischen Betern, die auf einen kleinen Teich blicken, in den vor 60 Jahren die Asche vergaster Juden hineingeschüttet wurde. "Möge Sein großer Name", trägt er vor, als seine tiefe Stimme stockt. Für einen langen Moment überwindet er seine Tränen, bevor er das Gebet fortsetzt: "Gesegnet sei Er für alle Ewigkeiten." Im letzten Absatz erweitert er die traditionelle Bitte an Gott, dem Volk Israel den Frieden zu schenken, zu einer Bitte um Frieden für alle Menschen. "Amen", antwortet die ungewöhnliche Betergemeinde. 
 Einen Moment lang stehen sie still vor diesem natürlichen Grab - die Männer beißen ihre Lippen zusammen, die Frauen trocknen ihre Tränen, die Vögel zwitschern. Dann legt ein Beduine seine Hand auf die Schulter des jüdischen Siedlers Giesser, eine Palästinenserin streichelt den Rücken einer Jüdin, die in ihr Taschentuch weint. 
 Obwohl kein Wort fällt, scheinen die Palästinenser mit israelischem Pass den Schmerz ihrer jüdischen Mitbürger zu teilen, die um ihre ermordeten Familienangehörigen trauern. Für einen langen Moment stehen sie gemeinsam dort und finden gerade angesichts des schrecklichsten Verbrechens zueinander, auch ohne Worte. Dann sprechen sie zögerlich über Gott und die Welt: 
 "Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse? Gibt es überhaupt einen Gott?" fragt die jüdisch-israelische Lehrerin Nili Gross. "So viele große Fragen, auf die es keine Antwort gibt", erwidert der arabisch-israelische Unternehmer Ahmad Afifi. "Vielleicht wurde ich optimistisch geboren, aber ich glaube immer, dass wir zusammen unser Leben verbessern können", sagt Gross. "Diese Reise ist für mich eine zusätzliche Bestätigung dafür." "Auch für mich", sagt Afifi. "Es ist meine Pflicht, hier mit euch zu sein, für unsere Kinder", fügt Gross hinzu. "Für unsere Kinder", wiederholt Afifi die Worte. 
 Einige Minuten später versammeln sich die Reisenden Juden und Araber - auf dem treppenförmigen Platz, vor ihnen das gesprengte Krematorium, hinter ihnen der Stacheldraht und der Wachturm. Rund 100 Menschen horchen den Erzählungen von Shlomo Venezia. Der alte Mann ist der letzte Überlebende der sogenannten Sonderkommandos, jener jüdischen KZ-Häftlinge, die in den Gaskammern arbeiten mussten. 
 Rabbiner Giesser erläutert seine spontane Geste beim Totengebet : "Die letzten Sätze des Kaddisch, die die Hoffnung des Betenden ausdrücken, der Himmel möge den Frieden auf die Erde bringen, dieser sehr jüdisch geformte Wunsch in Bezug auf die jüdischen Mitbeter und auf das Volk Israel ist sehr wichtig für uns. Aber da ich mich an einem solchen Ort zusammen mit Menschen aus anderen Völkern und Religionen befand, die an dem Schmerz, der Trauer und dem Trost teilhaben wollten, fand ich es richtig, die Hoffnung auf Frieden auf alle Menschen der Welt zu erweitern, was nach jüdischem   Glauben auch erlaubt ist. Das kam natürlich aus der Tiefe meines Herzens und bedarf keiner weiteren Diskussion." 

 Ob diese stumme Erinnerung an den Holocaust und diese rührenden menschlichen Gesten auf polnischem Boden dem Blutvergießen im Heiligen Land Einhalt gebieten und den Frieden ein Stück näher bringen können? 
 Daran glaubt zumindest Emile Shoufani, der höchste griechisch-katholische Geistliche in Nazareth. Er hat diese Initiative "Erinnerung für den Frieden" ins Leben gerufen und er brachte diese 270 Israelis - Juden wie Palästinenser - zusammen nach Auschwitz. Shoufani wollte mit seiner Mission den Menschen die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft zurückgeben, eine Hoffnung, die ihnen die Politiker geraubt hätten. Daher durften keine Politiker an dieser Reise teilnehmen, sondern Meinungsmacher der arabischisraelischen Gesellschaft: Ärzte, Lehrer, Geschäftsleute und Journalisten. 
 Shoufani: "Mit unserer Initiative wollten wir den Kreis brechen, in dem wir uns alle befinden, diesen Wettbewerb um die Frage, wer das größere Opfer sei. Wir erkennen das Leiden der Juden an. Doch das Leiden der jüdischen und der palästinensischen Mütter ist gleich, denn das Leiden lässt sich nicht an der Zahl der Opfer messen. Und im Mitleiden kommt die Menschlichkeit zum Ausdruck." 
 Natürlich hätten die Araber auch allein die Vernichtungslager besuchen und sich so die Geschichte des Holocaust aneignen können. Aber Mitleiden können sie nur zusammen mit Juden. Und nur gemeinsam mit Juden können sie den Holocaust nicht nur intellektuell erlernen, sondern auch emotional empfinden als ein kollektives Trauma, dessen Geister auch jüngere Juden bis heute noch verfolgen und ihre Wahrnehmung der Realität beeinflussen. Aus diesem Grund beschloss Shoufani, eine gemeinsame jüdisch-arabische Reise zu organisieren. 
 Shoufani: "Die Idee war, den Juden zu sagen: 'Wir möchten es von euch hören. Wir möchten über den Holocaust nicht aus Büchern lernen, sondern wir möchten hören, wie ihr darüber spricht, über eure Gefühle.' Daher waren die gemeinsamen Vorbereitungsseminare so wichtig, damit die Menschen einander zuhören." 
 Obwohl Shoufanis Versöhnungsinitiative christlich motiviert war -, das Leiden als eine Quelle der Weltverbesserung - war sie auch eine Antwort auf die Lage im Nahen Osten. Als Priester und Schulleiter setzt er sich seit 15 Jahren für die Versöhnung mit Juden ein, aber erst durch die jüngste Intifada wurde ihm klar, dass die existenzielle Unsicherheit der Juden in Israel auf die Erfahrungen des Holocaust zurückzuführen ist. Mit diesem Verbrechen sollten sich die Araber bedingungslos auseinandersetzen, ohne im Gegenzug eine Debatte über das Leiden der Palästinenser zu fordern. 
 Der Ausbruch der zweiten Intifada im Oktober 2000, die bisher über 2.300 palästinensische und rund 800 israelische Opfer forderte, hat auch einen tiefen Riss zwischen jüdischen und arabischen Israelis aufgeschlagen. Die gewaltsamen Demonstrationen arabischer Israelis einerseits und die heftige Reaktion der israelischen Polizei andererseits, die 13 arabische Demonstranten erschoss, hatten verheerende Auswirkungen auf die Koexistenz der 5.4 Millionen jüdischen und 1.3 Millionen arabischen Israelis. Nachdem sich herausstellte, dass einzelne arabische Israelis palästinensische Selbstmordattentäter bei Anschlägen unterstützt hatten, entstand eine Mauer des Misstrauens zwischen beiden Bevölkerungsgruppen. Dieses Misstrauen hat die Organisation der Reise nach Auschwitz erheblich erschwert. 
 Die Arabisch-Lehrerin Fatina Hazzan, die einzige Araberin in einem jüdischen Gymnasium, war entschlossen, mitzufahren, um ihre Beziehungen zu ihren jüdischen Schülern zu vertiefen. Dafür erntete die Christin Kritik von arabischer Seite. Auch ihr 12-jähriger Sohn versuchte, sie von dieser Reise abzubringen. "Der ganze Komplex Holocaust war für mich bisher undurchsichtig und ein Thema, vor dem ich zurückscheue, obwohl ich seit 14 Jahren in einer jüdischen Schule unterrichte. Mir fehlte einfach dieses Kettenglied in der jüdischen Geschichte. Ich musste den Schmerz meines Gegenübers erleben, damit wir uns zusammengehörig fühlen können. Arabische Bekannte haben mich kritisiert. Sie haben gesagt ,Du solltest nicht nach Auschwitz fahren, fahr lieber nach Jenin und schau Dir an, wie die Menschen dort in den Flüchtlingslagern leben.' Aber meine engen Freunde stärkten mir den Rücken und mein Mann unterstützte mich sehr. Meine Kinder hatten ein wenig Angst. Der größere Sohn meinte, unsere Gruppe sei ein Angriffsziel für Terroristen, gerade weil wir eine jüdisch-arabische Delegation seien. Dennoch bin ich hier, einfach für mich." 
 Im Gegensatz zu Fatina Hazzan reagierte Rabbiner Avi Giesser zunächst vorsichtig auf die Einladung der arabischen Israelis. Er befürchtete, dass diese Auseinandersetzung mit dem Holocaust ausgenutzt werde könnte, um Kritik an der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern zu üben. Giesser lernte die Initiatoren auf Wochenendseminaren in Israel kennen. In diesen Workshops, die von der Konrad-Adenauer-Stiftung gefördert wurden, setzten sie sich mit der Judenvernichtung auseinander und mit der ablehnenden Haltung der arabischen Welt dazu. Wurde Giesser von seinen Nachbarn in der Siedlung unter Druck gesetzt, mit Arabern nicht zusammen zu fahren? "Nein, man hat es hingenommen, obwohl ich sicher bin, dass sich einige meiner Freunde darüber wunderten, warum dies wichtig sei und inwieweit das helfen könne. Ich finde es sehr wichtig, an jeder Aktion für Verständigung teilzunehmen. Ich sehe es als meine Pflicht, den arabischen Freunden Respekt zu zollen, die eine ungewöhnliche und sehr mutige Initiative ergriffen. Sie wollen sich dem Schmerz der Juden über den Holocaust öffnen. Dieser Ausdruck der gegenseitigen Empathie kann Menschen ändern, und Empathie ist eine sehr gefragte Ware in dieser Zeit." 
 Aufgrund der direkten Verbindung zwischen dem Holocaust und der Gründung des Staates Israel, deren Folge es war, dass 700.000 Palästinenser Flüchtlinge wurden, distanzierten sich manche prominente arabische Israelis von der Reise. Sie wollten das Leiden der Palästinenser hervorheben, nicht das der Juden. Manche Juden wiederum sahen es als eine Blasphemie, Araber am größten jüdischen Trauma teilhaben zu lassen. "Wollen sie etwa lernen, wie man Juden vernichtet", hieß es.  Auch der Vater von Nili Gross verlor seine ganze Familie in einem Konzentrationslager. Sie unterrichtet Computergrafik und Design in einem Gymnasium und leitet seit drei Jahren Projekte für jüdische und arabische Jugendliche. Gross hat kein Problem, mit Fremden und noch dazu Arabern über eine solch traumatische und zugleich persönliche Erfahrung wie die Judenvernichtung zu sprechen, sagt sie: "Zuerst konfrontieren wir andauernd Fremde mit diesem Thema. Wir hören damit nicht auf, weil es für uns wichtig ist. Wenn die Araber, mit denen wir leben, einen Bezug zu unserem Holocaust finden, ist das für uns, für sie und für den ganzen Konflikt gut. Sie versuchen zu verstehen, mit was für einem Volk sie leben und was dieses dermaßen traumatisierte Volk bewegt." 

 Nebeneinander sitzen Juden und Araber auf der verstaubten kleinen Wiese neben dem Zgodyplatz in Krakau, der als Busbahnhof dient. Direkt vom Flughafen sind sie gekommen, die müden Israelis, und verzehren ihre LunchPakete und unterhalten sich erst einmal mit Angehörigen ihres Volkes. 
 Yossi Klein Ha-Levi, dessen Vater Auschwitz überlebt hatte, freute sich über die Geste der Araber sehr, weil er auf sie lange gewartet hat. Der Journalist und Schriftsteller, der in seiner Jugend ein rechtsextremer Aktivist gewesen war, unternahm eine eigene Reise in die Welt der Palästinenser: "Kurz vor dem Ausbruch des terroristischen Krieges vor drei Jahren habe ich eine eigene Reise in den Islam und das Christentum in Israel, die Westbank und nach Gaza unternommen. Mein Ziel als religiöser Jude war, mit Moslems und Christen in Moscheen, Kirchen und Klöstern zusammen zu beten. Ein Jahr lang lebte ich nach ihren Riten. Nachdem mein Buch darüber erschienen war, fragten mich immer wieder Juden, warum die Araber niemals versuchen, uns zu verstehen. Als ich von dieser Gruppe hörte, die diese Frage beantwortet, musste ich dabei sein." 

 Die Reise beginnt im ehemaligen jüdischen Ghetto in Krakau. Hier verbrachte die 78-jährige Esther Mannheim ihre "rosige Kindheit" zusammen mit 64.000 Juden, die ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachten. Ihr Leidensweg begann wenige Tage nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1939. Mannheim zählt die Stationen auf diesem Weg: Das Ghetto, das Arbeitslager Plaszow, das Vernichtungslager Auschwitz, der Todesmarsch zu Fuß, dann mit dem Zug bis zum KZ Ravensbrück und Neustadt-Glewe, wo sie 1945 befreit wurde. 
 Im kleinen Museum umringen sie arabische Teilnehmer. Als Mannheim davon erzählt, wie ihr Vater verzweifelt versuchte, seine Frau vor dem Transport zu retten, wischt sich Fatina Hazzan die Tränen ab. Die bemalten Fenster geben jene grausamen Szenen in bunten Farben wieder, die sich auf diesem Platz abgespielt haben. Dargestellt sind NS-Soldaten mit Schweine\nasen und bedrohlichen Zähnen, zerfleischte Säuglinge, aus denen Blut spritzt. 
 Auf dem jüdischen Friedhof in Krakau neben dem Grab des großen Rabbiners Moses Iserlisch erzählt der israelische Reiseführer Uriel Feinermann, wie der Rabbi die Spaltung des jüdischen Volkes verhinderte. Die Araber lauschen seinen Worten aufmerksam, einer von ihnen trägt die traditionelle jüdische Kopfbedeckung und ein Kreuz um den Hals. Während der Reise bemühten sich die Araber, dem Vorbild des Initiators der Reise Priester Shoufani zu folgen und den Palästinenserkonflikt auszuklammern und jede, wenn auch indirekte, Parallele zur Judenvernichtung zu vermeiden, die viele Juden als eine Provokation empfinden könnten. Einmal schaltete sich ein arabischer Reisender ein, um eine politische Diskussion zwischen Juden zu unterbinden. Shoufani wiederum erwähnte mit keinem Wort, dass israelische Soldaten 1948 seinen Großvater und seinen Onkel erschossen. In allen Zeremonien stellte er die Überlebenden in den Mittelpunkt. Seine Reden hielt er in Hebräisch, Arabisch und Französisch, da eine Gruppe französischer Moslems und Juden an der Reise teilnahm. 
 Auf einem dramatischen Treffen aller 500 Reisenden in der großen Synagoge in Krakau beendete Shoufani den ersten Tag auf der Bühne mit den Worten: "Wir sind hier, um mit den Juden und ihrem Leiden zusammen zu sein." Nicht alle mochten seine Idealisierung des Leidens der Überlebenden und den großen Medienrummel im Gotteshaus. Manche Rabbiner wollten einfach beten. Während Zeremonien den ersten Tag bestimmen, setzten am zweiten und dritten Tag in Auschwitz zunehmend die Teilnehmer den Ton mit spontanen Gesten. 
 Auf den Gleisen in Birkenau, die langsam von der Natur wieder erobert werden, steht Esther Golan und erzählt, dass ihre Mutter vom KZ Theresienstadt hierher deportiert wurde, zu ihrem Tod. 30 ihrer Verwandten wurden ermordet. Daher falle es ihr schwer, den arabischen Feind sozusagen in ihre Seele einzuladen, sagt die 80-Jährige. Denn sie projiziere ihre existentiellen Ängste, die sie seit dem Holocaust begleiten, fast widerwillig auf die Araber. Auch jüdische Israelis wie Esther Golan bemühten sich, Rücksicht auf die arabischen Mitreisenden zu nehmen. Im Gegensatz zu allen anderen israelischen Gruppen nach Auschwitz hisste hier niemand die israelische Fahne mit dem Davidstern noch sang einer die israelische Nationalhymne "Hatikwa". 
 "Manchmal ich, manchmal Du brauchst einen Trost", singen sie in der Baracke in Birkenau, die Juden frei, die Araber mit dem gedruckten Text in der Hand. Frauen beider Völker umarmen sich, manche weinen. 
 In einer rührenden Szene streute Esther Golan auf dem Gelände von Auschwitz-Birkenau Erde, die sie vom Herzl-Berg in Jerusalem mitgebracht hatte. Dort nämlich ist ihr Enkelsohn Eyal begraben. Golan erzählte der gemischten Gruppe, dass der 28-jährige Reserveoffizier während seines Militärdienstes gefallen sei, ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag. Sie erwähnte aber nicht, dass dies während der umstrittenen Militäroperation im Flüchtlingslager Jenin geschah. Sie erwähnte nur, dass arabische Freundinnen sie danach besuchten und ihr die Kraft gaben, weiter zu machen. 
 Jetzt sitzen wir vor der Baracke Nr. 22 im Auschwitz-Museum, in der Esther Mannheim interniert war, und lauschen den Erzählungen der 78-Jährigen. Sie sitzt auf der Treppe und erinnert sich, wie ein Soldat sie wie einen Hund vor sich herschob, wie ein deutscher Häftling sie ohne Grund brutal niederschlug und wie sie durch ein Wunder gerettet wurde, weil der Lagerkommandant Rudolf Höß im letzten Moment ihre jüdische Gruppe für arbeitsfähig hielt und an ihrer Stelle Zigeunerinnen in die Gaskammer schickte. Das schlechte Gewissen plage sie jedes Mal, wenn sie eine Zigeunerin sehe, sagt Esther Mannheim. 
 Dann betreten die Israelis das Gebäude und blicken fassungslos auf die Berge von Brillen, Haaren, Gebetsschalen und sogar Prothesen, die einmal anderthalb Millionen Juden gehörten. Reiseführer Yossi Gil'ad erklärt, wie die Menschenindustrie in Auschwitz funktionierte. Er zeigt auf das Schaufenster, in dem weiße jüdische Gebetsschals hängen. Wofür brauchten die Nazis Gebetsschals, fragt jemand: "Die Gebetsschals sind aus Stoff. Aus diesen Textilien kann man Häftlingskleider oder Futter für Mäntel nähen. Man kann sie auch als Waschlappen verwenden." "Hat man das tatsächlich getan?" "Selbstverständlich. Und das, was wir hier sehen, ist Rohmaterial sozusagen, dass noch nicht verwendet wurde. Man hat es in den Lagerhäusern gefunden." "Das ist unglaublich." 
 Draußen, in der weichen Nachmittagssonne, blickt die jüdische Lehrerin Nili Gross auf ihre arabischen Mitreisenden und fasst ihre Gedanken zusammen: "Wir sind am Ende des Tages und es ist daher schwer für uns alle. Wir sind sehr erschöpft. Also sehe ich, wie manche beiseite stehen und nicht in jeden Teil des Museums hineingehen. Aber insgesamt ist das ein Prozess. Eine Araberin sagte mir, sie möchte jetzt mehr darüber studieren. Dieser Besuch ist für die Araber nur der Anfang eines Weges, in dessen Mitte wir uns befinden." 
 Langsam läuft die Gruppe zur letzten Zeremonie. Nicht alle: Eine jüdische Frau und ein arabischer Mann bleiben stehen und diskutieren dann doch in Auschwitz über Politik: Ist Israel der Staat der Israelis oder soll es weiterhin ein sicherer Hafen für alle Juden in Not bleiben? Der Araber ist jedenfalls bereit, sie aufzunehmen, aber zuerst will er die Grenzen Israels und Palästinas festlegen. Die Jüdin will von einer Veränderung der Definition Israels als jüdischer Staat, die auch in der Unabhängigkeitserklärung verankert ist, nichts wissen. Der Araber erinnert, dass diese Charta auch festlegt, dass Israel der Staat alle seiner Bürger ist, auch der arabischen. 

 Den zweiten Tag beenden wir an der Todesmauer, an der täglich Erschießungen stattfanden. Nach dem Vorlesen von Psalmen legen eine arabische und eine jüdische Frau Kränze nieder und die Juden singen ein berühmtes israelisches Lied, einen Appell an Gott:   Eli Eli. 
 Auf dem Weg zurück zum Eingang ist die Arabisch-Lehrerin Fatima Hazzan sichtlich erschüttert: "Ich fühle mich, als ob mich jemand physisch und seelisch stark geschüttelt hat. Es wird lange dauern, bis ich mich erhole. Jetzt muss ich weinen, aber ich hoffe, dass meine Tränen trocknen, damit ich anfange zu begreifen, was hier einmal stattgefunden hat." 

 Zurück im Hotel thematisiert Ruthy Bar-Shalev die Herausforderungen der jüdischen Teilnehmer. Der arabische Priester Shoufani hat die Unternehmensberaterin und Tochter des ehemaligen Armeechefs Mordechai Gur ausgesucht, diese Reise mitzugestalten und die jüdischen Reisenden auszusuchen. Deshalb hängt der Erfolg dieser Initiative auch von ihrer Auswahl ab. 
 Ruthy Bar-Shalev: "Eine der größten Herausforderungen für die Juden auf dieser Reise ist, den Araber zuzulassen, ihre empfindlichste Stelle zu berühren. Dort enthüllen wir unsere Ängste, Schmerzen und Hilflosigkeit, die in uns immer noch lebt, obwohl wir schon die zweite in Israel geborene Generation sind, obwohl wir die sogenannten 'neuen Israelis' sein sollen. Wir wurden immer dazu erzogen, den Arabern mit Vorsicht zu begegnen, und diese hat nach dem Scheitern der Oslo-Abkommen noch zugenommen." 

 Der Krieg im Nahen Osten wird in Auschwitz-Birkenau nicht gelöst, aber hier zwischen Stacheldraht und Wachturm schließen immerhin 270 jüdische und arabische Israelis enge Freundschaften miteinander. In der Baracke zwischen den Gaskammern liest Aviel Adari auf Hebräisch und Arabisch ein Gedicht seines Vaters Israel vor, eines Überlebenden dieses Todeslagers: "Ich wurde aus der Asche meiner Eltern gemacht, aus den Träumen über Hunger und Durst und aus der Liebe, die mir Gott geschenkt hat. / Er hat mir beigebracht, auch meine Peiniger zu lieben, weil ich nicht wusste, warum sie mich hassen. / Ich wurde aus dem Frieden gemacht, der die einzige Chance bietet, dass der Mensch zu seiner Menschlichkeit zurück findet, dass die Steine in Ruhe liegen und dass Eltern in Freude Kinder in die Welt bringen." 

 Können erlösende Gefühlsausbrüche wohlmeinender Israelis in Polen den Frieden im Heiligen Land näher bringen? Ja, sagt Fatina Hazzan. Die arabische Israelin hat auf dieser Reise erfahren, dass Schmerz Juden und Araber miteinander verbinden kann. Auf dem Weg zum Frieden musste sie auch die Erniedrigung bei der Sicherheitskontrolle auf dem Flughafen in Tel-Aviv überwinden, die sie in Tränen brachte: "Ich glaube, wenn jeder von uns den Schmerz seines Gegenübers erkennt, können wir den Weg zum Frieden finden. Wir müssen die Veränderungen auf der persönlichen Ebene beginnen, nicht auf der politischen, und diese Umstellungen spüre ich inzwischen bei mir selbst. Um die Schwierigkeiten auf dem Weg zum Frieden zu überwinden, müssen wir uns über vieles hinwegsetzen. Auf dem Flughafen fühlte ich mich als Araberin, obwohl ich Teil einer Gruppe war. Dennoch wurden die arabischen Passagiere gebeten, an der Seite zu warten, während die Juden weiter gehen durften. Die Araber erhielten blaue Aufkleber für das Gepäck, die Juden rosa Aufkleber. Ich verstehe, dass Sicherheitskontrollen notwendig sind. Sie hätten mich bloß höflich behandeln müssen. Statt dessen hat man mich verletzt, weil ich empfindlich bin und weil ich zu diesem Volk so viel beitrage - wir sind doch ein Volk, egal ob wir Juden oder Araber sind - ihr Benehmen hat mich tief verletzt." 

 Kurz vor Ende der Reise dringt plötzlich der israelische Alltag durch den Gitterzaun von Birkenau. Während eine kleine jüdisch-arabische Gruppe an der sogenannten Judenrampe der Erzählung des Reiseführers über Josef Mengeles Selektionen horcht, nähert sich entlang der Bahnschienen eine andere Besuchergruppe: eine Einheit der israelischen Polizei in Uniform. Nachdem im Oktober 2000 israelische Polizisten 13 arabische Demonstranten erschossen hatten, blicken einige Araber in der Gruppe misstrauisch auf die unerwartet auftauchenden Ordnungshüter, zum Beispiel der Arzt Abd-el Aziz Darawshe: "Seit den Oktober-Ereignissen habe ich ein Problem mit diesen Uniformen, den Uniformen unserer Polizei, nicht jedoch mit einem bestimmten Polizisten. Ich habe vielmehr ein Problem mit denen, die ihnen befohlen hatten, so leichtfertig von der Waffe Gebrauch zu machen." 
 Der Beamte Ali Bashir, auch dem Äußeren nach ein gläubiger Moslem, geht auf die Polizisten zu. "Ich fühlte mich sicher, denn in Auschwitz sind wir Israelis alle gleich, nur in Israel nicht", sagt er. Bashir besuchte schon zuvor zwei Konzentrationslager, aber die Anwesenheit der Überlebenden machte ihm das jüdische Trauma besonders deutlich. "Jetzt verstehe ich die Angst der jüdischen Israelis und ihren Drang, eine Großmacht zu sein", sagt er. "Diese Angst müssen sie jedoch überwinden, damit wir zueinander finden können." 
 Endstation Auschwitz-Birkenau. Gemeinsam laufen Hunderte von Menschen reihenweise über die Kieselsteine an den Bahnschienen entlang, in der ersten Reihe die Überlebenden neben den Gruppenleitern Shoufani und Bar-Shalev. Ein Jude und ein Araber tragen abwechselnd die Namen der ermordeten Verwandten der anwesenden Juden vor. Hätten sie die Namen aller ermordeten Juden vorlesen müssen, hätte diese Zeremonie 200 Tage und Nächte gedauert. 
 Als ob ein ironischer Regisseur folgende Szene entworfen hätte, marschieren plötzlich die israelischen Polizisten wieder in Dreierreihe vorbei an den Teilnehmern der Gedenkveranstaltung. Ein Polizist in der ersten Reihe trägt die israelische Fahne, alle singen zusammen das gleiche Lied, mit dem die jüdisch-arabische Gruppe den gestrigen Tag beendete, "Eli Eli". Im eiligen Schritt klingt diese zärtliche Bitte an Gott jedoch wie eine Forderung. 
 Einige Stunden nach ihrer Rückkehr nach Israel schrieb Nili Gross folgende Zeilen an ihre arabischen Mitreisenden: "Meine Sehnsucht nach euch ist auf einem neuen Sicherheitsgefühl begründet. Egal was passiert - ich habe eine neue Familie gewonnen." 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Radio Bayern2 Nahaufnahme. Gekürzt.
 

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Grußwort von Dr. h.c. Johannes Gerster vor 300 Arabern und Juden am 09. Mai 2003 im Hotel Ha-Sharon in Herzliya

 Meine sehr geehrten Damen und Herren, 
 im  Namen  der  Konrad Adenauer Stiftung  heiße  ich  Sie herzlich  zu dieser Konferenz willkommen. Ich  danke  vor allem  Archimandrit Emil Shufani und Frau Ruth Bar-Shalev für  die großartige Initiative eines gemeinsamen Besuches von Arabern und Juden im KZ Auschwitz. Ich  danke  auch Dr. Michael Krupp, dem Vorsitzenden  der Israel   Interfaith  Association  und  Noah   Flug,   dem Vorsitzenden  des Internationalen Auschwitz Komitees  für ihre Unterstützung. 
 Der  lateinische Satz: "Veritas facit pacem" -  "Wahrheit schafft   Frieden"  steht  für  eine  ganz  entscheidende Erfahrung:  Wer  die  Vergangenheit  nicht  nüchtern  zur Kenntnis nimmt, kann keine Zukunft gestalten. 
 
 
 

 Shufani, Gerster im Gespräch mit Rath
 

 Nazi-Deutschland verursachte den Zweiten Weltkrieg  und die  Shoah. Der Zweite Weltkrieg forderte insgesamt  etwa 60  Millionen  Menschenleben und allein durch  die  Shoah wurden 6 Millionen Juden vernichtet. Diese fürchterlichen Tatsachen werden teilweise noch heute bestritten,  obwohl sich  jeder davon überzeugen kann, dass sie der  Wahrheit entsprechen. 
 Konrad  Adenauer,  der erste frei gewählte  Bundeskanzler, sagte in einer Regierungserklärung kurz nach seiner  Wahl und bei vielen Anlässen danach: Das neue Deutschland wird nur  dann eine moralische Substanz und einen festen Boden bekommen,  wenn  es  zu  den  Völkern,  denen  durch  die Nazidiktatur  das größte Elend, die größte  Not  zugefügt wurde,  ein freundschaftliches Verhältnis aufbauen  kann: Zum Volk der Franzosen, der Polen und zum jüdischen Volk. 
 Bis  heute,  54 Jahre seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland,  konnten wahrhaft gute und freundschaftliche Beziehungen zu diesen drei Völkern entwickelt werden. Als  Deutscher macht es mich glücklich, dass nun erstmals 300  Araber  und  Juden  aus  Israel  gemeinsam  das   KZ Auschwitz in Polen besuchen und dass zu dieser Gruppe 200 Franzosen hinzukommen werden. 
 Es  ist  für  die deutsche Konrad-Adenauer-Stiftung  eine selbstverständliche Verpflichtung und eine Ehre, wenn wir dazu etwas beitragen können. 
 Wer  nach dem Zweiten Weltkrieg vorausgesagt hätte,  dass Israelis,  Juden und Araber, Franzosen und Polen  sich  in Auschwitz  mit  deutscher Beteiligung die Hand  über  die Gräben  der Vergangenheit reichen werden, wäre vielleicht als  Träumer belächelt worden. Heute beweisen  Sie  alle, dass unmöglich Erscheinendes möglich gemacht werden kann, wenn  der  Geist der Humanität den Ungeist des  Inhumanen überwindet. 
 Möge  dieses  großherzige Beispiel dazu beitragen,  dass auch im Nahen Osten Unmögliches möglich werden kann: Dass Juden,  Araber,  Palästinenser ebenfalls zum  friedvollen Nebeneinander und Miteinander kommen können. 
 Ich  beglückwünsche  Sie  zu  Ihrer  Haltung,  Geschichte gemeinsam  erfahrbar  zu machen, um  gemeinsam  für  eine bessere Zukunft einzutreten und wünsche Ihrer Reise einen guten Verlauf.

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Manifest

Verfasst von Benjamin Shvily, in Hebräisch verlesen bei der Zeremonie auf der Rampe am dritten Tag 
 

 "Wie furchtbar ist dieser Ort". (Gen 28,17) Alles, was des Menschen Fuß betritt, wird 'Ort' genannt, aber 'Ort' ist auch einer der Namen Gottes. Der Ort, auf dem wir hier stehen, auch er ist 'Ort', zugleich  aber auch 'Kein Ort', der schrecklichste, den man sich vorstellen kann, denn es ist der Ort, an dem 'Ort' scheinbar nicht zugegen war, oder von dem anzunehmen, dass er hier war, uns schwer fällt, und deshalb ist dieser Ort schrecklich, in seinem Dasein und in seinem Abwesendsein. Wie können wir uns hier einen Ort machen an diesem Ort? 
 Vielleicht aus der Asche, aus den Verbrennungen, aus dem Tod, aus dem Nichts, aus dem Verbrechen, aus der Vernichtung ... Ohne Ende Fragen und keine Antwort. Vielleicht dadurch, dass wir zulassen, dass unser Körper zerfällt, unsere Seele zerschmettert, vielleicht durch Schweigen. Und vielleicht findet sich gerade hier für uns der Ort, weil wir die Stirn haben, ihn zu betreten, das Dunkel dieses Ortes. 

      So glauben wir, dass das Menschsein  Natur des Menschen ist, sein Wesen und seine Heiligkeit. 
      So glauben wir, dass der Mensch Herr  werden kann über seinen Hass und seine Rachegefühle. 
      So glauben wir, dass der Schmerz und  das Leid, wenn sie auch noch so schrecklich sind, dass es   in ihrer Kraft liegt, sein Vermögen zu stärken, zu entscheiden, dass er seinen Weg wählt, und er spricht: Ich will ein freier Mensch sein. 
      So glauben wir, dass der Mensch in jedem Augenblick fähig ist, das Leid und den Schmerz des anderen zu tragen. 
      So glauben wir, dass in den Menschen sein Wesen eingegraben ist, mit dem Schmerz, dem Leiden, der Furcht des anderen sich verbinden zu können, und so sich selbst zu finden, und die Heiligkeit und Freiheit eines jeden anderen zu erkennen. 
      So glauben wir, dass der Mensch  wunderbar ist und sein Menschtum hoch erhaben. 
      So glauben wir, dass der Mensch Hölle ist und Garten Eden, und dass er dazwischen wählen muss. 
      So glauben wir, dass uns in Ewigkeit der 'Ort' nicht verlassen wird und dass es keinen Ort gibt außer ihm. 

 Von hier aus mehr als von jedem anderen Ort obliegt uns die Verpflichtung, diesen unseren Glauben einzulösen. 
 

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Jossi Klein Ha-Levi: Eine Initiative der Liebe

Vortrag von Jossi Klein Ha-Levi auf dem Interfaith-Treffen am 15.9.2003

Yossi Klein Ha_Levi ist der Verfasser zweier erfolgreicher und viel beachteter Bücher "Memories of a Jewish Extremist" und "At the Entrance to the Garden of Eden - A Jew's Search for God with Christians and Muslims in the Holy Land". Er ist Korrespondent von 'New Republic' und 'Jerusalem Report' und schreibt für die 'Los Angeles Times', 'New York Times' und 'Washington Post'. Sein Film 'Kaddish', der sein Verhältnis zu seinem Vater beschreibt, einem Holocaust-Überlebenden, hat mehrere Auszeichnungen erhalten.

Jossi Klein Ha-Levi und Thabet Ras

 Von den Menschen, die an unserer Pilgerfahrt teilgenommen haben, hat jeder und jede seine oder ihre eigene einzigartige Geschichte zu erzählen. Deshalb werde ich nur meine eigene Sichtweise und Meinung darlegen, ohne den Anspruch, auch für andere zu sprechen. 
 Jeder und jede von uns brachte zu dieser Reise auch eigene Motivationen und Erwartungen mit. Um die meinen zu erklären, muss ich mit einer früheren Reise beginnen, die ich in das religiöse Leben von Muslimen und Christen in Israel und den besetzten Gebieten unternahm. Seit Ende 1998 besuchte ich Moscheen und Klöster, lernte mit Muslimen und Christen zu beten und bemühte mich zu erfahren, wie sie Gott in ihrem Leben begegnen. Meine Pilgerfahrt ins Innere des Islam und des Christentums sollte klären, ob die Religion nicht eher eine Quelle des Friedens als eine der Entzweiung sein könnte. Sie war auch ein Versuch meinerseits, durch das Herstellen einer Verbindung mit dem Glauben meiner Nachbarn meinen eigenen Ort als religiöser israelischer Jude im Nahen Osten zu finden. Diese Reise bestärkte mich in der Überzeugung, dass Frieden im Nahen Osten nur dann verwirklicht werden kann, wenn die religiöse Dimension Teil der Sprache und des Empfindens der Friedensstifter ist. 
 Wenn ich später vor jüdischem Publikum von meiner Reise berichtete, wurde ich oft mit derselben Frage konfrontiert: Wo sind die Araber, die bereit sind, deine Geste zu erwidern und versuchen, uns zu verstehen? Als ich also von der arabischen Initiative hörte, eine Pilgerfahrt nach Auschwitz zu organisieren - und es war entscheidend für mich, dass es sich um eine arabische Initiative handelte -, da erkannte ich, dass ich endlich eine Antwort auf diese Frage gefunden hatte. Dennoch hatte ich anfangs gemischte Gefühle in bezug auf meine Beteiligung an der Gruppe. Erstens war ich nicht sicher, ob der Holocaust wirklich der richtige Ausgangspunkt für eine jüdisch-arabische Diskussion sei. Ich hatte die Befürchtung, unsere arabischen Partner würden von Auschwitz zurückkehren in der Annahme, dass sie die jüdischen Ängste jetzt verstünden, so als ob Israels Sicherheitsbedürfnis eher als psychologische Störung, als Ringen mit historischen Dämonen erklärt werden könnte, anstelle eines rationalen Verständnisses von Israels misslicher Lage. Und ich befürchtete, dass, nach dieser noblen Geste dem jüdischen Leiden gegenüber, die Erwartung einer vergleichbaren jüdischen Geste dem arabischen Leid gegenüber aufkommen würde. Shoah gegen Nakba. 
 Ich dachte auch über die Wirksamkeit des Reisens nach Auschwitz mit arabischen oder palästinensischen Israelis nach. Auf der einen Seite sind sie unsere natürlichen Partner. Wenn vielleicht auch zu unserem Leidwesen, teilen wir dieselbe Staatsbürgerschaft. Dennoch erscheint die Spaltung zwischen uns oft unüberbrückbar. Für die Araber bedeutet ein jüdischer Staat die Verdrängung an den Rand der israelischen Gesellschaft. Die Juden hingegen betrachten das arabische Insistieren auf einem binationalen Staat Israel als existentielle Bedrohung. Die bloße Existenz des Anderen in unserer Mitte stellt unser Gefühl von Heimat in Frage. Vielleicht ist dies das wahre Problem, mit dem wir uns in Auschwitz konfrontierten, wo die Existenz selbst das Verbrechen war. 
 Beide Seiten nahmen enorme emotionale Risiken auf sich. Eine arabische Teilnehmerin war von ihren Freunden gewarnt worden: du wirst deinen Opferstatus verlieren. Und ein jüdischer Teilnehmer wurde von seinen Freunden gewarnt: du verrätst unsere Geschichte. Beide Warnungen verstanden die gefährliche Natur unserer Reise. Dass Araber jüdisches Leiden betrauerten, dass Juden Arabern in Auschwitz vertrauten, war subversiv. Der wichtigste Grund für mein Widerstreben gegen die Reise war jedoch ein persönlicher. Seit Jahren war ich der Shoah ausgewichen. Als Sohn eines Überlebenden, der einen großen Teil seines Lebens damit verbracht hatte, mit der Shoah zu ringen, glaubte ich meine Möglichkeiten erschöpft, einen neuen Weg der Reaktion auf das Ereignis zu finden, das mich geformt hatte. Mit ihrer Botschaft des jüdischen Alleinseins gefährdete die Shoah meine Fähigkeit, auf andere zuzugehen, insbesondere auf meine Nachbarn. Und so trennte ich die Shoah von meinem Alltag ab; ich weigerte mich sogar, irgendeinen der im Laufe der Jahre herauskommenden Filme anzusehen, die auf die Shoah Bezug nahmen. Ich fühlte, dass mein Gleichgewicht, mein Talent zur Großzügigkeit, meine Fähigkeit, mich nicht bloß als Jude, sondern als Teil der Menschheit zu fühlen, vom Meiden der Shoah abhingen. 
 Aber ich hatte unrecht. Ich lernte in der Tat etwas Neues auf dieser Pilgerfahrt: dass ich mich auf die Shoah einlassen und dabei tatsächlich ein gesteigertes Gefühl meiner Menschlichkeit erfahren konnte. Mit Arabern als Mittrauernden Arm in Arm durch das Krematoriumsgebäude zu gehen, war die Befreiung von dem zumindest für mich anhaltendsten Trauma der Shoah: die Preisgabe der Juden durch einen großen Teil der Menschheit. Besonders in dieser Zeit, in der so viele von uns erneut jenes Gefühl haben, isoliert zu sein und dämonisiert zu werden, war es eine wirkliche Erleichterung, die Solidarität - die Liebe zu erfahren, die wir in Auschwitz teilten.
 Und jetzt, fast vier Monate später, sind wir im Begriff, unseren nächsten gemeinsamen Schritt zu unternehmen. Unsere Reise nach Auschwitz war eine Suche nach unserer gemeinsamen menschlichen Existenz an dem Ort, wo die menschliche Geschichte endete. Nun sind wir in den Nahen Osten zurückgekehrt, und unsere Reise geht weiter, in jenen Ort, an dem die menschliche Geschichte begann. Einige jüdische Teilnehmer fühlten, dass es jetzt an uns war, sich für die arabische Reise in das jüdische Leiden erkenntlich zu zeigen, indem wir eine symbolische Reise ins palästinensische Leid unternähmen. Andere von uns jedoch widersprachen dem heftig und bestanden darauf, dass dieser Zugang die Erhabenheit der arabischen Initiative untergraben würde, die als eine selbstlose Geste ohne die Erwartung einer Gegenleistung gemeint gewesen war. Außerdem bestand die jüdische Erwiderung, wie einige arabische Teilnehmer bemerkten, in unserem Vertrauen; darin, dass wir ihnen Zugang zu unserem Schmerz gewährten. 
 Tatsächlich wird unser nächster Schritt als Gruppe nicht in dem Versuch bestehen, eine emotionale Symmetrie herzustellen, sondern in etwas so Unerwartetem, wie die Pilgerfahrt nach Auschwitz selbst es gewesen war. Wir werden uns gemeinsam in die arabische Zivilisation versenken, einschließlich des Erlernens der arabischen Sprache und einer Reise in einen Teil der arabischen Welt, der gewillt sein wird, uns zu empfangen. Das Glänzende an dieser zweiten Phase ist, dass sie genau wie die Pilgerfahrt nach Auschwitz alle unsere instinktiven Reaktionen auf den Konflikt unterläuft. Anstatt nun zu streiten, wer mehr gelitten hat und ob es angemessen ist, irgendeinen Vergleich zwischen den palästinensischen und den jüdischen Erfahrungen zu ziehen, werden wir Juden die arabische Annäherung an unser Trauma erwidern, indem wir etwas über den arabischen Beitrag zur Zivilisation lernen - zu genau der Zeit, in der wir am nötigsten an diesen erinnert werden müssen und in der die Würde und das Ansehen der Araber am dringendsten einer echten Bestätigung bedarf. 
 Die Idee zu der Reise nach Auschwitz war von der Frage motiviert: Was verstehen Araber nicht an ihren jüdischen Nachbarn? Diese neue Initiative ist von der genau reziproken Frage angeregt: was ist Juden an ihren arabischen Nachbarn unverständlich? Zusammengenommen nehmen diese beiden Initiativen sich der beiden großen Ängste an, die die arabische und die jüdische Nation trennen. 
 Für viele Araber sind die Juden die neueste Inkarnation des Kolonialismus, die ihre Grenzen auf Kosten eines im Land verwurzelten Volkes erweitern, dessen Kultur sie oftmals geringschätzen. Für viele Juden hingegen sind die Araber die gegenwärtige Verkörperung der Nazis, die aktiv an der Zerstörung der jüdischen Zufluchtsstätte arbeiten und die Selbstmordattentate als kleine Vorwegnahmen dieses völkermörderischen Vorhabens feiern. 
 Wir haben einander an unseren verwundbarsten Stellen getroffen. Die arabische Welt hat die Unsicherheit der Juden an den Fundamenten ihrer Existenz vertieft. Und wir Juden haben, ebenfalls auf sehr grundsätzliche Weise, das arabische Gefühl der Niederlage und Demütigung vergrößert. 
 Das Ergebnis ist, dass wir einander als unsere schlimmsten historischen Alpträume wahrnehmen: sie sind unsere Nazis geworden, wir ihre Kolonisatoren. Indem sie in Auschwitz trauerten, bewiesen die arabischen Teilnehmer der Pilgerfahrt, dass sie keine auf Völkermord an den Juden bedachten Feinde waren. Erst jetzt begreife ich, warum es so unbedingt notwendig war, dass Juden und Araber gemeinsam nach Auschwitz fuhren. Weil ich erst dort völlig verstand: diese Menschen können keineswegs Nazis sein; auch sie sind von der Vorstellung abgestoßen, dass Juden ermordet werden, bloß weil sie Juden sind. Nun hoffe ich, dass uns der nächste konzeptuelle Durchbruch gelingen wird. Indem wir die arabische Zivilisation anerkennen und ihr Ehre erweisen, werden wir jüdischen Teilnehmer beweisen, dass wir keine ignoranten Kolonialisten sind, die die einheimische Kultur verachten, sondern selbst ein einheimisches Volk, das nach Hause zurückkehrt und imstande ist, seine Nachbarn zu respektieren. 
 Eine Bedeutung der Arbeit unserer Gruppe liegt demnach darin, dass der Frieden davon abhängt, dass Juden und Araber nicht länger die historischen Traumata des jeweils anderen verkörpern. Ob unsere fortdauernde Pilgerfahrt zur Basis einer neuen Beziehung zwischen arabischen und jüdischen Bürgern in Israel werden kann, hängt von unserer Fähigkeit zur Aufrechterhaltung der spirituellen Authentizität unserer Reise ab. 
 Am meisten jedoch kommt es darauf an, dass wir in Liebe zueinander stehen. Denn dies ist die wirklich radikale Botschaft unserer gemeinsamen Pilgerfahrt: dass Juden und Araber, bei allem begründeten Misstrauen und Zorn zwischen uns, zusammen reisen können - und ausgerechnet nach Auschwitz - und dort Trost in der Umarmung des jeweils anderen suchen. Nicht jeder in unserer Gruppe ist mit der nächsten Phase der Arbeit einverstanden. Vor zwei Wochen hatten wir ein schwieriges, sogar schmerzhaftes Treffen. Einige unter uns waren enttäuscht, dass unsere Führung sich weigerte, einer politischen Botschaft oder einem offensiven Erziehungsprogramm Vorschub zu leisten. In hitzigen Reden mit leidenschaftlicher Rhetorik attackierten die Kritiker die Idee, die arabische Zivilisation zu studieren, als irrelevant, und die Vorstellung, dass Liebe sowohl unser Weg als auch unser Ziel sein soll, als hoffnungslos abstrakt. 
 Ich verstehe die Kritiker. Sie sind tief besorgt, dass wir als Gruppe eine Gelegenheit vergeuden, die Kraft unserer Reise auszunutzen. Die jüdische Empfindung ist an konkrete Aktion gewöhnt und misstraut vagen Formulierungen guten Willens. So sehr ich diese Reaktion verstehe, glaube ich dennoch, dass sie der Einzigartigkeit unseres Experiments nicht gerecht wird. Es gibt, wie Abuna bemerkt, viele Organisationen, die sich der praktischen Dialogarbeit widmen, und ich bin stolz darauf, in mehreren davon mitgewirkt zu haben. Die große Erkenntnis Abunas jedoch ist, dass es in diesem Konflikt nicht um Land und um Grenzen, sondern um Hass und Furcht geht. Das Problem ist ein psychologisches, emotionales, spirituelles. Um den Konflikt zu lösen, muss man daher die Wurzel behandeln, nicht das Symptom. Wenn Hass und Furcht das Problem sind, dann sind Liebe und Vertrauen die Lösung. 
Das Wunder unserer Pilgerfahrt nach Auschwitz bestand darin, dass Juden und Araber imstande waren, einander anzunehmen, miteinander zu weinen, einander zu vertrauen, einander zu lieben - dort, an diesem Ort. Wir durchbrachen alle Annahmen über den arabisch-israelischen Konflikt. Und die Nachricht von dieser kollektiven Überschreitung wurde an Millionen von Menschen verbreitet. Abuna ist ein Mann Gottes, aber glücklicherweise versteht er es auch, Änderungen an der diesseitigen Sphäre der Existenz zu erwirken. Es ist kein Zufall, dass so viele von uns, die eingeladen wurden, an der Pilgerfahrt teilzunehmen, Journalisten und Schriftsteller waren. In Polen hatte ich manchmal den Eindruck, dass unsere Gruppe sich tatsächlich aus zwei Gruppen zusammensetzte - nicht Araber und Juden, sondern Journalisten und Nichtjournalisten. Im Dezember 1998, als Ramadan, Hanukkah und Weihnachten zusammenfielen, besuchte ein Sufilehrer aus Kairo namens Scheich Ishak Idriss Sakouta Jerusalem, auf einer Ein-Mann-Mission der Versöhnung mit den Juden. Ich genoss das Privileg, einige Zeit mit ihm zu verbringen. Während eines Treffens mit Interfaith-Aktivisten wurde der Scheich gefragt, was seiner Meinung nach Menschen guten Willens unternehmen sollten, um den Konflikt heilen zu helfen. Er antwortete, dass Juden und Muslime gemeinsam in der Öffentlichkeit auftreten sollten, so oft wie möglich. Ich erinnere mich, dass mich diese Antwort enttäuschte, da ich sie für zu einfach, zu einfältig hielt. War das alles? Bloß zusammen sein? Welch eine Verschwendung von Gelegenheit zu wirksamerem Handeln! Heute jedoch erkenne ich, dass der Scheich recht hatte: in demonstrativer Liebe zusammenzustehen ist in unserem Zusammenhang ein derart extremer Akt, dass er die Macht hat, die Realität zu verändern. 
 In Wahrheit macht es beinahe keinen Unterschied, was der nächste Schritt unserer Gruppe sein wird, solange wir ihn gemeinsam gehen und es mit Liebe tun, und diese gegenseitige Liebe durch die Medien an unsere arabische und jüdische Öffentlichkeit gesendet wird. 
 Und, ganz entscheidend, dass wir unseren nächsten Schritt ohne Politik machen. Das war die Grundregel unserer Fahrt nach Auschwitz: Keine Politik. Juden und Araber zusammenzubringen und ihnen dann zu verbieten, über Politik zu diskutieren, grenzt an Missbrauch. Doch diese Beschränkung selbst bedeutete den Beginn eines neuen Diskurses. Und um diesen neuen Diskurs zu vertiefen, muss die Beschränkung aufrecht erhalten werden. Wir haben eine politikfreie Zone geschaffen, einen sicheren Ort, der einer Gruppe von bemerkenswert unterschiedlichen Menschen erlaubt hat, als Brüder und Schwestern zusammenzukommen. In Auschwitz waren Mitglieder der kommunistischen Partei, ein ehemaliger Knessetabgeordneter von Meretz und der Rabbiner einer Siedlung mit von der Partie. Politik legt fest und trennt, Liebe überwindet und vereint. Die Besonderheit unserer Gruppe besteht in ihrer Weigerung, Unterscheidungen zu treffen, inmitten in einer harten politischen Wirklichkeit, die von Unterscheidungen gekennzeichnet ist. 
 In den letzten drei Jahren habe ich mich oft gefragt: Was bedeutet es, in diesem Konflikt ein Mensch zu sein? Ich glaube nicht, dass es heißt, die eigene politische Wahrheit zu verleugnen. Aber es heißt anzuerkennen, dass diese Wahrheiten bloß menschlich und daher unvollständig sind. Es bedeutet, einen Teil seiner selbst unparteiisch zu halten - einen Teil, der weder jüdisch noch arabisch, israelisch oder palästinensisch, niemandes Anwalt und daher jedermanns Anwalt ist. Es ist die Erfahrung von Demut, von Unsicherheit, das Gegenteil politischer Gewissheit. Die politischen Aspekte meiner Persönlichkeit sind gut genährt - ich bin Journalist, und als Verfasser von Kommentaren bin ich es gewohnt, meinen politischen Ansichten Ausdruck zu verleihen. Das ist der Teil von mir, der im Rahmen der Begriffe lebt, die diese unerlöste Welt setzt, der mit ihren Missständen, Unterscheidungen und Ausschlüssen kämpfen muss. Die Mitgliedschaft in dieser Gruppe bedeutet für mich, dass mein anderer Teil, der auf dem Primat der Liebe als Instrument der Erfahrung menschlichen Einsseins besteht - dieser Teil von mir, der keine Möglichkeit hat, sich in diesem Konflikt zu artikulieren, hier, unter diesen Leuten erhalten werden kann. In ihrer Gemeinschaft erlaubt mir diese Gruppe, meine politischen Bekenntnisse und Überzeugungen sein zu lassen und meinen Mitmenschen zu lieben, aus dem einzigen Grund, dass wir gemeinsam in unerträglicher Sterblichkeit gefangen sind. 
 In unserem tiefsten Grund sind wir eine Gruppe, die nicht die Koexistenz, sondern die Existenz fördert. Koexistenz heißt immer, dass es zwei Seiten gibt. In Auschwitz befestigten wir unsere Existenz auf einer Seite, der Seite des gemeinsamen Menschseins. Wir berührten jenen Punkt in uns, der weder ein Likud-Wähler noch ein Hadash-Wähler, nicht Jude, nicht Christ oder Muslim ist. Nicht eine der Identitäten, die von unserer begrenzten sterblichen Existenz abhängt, sondern jene Identität, die im Ebenbild Gottes errichtet und ewig ist. Nicht, dass wir die Schmerzen vermeiden könnten oder sollten, die wir alle als Akteure in diesem furchtbaren Konflikt erfahren. Dieser Schmerz scheint unvermeidlich in all unseren Diskussionen auf, und mit Sicherheit in unseren Diskussionen in Polen. Doch nicht durch politische Manifestationen, sondern eher durch zwischenmenschlichen Kontakt. 
 Trotz allem gibt es ein Paradox im nicht-politischen Zugang unserer Gruppe. Je gewissenhafter wir die Politik vermeiden, desto größer ist meines Erachtens unsere Chance, die politische Realität behutsam zu beeinflussen. Wenn die Juden sich weniger alleingelassen und die Araber sich mehr respektiert fühlen, können wir beide großzügiger sein. Und das hat mit Sicherheit Folgen für unsere gegenseitige Fähigkeit, Frieden zu schließen. Ich möchte Abuna und Ruti, Yehudit und Nazir und all meinen Mitpilgern dafür danken, dass sie diesen Versuch einer unmöglichen Liebe zwischen Arabern und Juden ermöglichen. 

                                                                  Aus dem Englischen übersetzt von Astrid Popien

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