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Aus dem Inhalt von Heft 1 des 8. Jahrgangs (2002) 

Zu diesem Heft

.

Editorial 

Israel, Palästina und der ganze Nahe Osten befinden sich in einer
Dauerkrise. Im kleinen israelisch-palästinensischen Spielfeld be-
treiben palästinensische Terroristen und israelische Abwehrkräfte
ein Katz- und Maus-Spiel, in dem einmal die eine, ein anderes
mal die andere Seite die Oberhand hat. Im größeren weltweiten
Rahmen droht ein erneuter Golfkrieg und seit dem 11. September
2001 ein Kulturkampf, der religiöse Züge angenommen hat. Diese
festgefahrene Situation macht sich auch in der interreligiösen Ar-
beit bemerkbar. Immer weniger Menschen wollen sich hier en-
gagieren oder überhaupt davon hören. Die Fronten verhärten sich
zunehmend. Um so wichtiger ist diese Arbeit.
    Das mit Verzögerung erscheinende Doppelheft berichtet von der
eingeschränkten Arbeit der Israel Interfaith Association und ana-
lysiert die Hauptkonfliktherde in Israel-Palästina, die weiterhin ei-
ner Lösung harren. So finden sich Stellungsnahmen zur Situation in
Nazareth, Nachträge zur Geiselnahme in Bethlehem und Hinter-
grundinformationen über die Auseinandersetzungen um den Tem-
pelberg in Jerusalem.
    Das der Islam in der interreligiösen Auseinandersetzung eine
immer wichtigere Rolle einnimmt, findet sich in dem Heft ein
grundlegender Artikel eines der im islamisch-christlichen Dialog
in Israel und im Nahen Osten besonders involvierten christlichen
Vertreters.
   Zum Schluss sind zwei politische Dokumente abgedruckt, die
den religiösen Aspekt tangieren. Die gemeinsame Erklärung des
ehemaligen israelischen Geheimdiensschefs und des Präsidenten
der palästinensischen Al Quds Universität zur Lösung des israelisch--
palästinensischen Konflikts ist ein Lichtblick in der gegenwärtigen
Auseinandersetzung und behält ihre Bedeutung, auch wenn sie auf
beiden politischen Seiten zur Zeit auf keine große Gegenliebe stößt.
    Dieses Heft hätte nicht erscheinen können, wenn nicht wieder
einige freiwillige Übersetzer bei der Arbeit mitgeholfen hätten. Ih-
nen gebührt ein besonderer Dank: Carolin Kalbhenn, Astrid Popien
und David Schnell.

 Jerusalem, im Oktober 2002                                 Joseph Emmanuel und Michael Krupp
  .
 

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Einige Anmerkungen zum neuen Interfaith Kalender

                                 Nachdem der Kalender im vorigen Jahr
ausverkauft war und die leztzen Besteller leer ausgingen, haben
wir die Auflage leicht erhöht in der Hoffnung, dass der Kalender
auch dieses Jahr seine Abnehmer findet. Technisch ist der Kalen-
der aufwendiger und schöner geworden. Wie im letzten Jahr ist es
ein Postkartenkalender.    
    Hier sollen ein Paar persönliche Anmerkungen zu einigen Bil-
dern folgen, die vielleicht etwas aus der Reihe eines in Israel
produzierten Kalenders fallen. So findet sich im Monat März ein
Bild von der Kuppel der Berliner Synagoge in der Oranienbur-
gerstraße, aufgenommen von einer fahrenden S-Bahn. Für mich ist
die goldene Kuppel der Synagoge über den Dächern von Berlin
jedesmal ein Symbol des wieder auferstandenen Judentums in
Deutschland und ein Sieg über die Hitler Tyrannei, ein Hoffnungs-
zeichen, so verwischt, wie es auch von der fahrenden S-Bahn her
erscheinen mag.
    Das zweite Motiv, auf das ich hinweisen will, ist das Septem-
berblatt. Es zeigt das Äußere und etwas vom Inneren der Synagoge
in Chenamangalam im indischen Urwald, unweit von Cochin in
der Provinz Karala. Ich habe in meiner Handschriftensammlung
ein Büchlein mit zum Teil unbekannten Midraschim aus diesem Ort
aus dem 18. Jahrhundert und wollte so die Synagoge aufsuchen.
Es war nicht leicht, sie zu finden, sie wurde von ihrer Gemeinde
Anfang der fünfziger Jahre verlassen, die nach Israel auswanderte.
Heute steht sie unter Denkmalschutz, aber eigentlich nur unter
Naturschutz und die Natur schützt sie nur oberflächlich. Das Dach
bricht langsam ein, die wunderbare mit Goldfarbe verzierte Holz-
decke ist teilweise eingestürzt, ebenso das Geländer der Frauenem-
pore. Teile des bunten Toraschreins sind noch zu sehen. Draußen
ist ein hebräischer Grabstein eingemauert aus dem Jahr 1281, da-
tiert in seleukidischer Zeitrechnung, die mit dem Tode Alexander
des Großen beginnt, 311 vor unserer Zeitrechnung.
    Als ich mühsam aus einem der Fenster aus der Synagoge herab-
stieg, der Schlüssel der Synagoge ist verloren gegangen, begrüßte
mich ein blinder Mann. Er rezitierte den wohl einzigen Satz, den
er auf Hebräisch beherrscht, #/+baruch atah adonai#/-. Er sei ein Bap-
tistenprediger und versorge hier fünf Familien im Urwald. Wenn
jemand so weit gereist sei, um diese Synagoge zu finden, dann
komme er bestimmt aus Israel.
    In wenigen Jahren wird es diese Synagoge wohl nicht mehr
geben, der Urwald ist unerbittlich in seinem Vormarsch.
                                                                          mk

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 Ein neues Editionsprojekt: Die Jerusalemer Mischna

Auf einem ganz anderem Gebiet bewegt sich ein weiteres Projekt:
Die Veröffentlichung einer Studienausgabe der Mischna. Dieses
Projekt sprengt den engeren Rahmen der praktischen Interfaith-
Arbeit und wird von den Absolventen des deutschen Studienpro-
grammes an der Hebräischen Universität "Studium in Israel" ge-
tragen.
    Die Mischna ist der Grundbestand beider Talmudim, des Jerus-
halmi und des Bavli. Es gibt bisher keine wissenschaftliche Ge-
samtausgabe der Mischna. Der Text der bisherigen Ausgaben ist
verderbt und unzuverlässig. Die Mischna ist in zwei verschiedenen
Rezensionen überliefert, der palästinischen (eretz israelischen) und
der babylonischen. In den Drucken findet sich ein Mischtext bei-
der. Die jetzige Ausgabe vermittelt an Hand der vollständigen
Mischna und Talmud Handschriften einen zuverlässigen Text. Hin-
zu kommt eine deutsche Übersetzung und ein deutscher Kommen-
tar. Die Ausgabe erscheint zunächst in Einzelausgaben der Trak-
tate.
 
 Bisher sind folgende Traktate erschienen oder stehen kurz vor
dem Abschluss:
 - Traktat Avoda Sara (Vom Götzendienst oder dem Umgang mit
dem Fremden). Bearbeitet von Michael Krupp
 - Traktat Megila (Vom Lesen der Esther-Rolle und anderer Schrif-
ten in der Synagoge). Bearbeitet von Michael Krupp
 - Traktak Joma (Vom Versöhnungstag). Bearbeitet von Michael
Krupp
 - Traktak Sukka (Von der Laubhütte). Bearbeitet von Ralf Kübler
 - Traktat Avot (Die Weisheitsliteratur der Rabbinen). Bearbeitet
von Frank Überschär und Michael Krupp
 - Einleitung in die Mischna. Von Michael Krupp

 Diese Einzelausgaben eignen sich besonders für den Studien-
betrieb, wenn ein Einzeltraktat gelesen wird, wie es normaler
Weise der Fall ist.

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   Christen und Moslems

 Vortrag vor der Rainbow group von Franz Bouwen, gehalten am
10. April 2002.


Franz Bouwen gehört zum Orden der "Weißen Brüder", die sich zur
Aufgabe gemacht haben, das Gespräch mit dem Islam zu führen.
Bouwen unterrichtet an der katholischen Bethlehem Universität.
Die Rainbow group ist ein der IIA sehr verwandter christlich--
jüdisch akademischer Zirkel.


Auf dem Weg zur gegenseitigen Anerkennung

Das Thema des diesjährigen Treffens der Jerusalemer "Regenbo-
gen-Gruppe" ist "Versöhnung". In diesem Rahmen wurde ich ge-
beten, einen Vortrag über die Versöhnung zwischen Christen und
Moslems zu halten. Angesichts der Tatsache jedoch, dass der Be-
griff der "Versöhnung" - oder mit diesem in Beziehung stehende
Begriffe - in Christentum und Islam sehr unterschiedlich verstan-
den werden, habe ich einen veränderten Titel gewählt. Anstatt von
"Versöhnung" spreche ich lieber von "gegenseitiger Anerken-
nung". In meiner zweiten Eingangsbemerkung würde ich gern be-
tonen, dass das, was ich heute abend darlegen werde, nicht als
akademischer Vortrag gedacht ist. In der kurzen mir zur Verfügung
stehenden Zeit ist es unmöglich, ein umfassendes Bild zu geben.
Genauso unmöglich war es mir in der wenigen freien Zeit, die ich
während der vergangenen Wochen hatte und angesichts der ange-
spannten Situation, in der wir uns befinden, eine wirklich syste-
matische Darstellung vorzubereiten. Deshalb bitte ich Sie, meine
Präsentation eher als Einleitung eines hoffentlich fruchtbaren Aus-
tauschs und ebensolcher Diskussionen zwischen uns zu betrach-
ten. Auch bin ich mir voll und ganz der Tatsache bewußt, dass die
Realität moslemisch-christlicher Beziehungen je nach ihrem geo-
graphischen Ort und in Abhängigkeit von den involvierten Perso-
nen konkret sehr unterschiedliche Formen annimmt.
& Ausgangspunkt: die Erklärung "Nostra Aetate"&ä
Zum Ausgangspunkt meines Vortrags würde ich gerne die Erklärung
des Zweiten Vatikanischen Konzils zu den Beziehungen der Kir-
che zu nichtchristlichen Religionen "Nostra Aetate" machen. Die-
ser Text wird allgemein als Wendepunkt angesehen, als ein Neu-
anfang in den Beziehungen zwischen Christen, insbesondere Ka-
tholiken, und Juden. In gewisser Hinsicht gilt das auch für die
Beziehungen zwischen Katholiken und Moslems.

 Ein neuer Ausgangspunkt

Paragraph drei von "Nostra Aetate", der sich unmittelbar auf mos-
lemisch-christliche Beziehungen richtet, ist sehr kurz. Den meis-
ten von Ihnen ist er vermutlich bekannt. Dennoch erscheint es zur
Einführung ins Thema sinnvoll, ihn hier gemeinsam zu betrachten.
Er besteht aus zwei Abschnitten: der erste beschreibt einen neuen
Weg zur Betrachtung des Islam, der zweite eröffnet Perspektiven für
neue Beziehungen mit den Moslems.
    Im Hinblick auf das umfassendere Thema "Versöhnung" könnte
man sagen, dass die positive Haltung, die der Text grundsätzlich
dem Islam gegenüber einnimmt, eine Art Revolution im katholi-
schen Denken darstellt. Lesen wir den folgenden Abschnitt:

    "Auch die Moslems betrachtet die Kirche mit großer Achtung. Sie beten einen le-
bendigen und ewigen, gnädigen und allmächtigen Gott an, den Schöpfer des Himmels
und der Erde, der sich den Menschen offenbart hat. Sie streben danach, sich vollen
Herzens sogar seinen unerforschlichen Ratschlüssen zu unterwerfen, genau wie es
Abraham tat, dem der islamische Glaube gerne nachfolgt. Wenn sie auch Jesus nicht
als Gott anerkennen, verehren sie ihn doch als Propheten. Sie verehren auch die
Jungfrau Maria; manchmal rufen sie sie gar in Andacht und Ergebenheit an. Außer-
dem erwarten sie den Jüngsten Tag, an dem Gott allen von den Toten Auferstandenen
Gerechtigkeit widerfahren lassen wird. Aus alledem folgt ihre Wertschätzung eines
von der Moral geleiteten Lebens und der Verehrung Gottes vor allem durch das
Gebet, durch das Geben von Almosen und durch das Fasten."

Der Begriff Versöhnung kommt in diesem Text nicht vor. Wenn wir
diese Zeilen jedoch genau lesen, erkennen wir, dass sie einen
radikalen Sinnes- und Herzenswandel in der kirchlichen Sicht auf
die Moslems darstellen: einen bedeutenden Schritt in Richtung auf
eine Begegnung mit ihnen und ihre Anerkennung. Es genügt, die
"Achtung" für die Moslems festzustellen, die Anerkennung ihres
Monotheimus und des Stellenwerts, den sie einem moralisch
geführten Leben beimessen.
    Der zweite Abschnitt, der sich mit den Beziehungen zwischen
Christen und Moslems befasst, lautet wie folgt:
   
 "Obwohl es im Laufe der Jahrhunderte viel Streit und Feindseligkeiten zwischen
Christen und Moslems gegeben hat, fordert diese heiligste Synode alle auf, die Ver-
gangenheit zu vergessen und sich ernsthaft um ein gegenseitiges Verstehen zu bem-
ühen. Lasst sie im Namen der ganzen Menschheit gemeinsame Sache in der Sicherung
und Pflege sozialer Gerechtigkeit, moralischer Werte, Frieden und Freiheit machen."

Das Wort, das unserem Begriff der Versöhnung am nächsten kommt,
ist die Ermahnung zum "Vergessen der Vergangenheit" und zum
ernsthaften Bemühen um "gegenseitiges Verstehen". Die Ermuti-
gung, gemeinsam auf soziale Gerechtigkeit, Moral und Frieden
hinzuwirken, setzt gegenseitige Anerkennung und wenigstens ein
Minimum gegenseitigen Vertrauens voraus. Mit diesem Text sind
wir in der Tat auf dem Weg zu einer echten Anerkennung des
Islam.

 Eine Bestätigung der Praxis

Es ist gleichzeitig wichtig zu betonen, dass das Zweite Vatikani-
sche Konzil, wenn es in vielen verschiedenen Bereichen neue
Wege eröffnete, doch in keinem dieser Bereiche bei Null angefan-
gen hat. Die neuen theologischen und seelsorgerischen Orientie-
rungen, die das Konzil sich zu eigen machte, waren nur aufgrund
starker theologischer, biblischer, liturgischer und geistlicher Er-
neuerungsbewegungen möglich, die vielerorts schon seit Jahren im
Gang waren. Für die Pioniere dieser Erneuerung stellte das Zweite
Vatikanische Konzil eine Bestätigung, eine Art Weihe dar. Dies gilt
ebenso für die Beziehungen zwischen Christen und Moslems.
    An dieser Stelle möchte ich mich auf die Erfahrungen meiner
eigenen religiösen Gesellschaft beziehen, die Weißen Väter oder
Missionare von Afrika, wie ihr offizieller Name lautet. Die Weißen
Väter wurden in den 1860er Jahren von dem damaligen Erzbischof
von Algier, Charles Lavigerie, der später Kardinal wurde, in Al-
gerien gegründet. Das Ziel dieser Gründung war Missionsarbeit un-
ter den Moslems, wie es den Vorstellungen der Zeit entsprach.
Aber das hat nie wirklich funktioniert. Die Weißen Väter bemühten
sich daher um eine langfristige Präsenz in der muslimischen Welt
und versuchten, deren besten Interessen zu dienen. Im Laufe der
Zeit jedoch bemerkten sie allmählich, dass die klassische missi-
onarische Herangehensweise in der muslimischen Gesellschaft
und Kultur zu nichts führte. Zur Zeit der Eröffnung des Zweiten
Vatikanischen Konzils lebten die Weißen Väter schon seit beinahe
hundert Jahren unter den nordafrikanischen Moslems, ohne dass
es ihnen gelungen wäre, dort eine arabische christliche Gemein-
schaft aufzubauen. Diese Jahre vergingen natürlich nicht ohne
ernsthafte Reflexion. Sogar in einer Gesellschaft wie den Weißen
Vätern wurden viele verschiedene Meinungen geäußert und sehr
verschiedene Ansätze in die Praxis umgesetzt. Als ich zum Beispiel
1959 als Theologiestudent zum ersten Mal nach Tunesien kam,
hatten wir beim Erlernen und Üben der arabischen Sprache eine
ganze Reihe von Kontakten mit der örtlichen muslimischen
Bevölkerung. Eine der Fragen, die wir in jener Zeit eifrig diskutier-
ten, lautete: "Ist es für einen Christen zulässig, Moslems dabei zu
helfen, bessere Moslems zu werden, anstatt zu versuchen, sie für
das Christentum zu gewinnen?" Unsere Antwort fiel ebenso wie
die unserer Theologieprofessoren entschieden zustimmend aus,
obwohl man das damals noch nicht wirklich offen aussprach. Es
mangelte uns in der Tat noch an theologischem Werkzeug zur
Rechtfertigung und öffentlichen Formulierung unserer Position. In
dieser Hinsicht stellten die Publikationen des Zweiten Vatikani-
schen Konzils für viele, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten,
eine Art Befreiung dar, die Bestätigung und Billigung einer Suche
und einer Praxis, die schon seit mehreren Jahrzehnten im Gange
war. Auf höchster Ebene erkannte die Kirche nun an, was einige
kleine Gruppen von Pionieren erprobt und gelebt hatten. Was in
den offiziellen Dokumenten formuliert war, war keine intellektu-
elle Neuerung, sondern das Ergebnis eines langwierigen, aber
konstanten Prozesses, der sich auf gedanklicher wie auf lebens-
praktischer Ebene vollzogen hatte.

 Der Begriff der Versöhnung im Islam

Bevor ich versuche, eine allgemeine Übersicht über die Entwicklung
der Beziehungen zwischen Christen und Moslems in den letzten
40 oder 50 Jahren zu geben, möchte ich, dem diesjährigen Thema
"Versöhnung" der Regenbogen-Gruppe entsprechend, einige Über-
legungen zu Begriff und Realität der Versöhnung im Islam präsentie-
ren, die dazu dienen können, die später folgenden Beobachtungen in
die richtige Perspektive zu stellen.
    Wenn wir das Wort "Versöhnung" als Übersetzung des griechi-
schen katallagi im Neuen Testament, insbesondere in den pauli-
nischen Schriften, betrachten, müssen wir eingestehen, dass eine
exakte Entsprechung dieses genau definierten Begriffs im Koran
oder in der klassischen islamischen Literatur nicht existiert. Wenn
wir aber Versöhnung in einem weniger "technischen" Sinn als ei-
nen die "Wiederherstellung von Freundschaft, Harmonie und
Kommunikation" beschreibenden Begriff ansehen und gleichzei-
tig eine weitere Bedeutung, die das Wort häufig umfasst, nämlich
"jemanden veranlassen, sich zu unterwerfen oder etwas zu
akzeptieren" im Sinne behalten, dann werden wir aus dem Uni-
versum des Islam heraus zu der Erkenntnis von Aspekten und
Bereichen seiner Lehre und Praxis geleitet, die in diesem Zusam-
menhang relevant erscheinen.
 Der Begriff "Islam" selbst wird gewöhnlich übersetzt als aktive
Unterwerfung, Ergebung in Gott, auszuführen durch "jenen, der
sich Gott unterwirft", den muslim, oder die muslimun im Plural.
Die Wurzel s-l-m bildet auch das arabische Wort salam, das heißt
"Frieden" in einem Verständnis, das dem biblischen shalom ent-
spricht, im Sinne des Wohlbefindens, der Erfüllung und des Heils.
Es gibt auch den Begriff silm, der den Frieden im Gegensatz zum
Krieg bezeichnet, und schließlich salama mit der Bedeutung von
Bewahrung, Freiheit von allem Übel, Gesundheit und Wohlstand.
    Salam ist zunächst einmal der Gruß unter muslimischen Gläubi-
gen; sie wünschen einander Frieden im umfassendsten Sinne des
Wortes. Einem Nicht-Muslim gegenüber verwenden arabische
Muslime das Wort salama, im Sinne von Gesundheit und Wohl-
stand, oder sie benutzen die koranischen Worte: "Heil sei über
einem (jeden), der der rechten Leitung  folgt!" (20:47) und
überlassen das Urteil damit Gott, der allein weiß, wer sich auf dem
rechten Weg befindet.
    Die offene Bedeutung von islam in Beziehung zu salam wird
von dem zeitgenössischen muslimischen Autor Kurshid Ahmad
1978 folgendermaßen beschrieben: "eine Selbstverpflichtung, den
eigenen Willen dem Willen Gottes zu unterwerfen und sich so im
Zustand des Friedens mit dem Schöpfer und seiner ganzen
Schöpfung zu befinden. Durch die Unterwerfung unter den Willen
Gottes wird Frieden hergestellt. Die Harmonisierung unseres Wil-
lens mit Gottes Willen bewirkt die Harmonisierung verschiedener
Sphären des Lebens unter einem allumfassenden Ideal."
    In diesem Verständnis kann Islam als ein Werkzeug universellen
Friedens und universeller Harmonie betrachtet werden. Da ist zu-
erst die allgegenwärtige Verpflichtung zur Gerechtigkeit; der Koran
verlangt den Moslems Gerechtigkeit in allen zwischenmenschli-
chen Beziehungen ab, eingeschlossen die mit Nicht-Moslems. In
Sure 5:8 zum Beispiel heißt es:
   
  "Ihr Gläubigen! Steht (wenn ihr Zeugnis ablegt) Gott gegenüber als Zeugen für die
Gerechtigkeit ein! Und der Hass, den ihr gegen (gewisse) Leute hegt, soll euch ja
nicht dazu bringen, dass ihr nicht gerecht seid. Seid gerecht! Das entspricht eher der
Gottesfurcht." (vgl. auch 4:85; 6:115, 157; 16:76, etc.)

Es ist wahr, dass der Koran an vielen Stellen das Prinzip der
Vergeltung lehrt, aber er empfiehlt auch Vergebung und ermahnt
zur Güte, mit folgender Begründung: "Und tu Gutes, so wie Gott dir
Gutes getan hat!" (28:77). Wir finden im Koran sogar Ermunte-
rungen im Sinne eines "Besiegens des Bösen durch das Gute".
Zum Beispiel folgendes (keineswegs isoliert dastehendes) Zitat:

    "Die gute Tat ist nicht der schlechten gleich(zusetzen). Weise (die Übeltat) mit etwas
zurück, was besser ist (als sie), und gleich wird derjenige, mit dem du (bis dahin)
verfeindet warst, wie ein warmer Freund (zu dir) sein." (41:34, vgl. 23:96; 13:22;
28:54).

Hier ist nicht der Ort für eine tiefergehende Analyse islamischer
Standpunkte. Ich wollte diese wenigen Stellen nur zitieren, um
uns verstehen zu helfen, dass, wenn wir über Versöhnung oder ver-
besserte Beziehungen mit Moslems sprechen, wir dafür feste Fun-
damente in der islamischen Lehre finden können. Es wäre natürlich
nicht schwer, die Unterschiede zwischen diesen schönen Grundsät-
zen und gewissen Praktiken aufzuzeigen... aber diese Diskrepan-
zen sind gewiss kein Monopol des Islams oder der Muslime. Las-
sen Sie uns vor diesem Hintergrund nun den Blick auf einige
jüngere Entwicklungen oder Gesamttendenzen in muslimisch--
christlichen Beziehungen richten.

 Grundzüge des muslimisch-christlichen Dialogs

Es ist offensichtlich, dass die Beziehungen zwischen Christen und
Moslems nicht auf formelle Zusammentreffen zwischen beiden
Seiten reduziert werden können, und noch weniger auf das, was
man gemeinhin als "Dialog" bezeichnet. Gleichzeitig können je-
doch die Versuche, unterschiedliche Arten des Dialogs zwischen
den beiden Glaubensgemeinschaften zu entwickeln und zu begin-
nen, als Zeichen oder als sichtbarer Ausdruck verschiedener An-
strengungen aufgefasst werden, die vielerorts im Gang sind, aber
in den Medien oftmals nicht erwähnt werden und unbemerkt oder
unkommentiert vonstatten gehen. Aus diesem Grund möchte ich
gerne einige Worte zu den Hauptorten und den verschiedenen
Arten des Dialogs sagen, bevor ich versuchen werde, einen Über-
blick über einige der wichtigsten Themen dieser Dialoge zu geben.

 Die wichtigsten Orte des muslimisch-christlichen Dialogs

Auf globaler Ebene sind die zwei wichtigsten Zentren des mus-
limisch-christlichen Dialogs zweifellos Rom und Genf: Rom für
die katholische Kirche, und Genf für den Weltkirchenrat. Das be-
deutet natürlich nicht, dass die meisten Initiativen in Rom und Genf
stattfinden, aber bei vielen gibt es einen Rückbezug auf einen die-
ser beiden Orte. Die Art und Weise, in der man sich auf Rom oder
auf Genf bezieht, fällt aufgrund der fundamentalen Unterschiede
zwischen den beiden involvierten Körperschaften - eine weltweite
Kirche in Rom einerseits, ein Rat oder Zusammenschluss ganz
verschiedener Kirchen in Genf - sehr unterschiedlich aus.
    In Rom wurde 1964 ein Sekretariat für Nichtchristen geschaffen,
das später zur heutigen Päpstlichen Synode für Interreligiösen Dialog
wurde. Von Anfang an gab es dort immer ein spezielles Büro für
religiöse Beziehungen zu Moslems. Die Synode arbeitet auf zwei
Ebenen: einerseits stellt sie direkte Verbindungen mit verschie-
denen muslimischen Gruppen oder Organisationen her, anderer-
seits ermutigt sie die katholischen Kirchen auf der ganzen Welt,
eigene Beziehungen zu den muslimischen Gemeinden vor Ort her-
zustellen, und berät sie dabei. Der Weltkirchenrat schuf seine erste
Unterabteilung für den Dialog mit Menschen lebendiger Glaubens-
richtungen und Ideologien im Jahr 1971, die ersten christlich--
muslimischen Gespräche fanden jedoch schon 1969 statt. Im Lauf
der Jahre änderten sich Name und Organisation dieser Abteilung
des Weltkirchenrats mehrere Male, augenblicklich heißt sie die
Unterabteilung für "Interreligiöse Beziehungen und Dialog", aber
diese Details sind für uns heute nicht so wichtig. Die Vielfalt der
im Weltkirchenrat repräsentierten kirchlichen Traditionen macht
den interreligiösen Dialog noch viel komplizierter und heikler: die
einzelnen Kirchen haben in bezug auf die Möglichkeiten des Dia-
logs sehr unterschiedliche Ansichten, die mit ebenfalls sehr un-
terschiedlichen Auffassungen hinsichtlich der Aussicht auf
Erlösung für Nichtchristen zusammenhängen.
    Beinahe von Anfang an entwickelte sich zwischen Vatikan und
Weltkirchenrat im Feld der interreligiösen Beziehungen eine sehr
enge Zusammenarbeit. Diese Kooperation war eine der ersten
zwischen den beiden Organisationen, und bis heute ist sie eine der
stabilsten und regelmäßigsten.
    Sowohl dem Vatikan als auch dem Weltkirchenrat ist es ein
stetes Anliegen, die lokalen christlichen Gemeinden in den Dialog
mit einzubinden. Dieses Interesse ist auch das Ergebnis alltäglicher
Erfahrung. Tatsächlich tendieren Moslems, wenn es um Dialog mit
Christen geht, häufig dazu, das Christentum mit dem Westen
gleichzusetzen und sich direkt diesem zuzuwenden und dabei die
vor Ort existierenden christlichen Gemeinden zu übergehen. Eben-
so kommt es vor, dass christliche Delegationen aus dem Westen
Einladungen zur Teilnahme an von muslimischen Ländern organi-
sierten offiziellen Dialogen annehmen, ohne sich zuvor ausrei-
chend mit den lokalen christlichen Gemeinden beraten zu haben.
Es ist oft einfacher, einen Dialog mit weit entfernten Menschen zu
führen, als mit Menschen in unmittelbarer Nähe. Der erste Kontakt
zu westlichen Kirchen kann ein Schritt in die richtige Richtung
sein, aber der tatsächliche Dialog muss zwischen den christlichen
und muslimischen Gemeinden vor Ort stattfinden.
    Auch das Wesen dieser Dialoge variiert weltweit beträchtlich.
Sie können in akademischem Rahmen stattfinden, aber auch zwi-
schen christlichen und muslimischen Gemeinschaften auf welt-
weiter, regionaler oder lokaler Ebene oder zwischen Organisati-
onen, die sich in der Sozial- oder Erziehungsarbeit engagieren
usw. Darüber hinaus kann der Dialog je nach dem Ort und der
kulturellen Umgebung, in der er sich abspielt, sehr unterschiedli-
che Form annehmen. In Westeuropa oder Nordamerika beispiels-
weise, wo die muslimische Präsenz eine relativ neue Erscheinung
ist und die Moslems zahlenmäßig eine kleine Minderheit darstel-
len, kann man sich einander ganz anders annähern, besonders wenn
die muslimischen Teilnehmer in den oben genannten Ländern auf-
gewachsen sind oder dort die Universität absolviert haben. In solch
einem Rahmen sind neue Möglichkeiten für die Zukunft denkbar,
die sogar auf die traditionellen muslimischen Länder zurückwirken
können, aus denen die muslimischen Dialogpartner stammen. Auf
der anderen Seite des Spektrums, in traditionellen muslimischen
Staaten, in denen es keine angestammte christliche Gemeinde
gibt, sind die Voraussetzungen und Erfordernisse eines erfolgrei-
chen Dialogs völlig anders. Ich kann hier nicht ins Detail gehen;
die Notwendigkeit, diese Verschiedenheit der Situationen stets zu
berücksichtigen, ist jedoch offensichtlich.

Unterschiedliche Formen des Dialogs

Im Bereich des muslimisch-christlichen Dialogs ist es allgemein
anerkannt, zwischen mehreren Typen zu unterscheiden: haupt-
sächlich dem theologischen Dialog, dem Dialog des alltäglichen
Lebens und dem geistlichen Dialog. Im theologischen Dialog
bzw. Dialog des theologischen Austauschs bemühen sich Spezia-
listen beider Seiten, ihr Verständnis des jeweils anderen religiösen
Erbes zu vertiefen. Sie studieren beispielsweise gemeinsam einen
konkreten Gegenstand, um zu erkennen, bis zu welchem Grad sie
sich einem gemeinsamen Standpunkt oder einem wechselseitig
akzeptierten Ansatz annähern können. Diese Dialogform wird im-
mer auf einen kleinen Kreis gut ausgebildeter Personen beschränkt
bleiben. Gegenwärtig gestaltet sie sich zwischen Christen und
Moslems noch ausgesprochen schwierig. Auf den ersten Blick
erscheint ein gewisser religiöser Austausch zwischen Christen und
Moslems vielleicht eher unkompliziert. Für beide Seiten ist es ein-
fach, die Elemente aufzuzählen, die ihre Religionen scheinbar ge-
meinsam haben, in der Hauptsache eine gewisse Anzahl von Fi-
guren, die sowohl in der Hebräischen Bibel oder im Neuen Tes-
tament als auch im Koran vorkommen. Dies geschieht gewöhnlich
in ersten Treffen von Christen und Moslems auf Laienebene, im
Nahen Osten oder an anderen Orten, wo beide Gemeinschaften in
unmittelbarer Nachbarschaft miteinander leben, und besonders
dann, wenn Schwierigkeiten in den Beziehungen auftreten und es
notwendig wird, die wechselseitigen Verbindungen zwischen den
Gemeinschaften erneut zu bestärken. Diese Art der Annäherung
bleibt dennoch reichlich oberflächlich, da die Gemeinsamkeiten
immer nur teilweise zutreffen und die Unterschiede für gewöhnlich
viel profunder sind als die Gemeinsamkeiten. Über diese erste
oberflächliche Ähnlichkeit hinaus in einen wirklichen theologischen
Dialog zwischen Christen und Moslems einzutreten, bleibt im
Augenblick aus theologischen wie auch aus kulturellen Gründen
sehr schwierig. Der Hauptgrund hierfür ist offenbar das Fehlen
einer echten historisch-kritischen Annäherung an die religiöse Wirk-
lichkeit in der traditionellen muslimischen Welt, ein Ansatz, der
beispielsweise helfen könnte, zwischen Wesentlichem und Sekund-
ärem oder zwischen historisch Authentischem und späteren Hinzuf-
ügungen und Erläuterungen zu unterscheiden.
    Im Augenblick scheint der Beginn einer tatsächlichen theologi-
schen Annäherung bzw. eines Dialogs nur mit praktizierenden
Moslems möglich, die irgendeine akademische Ausbildung west-
lichen Stils im Feld der Geistes- und Kulturwissenschaften durch-
laufen haben. Diese muslimischen Wissenschaftler sind um ihrer
selbst willen gezwungen, irgendeine Art der Revision oder Wie-
deraneignung ihrer traditionellen Ansichten des Islam vorzuneh-
men, wenn sie gleichzeitig in ihrem Glauben und in ihrer akade-
mischen Forschung gewissenhaft sein wollen. Solche Menschen
existieren sowohl in Westeuropa und Nordamerika als auch in
einigen traditionell muslimischen Ländern. Mancherorts gibt es
schon einen etablierten Dialog mit ihnen. Ich persönlich kenne die
"Groupe de recherches islamo-chretien" (GRIC), die in der
französischsprachigen Welt operiert und lokale Gruppen in Frank-
reich, Belgien, Tunesien und Marokko unterhält; sie veranstaltet
auch regelmäßige Gesamttreffen von Vertretern der jeweiligen
Ortsgruppen. Drei große Studien wurden bislang erstellt: Ces
Ecritures qui nous questionnent. La Bible et le Coran (1987) (Die
Herausforderung der Schriften. Die Bibel und der Koran); Foi et
justice: un defi pour le christianisme et pour l'islam (1993) (Glau-
be und Gerechtigkeit: eine Herausforderung für Christentum und
Islam); Pluralisme et laicite. Chretiens et musulmans proposent
(1996) (Pluralismus und Säkularismus. Christen und Moslems
schlagen vor). Anderswo gibt es ähnliche Gruppen, insbesondere
im Umfeld bestimmter akademischer Institutionen in Großbritan-
nien und den Vereinigten Staaten. Ich habe den Eindruck, dass die
Zukunft eines echten Dialogs zwischen Christen und Moslems bei
diesen Gruppen liegt. In gewisser Weise kann man diese Gruppen
sogar als ersten Schritt zur Vorbereitung der unumgänglichen Kon-
frontation des Islam mit der Moderne, der modernen oder post-
modernen Gesellschaft betrachten. In dieser Hinsicht könnte diese
Art des Dialogs von großer Wichtigkeit für die Zukunft des Islams
selbst sein, denke ich.
    Ein zweiter sehr wichtiger Dialogtyp kann der Dialog des allt-
äglichen Lebens genannt werden. Dieser findet statt, wo Moslems
und Christen sich gemeinsam bewusst um ein Zusammenleben im
Geiste der Offenheit und Freundschaft bemühen, in dem sie ihre
Freuden und Sorgen, ihre menschlichen Probleme und Tätigkeiten
miteinander teilen. Hier ist bewusste Anstrengung erforderlich. Es
genügt nicht, nur nebeneinander zu leben, da das auch zu einer Art
Ghettoexistenz führen kann. Diese Form des Dialogs ist die ele-
mentarste an Orten, wo beide Gemeinschaften zusammenleben,
wie etwa in den meisten Ländern des Nahen Ostens.
    Um noch harmonischer und fruchtbarer zu werden, muss dieses
Zusammenleben Gegenstand bewusster Anstrengungen im Hin-
blick auf Reflexion, Austausch und Zusammenarbeit sein. Die
meisten muslimisch-christlichen Begegnungen in unserer Region
gehören wohl diesem Typ an. Christen und Moslems treffen sich,
um zusammen ein Thema von gemeinsamem Interesse zu studie-
ren wie z.B. Religionsfreiheit, die Beziehung zwischen Staat und
Religion, die Erziehung der Jugend, der Platz der Frauen in der
Gesellschaft, Menschenrechte, Gerechtigkeit und Frieden, usw.
Muslime und Christen setzten sich mit demselben Thema aus dem
Blickwinkel ihrer jeweiligen Religion auseinander, um zu einer
teilweise gemeinsamen Einsicht zu gelangen, die als Basis ge-
meinsamer Handlungen dienen kann. Ein gutes Beispiel für diese
Art des Dialogs ist die Initiative des ehemaligen jordanischen
Kronprinzen Hassan Ibn Tal%(al, die er seit 1984 erst gemeinsam
mit der anglikanischen, dann mit der orthodoxen und auch mit der
katholischen Kirche zuwege gebracht hat. Im Endeffekt ist diese
Form des Dialogs, wenn es gelingt, sie auf verschiedene gesell-
schaftliche Ebenen auszudehnen, die grundlegendste, da es wich-
tiger ist, miteinander zu leben als miteinander zu reden. Eine dritte
Form des Dialogs kann als geistlicher Dialog bezeichnet werden.
In diesem Dialog versuchen Moslems und Christen, die tief in
ihrer jeweiligen religiösen Tradition verwurzelt sind, ihre spirituelle
Erfahrung und ihren spirituellen Reichtum im Hinblick auf Gebet
und Meditation, ihre konkrete Haltung Gott gegenüber etc. zu tei-
len. Diese Art des Dialogs ist zwischen Christen und Moslems
nicht besonders entwickelt, aber sie existiert und kann gelegent-
lich für alle Beteiligten sehr bereichernd sein. Es gab sie zum Bei-
spiel zwischen den Zisterziensermönchen von Tibharine in Alge-
rien - die 1996 ermordet wurden - und den Mitgliedern einer
muslimischen Bruderschaft in derselben Gegend. Solch ein Dialog
kann auch zwischen ganz einfachen Gläubigen stattfinden, die kei-
ne theologischen Ambitionen haben, sich aber um ein Leben get-
reu den Geboten ihrer Religion bemühen: bei ihren Zusammenkünf-
ten können sie Erfahrungen oder Hoffnungen teilen, die die Gren-
zen institutionalisierter Religiosität weit hinter sich lassen.

 Hauptthemen des muslimisch-christlichen Dialogs

Wenn wir auf die umfangreichen Entwicklungen muslimisch--
christlicher Beziehungen in den letzten Jahrzehnten zurückblicken,
empfiehlt es sich, einige Hauptthemen der verschiedenen Dialog-
treffen aufzuzeigen. Im folgenden stütze ich mich auf eine Studie
mit dem Titel D/eclarations communes islamo-chretiennes (Ge-
meinsame islamisch-christliche Erklärungen), die 1997 vom "In-
stitut d'Etudes Islamo-Chretiennes" (Institut für islamisch-christli-
che Studien) herausgegeben wurde, das zur Universite Saint-Jo-
seph in Beirut gehört. In dieser Studie sind 46 gemeinsame mus-
limisch-christliche Dokumente gesammelt und analysiert, die zwi-
schen 1954 und 1995 jeweils am Ende verschiedener muslimisch--
christlicher Begegnungen veröffentlicht wurden.
    Die Themen sind in vier Rubriken gruppiert: 1. Glaube und
geistliche Werte, 2. Ethik, 3. Soziokulturelle Fragen, 4. Politische
Aspekte. In jeder Rubrik werden betrachtet: die Gemeinsamkeiten
auf diesem speziellen Gebiet, die Bedeutung des Dialogs, die not-
wendigen Bedingungen, und die wichtigsten Erträge oder Perspek-
tiven. Die erste Rubrik "Glaube und geistliche Werte" erscheint für
uns heute abend von unmittelbarstem Interesse. Daher möchte ich
kurz die wichtigsten Unterpunkte nennen, bevor ich einige Ab-
schnitte zitiere.
   1. Gemeinsame Elemente
   2. Bedeutung des Dialogs
      a. Er erfüllt Gottes Willen
      b. Er trägt zu Zusammenarbeit und gemeinsamen Ansichten bei
      c. Er sollte bestärkt werden
   3. Bedingungen des Dialogs
      a. Gegenseitiger Respekt und Offenheit anderen gegenüber
      b. Die Fehler der Vergangenheit erkennen und überwinden
      c. Einander zu einem besseren gegenseitigen Verständnis ver-
          helfen
   4. Grenzen des Dialogs und Respektierung der Unterschiede
   5. Erträge des Dialogs
       a. Größeres gegenseitiges Verständnis
       b. Gemeinsames Bemühen um eine erneuerte Dogmatik
       c. Gemeinsame Anstrengung für eine geistliche Vertiefung
       d. Gemeinsames Gebet

    Ich möchte nun zwei oder drei Passagen aus diesen Texten zi-
tieren, die in direkterer Verbindung zum Thema der Versöhnung
stehen. Mein erstes Zitat stammt von einem Treffen, das im No-
vember 1978 trotz der zu dieser Zeit im Libanon herrschenden
Spannungen in Beirut abgehalten wurde. Das Treffen wurde unter
dem Namen "Glaube, Wissenschaft, Technik und die Zukunft der
Menschheit" vom Weltkirchenrat organisiert:

    "5. Christen und Moslems müssen Gottes Vergebung und Versöhnung mit ihren Nach-
barn suchen. Wir müssen unsere Abhängigkeit von Gott, aber auch unsere gegenseitige
Abhängigkeit voneinander als Menschen erkennen. Dankbarkeit sowohl Gott als auch
einander gegenüber ist eine angemessene Antwort auf Gottes Zeichen, Versprechen
und den Bund, den er der ganzen Menschheit angetragen hat. Dennoch sind wir in
sogenannt christlichen oder muslimischen Ländern viel zu oft der Undankbarkeit in
Form von Unglauben, egoistischer Ausbeutung und Heuchelei erlegen. Die Glaub-
würdigkeit der christlichen und islamischen Traditionen wurde unterminiert, da ihre
Anhänger nicht ihrem Glauben gemäß gelebt, sondern einander oder ihre Nachbarn
bekämpft und ausgebeutet haben. Die Krise des Glaubens, die heute in weiten Teilen
der Welt herrscht, kann nicht nur externen Kräften angelastet werden; religiöse Insti-
tutionen und Individuen tragen einen großen Teil der Schuld und müssen sich sozio--
religiösen Studien, Selbstkritik und Korrektur unterziehen. Unser eigener Mangel an
Glauben und unsere Unfähigkeit, unserem Glauben gemäß zu leben, haben andere oft
abgestoßen."  

Das zweite Zitat stammt von einem Treffen zum Thema Flüchtlin-
ge, Migranten und im eigenen Land Verschleppte in der heutigen
Welt, das im April 1991 in Malta stattfand. Es wurde von musli-
mischen und christlichen Organisationen einberufen, die sich auf
diesem Gebiet engagieren. Die muslimischen und christlichen
Vertreter erklären gemeinsam:

     "Zwischen unseren beiden Gemeinschaften hat es oft Geschichten des Konflikts,
tiefer Verletzungen und tiefen Misstrauens gegeben. Diese Konflikte müssen gelöst, das
Misstrauen überwunden und die Wunden geheilt werden. Wir müssen beginnen, Ver-
trauen zueinander aufzubauen."

Drittens formulierte ein Treffen in Wien, das 1993 zum Thema
"Frieden für die Menschheit" stattfand, folgenden gemeinsamen
Aufruf:

    "Im Interesse der Vertiefung und Konsolidierung des Friedens zwischen allen Men-
schen rufen wir Christen und Moslems dazu auf, die negativen Seiten in der Ge-
schichte ihrer Beziehung endgültig zu überwinden, Wege zum besseren gegenseitigen
Verständnis zu finden, Vorurteile zu beseitigen und dem Anderen in seiner religiösen
Überzeugung Respekt und Achtung zu zollen."

Dialog im Nahen Osten

Vielleicht hätten wir den Bemühungen um die Beförderung harmo-
nischer Beziehungen zwischen Christen und Juden im Nahen Os-
ten mehr spezielle Aufmerksamkeit widmen sollen. Leider ist das
innerhalb der begrenzten mir zur Verfügung stehenden Zeit nicht
möglich. Dennoch möchte ich betonen, dass viele Anstrengungen
seitens der verschiedenen Kirchen gemeinsam im Rahmen des
Nahöstlichen Kirchenrats unternommen werden, ebenso seitens
vieler einzelner Kirchen. In ihrem zweiten Hirtenbrief zum Bei-
spiel, den die sieben katholischen Patriarchen des Nahen Ostens
1992 unter dem Titel "Die christliche Präsenz im Nahen Osten"
veröffentlichten, widmeten sie dem Thema mehrere Seiten. Ihr drit-
ter Hirtenbrief, 1994 unter dem Titel "Gemeinsam in der Gegen-
wart Gottes für das Wohl des Einzelnen und der Gesellschaft: Das
Zusammenleben von Moslems und Christen in der arabischen
Welt" publiziert, beschäftigt sich ausschließlich mit den musli-
misch-christlichen Beziehungen. Diese Initiativen in einer Art und
Weise zu analysieren und vorzustellen, die ihnen gerecht wird,
würde wenigstens einen weiteren Abend erfordern.

 Einige abschließende Überlegungen

Es ist Zeit, zum Schluss zu kommen. Am Ende dieses Überblicks
ist es unmöglich, sich nicht zu fragen: Was ist der Einfluss dieser
vielfältigen Anstrengungen und Begegnungen auf das Leben der
muslimischen und christlichen Gemeinden? Wir müssen zugeben,
dass dieser Einfluss im Augenblick ziemlich begrenzt ist. Das gilt
nicht nur für die Beziehungen zwischen Moslems und Christen.
Trotzdem ist das kein Grund, in der Anstrengung nachzulassen.
Die Tatsache, dass diese Begegnungen existieren und sich entwi-
ckeln, beweist, dass sich bestimmte Dinge ändern, wenn auch nur
langsam. Auf der anderen Seite tragen die Begegnungen selbst auf
ihre Weise zu diesen Veränderungen bei. In der gegenwärtigen Si-
tuation einer generellen und gelegentlich radikalen Renaissance
des Islam sind solche Treffen vermutlich sogar noch schwieriger,
aber gleichzeitig notwendiger denn je. Gemäßigte Moslems, die
heute Schwierigkeiten haben, Gehör zu finden, brauchen die Un-
terstützung all jener, die ein besseres Verständnis zwischen Völkern
und Religionen fördern wollen.
    In diesem Sinne möchte ich mit einem Zitat aus der Rede
schließen, die Papst Johannes Paul II anläßlich eines interreligiösen
Treffens im Jerusalemer Notre Dame-Zentrum während seines Be-
suches in Jerusalem im März 2000 hielt:

   "Im Bewusstsein der Reichtümer unserer jeweiligen religiösen Tradition müssen wir die
Überzeugung verbreiten, dass sich die Probleme unserer Zeit nicht lösen lassen, wenn
wir in Unkenntnis des anderen und isoliert voneinander bleiben. Wir alle sind uns der
Missverständnisse und Konflikte der Vergangenheit bewusst, und diese belasten noch
immer erheblich die Beziehungen zwischen Juden, Christen und Moslems. Wir
müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um das Bewusstsein vergangener Ver-
letzungen und Sünden in den festen Vorsatz zum Aufbau einer neuen Zukunft zu
verwandeln, in der es nichts anderes als respektvolle und fruchtbare Zusammenarbeit
zwischen uns geben wird."

                                          Aus dem Englischen übersetzt von Astrid Popien

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 Politik und Religion

Der ehemalige israelische Geheimdienstchef, Ami Ajalon, und der
palästinensische Präsident der Al Quds Universität, Professor Sari
Nusseibe, haben gemeinsam ein beachtliches Papier zur Lösung
des israelisch-palästinensischen Konfliktes formuliert, das auch das
heiße Eisen der Heiligen Stätten nicht ausklammert.


 Das Nusseibe- Ajalon- Dokument

Aus Ha'aretz, 3.9.2002

 Vorwort

Das palästinensische und das jüdische Volk erkennen gegenseitig die
historischen Rechte ihres Gegenübers bezüglich desselben Landes
an. Seit Generationen forderte das jüdische Volk die Errichtung des
jüdischen Staat auf allen Teilen des Landes Israel, während das paläs-
tinensische Volk gleichermaßen forderte, einen Staat auf allen
Teilen Palästinas zu gründen. Beide Seiten kommen hiermit zu ei-
nem historischen Kompromiss überein, der auf dem Grundsatz von
zwei souveränen und lebensfähigen Staaten basiert, die Seite an Sei-
te miteinander existieren werden. Die folgende Absichtserklärung
ist Ausdruck des Willens der Mehrheit des Volkes. Beide Seiten
glauben, dass diese Initiative es ihnen ermöglichen wird, ihre po-
litischen Führer zu beeinflussen und so ein neues Kapitel in der
Geschichte der Region aufzuschlagen. Dieses neue Kapitel wird
auch durch einen Aufruf an die internationale Gemeinschaft zur
Realisierung kommen, für die Sicherheit der Region zu bürgen und
bei der Wiederherstellung und Entwicklung der Wirtschaft in der
Region zu helfen.

Die Absichtserklärung
   1. Zwei Staaten für zwei Völker: Beide Seiten werden erklären,
dass Palästina das einzige Land des palästinensischen Volkes und
Israel das einzige Land des jüdischen Volkes ist.
    2. Grenzen: Beide Seiten werden darin in der Errichtung fester
Grenzen zwischen sich übereinkommen, die auf den Linien des 4.
Juni 1967, den Entscheidungen der Uno und der arabischen Frie-
densinitiative (genannt sei die saudische Iniitiative) basieren sol-
len.
   - Korrekturen des Grenzverlaufs werden auf gleichberechtig-
tem Gebietsaustausch (Verhältnis 1:1), entsprechend der lebens-
wichtigen Bedürfnisse der beiden Seiten beruhen, dazu zählen Si-
cherheit, territorialer Zusammenhang und demographische Er-
wägungen.
    - Die beiden geographischen Gebiete, aus denen der palästinen-
sische Staat bestehen wird, das Westjordanland und der Gazas-
treifen - werden miteinander verbunden sein.
   - Nach Errichtung der vereinbarten Grenzen werden keine
Siedler im palästinensischen Staat zurückbleiben.
    3. Jerusalem wird eine offene Stadt sein, die Hauptstadt beider
Staaten. Religionsfreiheit und voller Zugang zu den heiligen
Städten werden für alle gesichert werden.
    - arabische Wohnviertel von Jerusalem werden unter palästinen-
sischer Souveränität sein, jüdische Wohnviertel werden unter israeli-
scher Souveränität sein.
    - Keiner der beiden Seiten wird die Herrschaft über die heiligen
Stätten zukommen. Der palästinensische Staat wird zum Wächter
(guardian) das Tempelbergs zugunsten der Moslems erklärt wer-
den. Israel wird zum Wächter der Westmauer zugunsten des jüdi-
schen Volkes erklärt werden. Der Status quo in der Frage der hei-
ligen Stätten des Christentums wird gewahrt bleiben. Es werden
keinerlei Grabungen innerhalb oder unter den heiligen Stätten statt-
finden.
    4. Rückkehrrecht: Aus der Anerkennung des Leides und der Not
der palästinensischen Flüchtlinge heraus, werden die internationale
Gemeinschaft, Israel und der palästinensische Staat eine internati-
onale Stiftung zur Entschädigung der Flüchtlinge ins Leben rufen
und Gelder zur Verfügung stellen.
    - palästinensische Flüchtlinge werden ausschließlich in den Staat
Palästina zurückkehren; Juden werden ausschließlich in den Staat
Israel zurückkehren.
    - Die internationale Gemeinschaft wird anbieten, Entschädigun-
gen zur Verbesserung der Lage von Flüchtlingen zu gewähren, die in
den Flüchtlingslagern in ihren derzeitigen Aufenthaltsländern blei-
ben oder in ein Drittland übersiedeln wollen.
    5. Der palästinensische Staat wird entmilitarisiert sein und die
internationale Gemeinschaft wird für seine Sicherheit und Unabhän-
gigkeit bürgen.
    6. Das Ende des Konflikts: Mit der vollständigen Realisierung
dieser Grundsätze wird allen Forderungen der beiden Seiten ein
Ende gesetzt werden und der israelisch-palästinensische Konflikt
wird zu seinem Ende kommen.

                    Aus dem Hebräischen übersetzt von Carolin Kalbhenn

 
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