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Aus dem Inhalt von Heft 3/4 des 7. Jahrgangs (2001) 
  • Zu diesem Heft
  • Editorial 
  • Aus der Arbeit der Israel Interfaith Association 

  • Siehe Aktivitäten 2001

    Jerusalem im Focus - Die Heiligen Stätten

    "Anbetung von Götzen - Zerbrechen von Götzen"
        Ein Abrahamitisch-Buddhistisches Wochenend-Seminar

    Interreligiöses Beit-Midrasch in Tel Aviv
    1. Zwischen Jüdischer und Sufi Spiritualität 
    2."Lehrer der Keuschheit" 
    3. Zwischen Jüdischer und Sufiistischer Mystik 

    "Gibt es keinen anderen Weg? " - Gewaltlosigkeit in einer gewalttätigen Welt

    "Die Heiligkeit des Menschen" - Interreligiöses Beit-Midrasch in Jerusalem 

    Statement des IIA-Vorstandes vom 4. April 2001 unter der besonderen Bezugnahme auf
    die gegenwärtige politische Situation. 
     

    Thema: Die Haifa-Konferenz 

    "Jetzt ist es Zeit für Juden, Christen und Moslems miteinander zu reden!"

     Grußworte: Sheikh Uda Mohammed Sharif
    Bischof Paul Marcuzzo
    Oberrabbiner Yitzchak Bardea
    Sheik Mohammed Dehamshe:
    Oberrabbiner Yitzchak Bardea

    Thema 2

     Stimmen zum Thema: Der Trialog in der Krise

    "Es ist wichtig den Leuten zu erklären, dass es eigentlich keinen
    religiösen Konflikt zwischen Juden und Moslems gibt!"
    Interview mit Rami Eden am 13. Mai 2001

    "Die Unterschiedlichkeit der Menschen ist in den Augen der
    Moslems eine Verpflichtung!"
    Interview mit Mohammed Hourani am 23. Mai 2001

    "Der interreligiöse Dialog darf nicht abgehoben von der politi-
    schen Wirklichkeit geführt werden!"
    Interview mit Barbara Meyer am 13. Mai 2001

    "Die Koexistenz ist als ein religiöser Wert zu betrachten!"
    Auszüge aus einem Gespräch mit Rav Dov Maimon am 14. Mai 2001

    "Die wirkliche Motivation ist die Neugierde, den anderen ken-
    nenzulernen und zu sehen, wie lebt er eigentlich?
    Ein Gespräch mit Simon Lichman und Rivanna Miller am 21. Mai 2001

    "Natürlich wollen sie Frieden tun, aber sie wollen es nicht zwi-
    schen zwei Nationen tun und als Christen in der Mitte stehen!"
    Interview mit Diana Kattan am 21. Mai 2001

    "Wir müssten einen Weg finden, mehr dazu zu sagen!"
    Interview mit Chawa Morris am 21. Mai 2001
     
     

 
Zu diesem Heft

Diese Doppelheft lag ganz in der Regie von Judith Haar. Deswegen sei ihr auch das Wort gegeben.
 Judith Haar ist Stipendiatin des Nordelbischen Kirche und hat sich neun Monate
lang mit dem Thema: "Trialog der Religionen und Kulturen in Israel" beschäftigt. In
diesem Rahmen hat sie bei der IIA mitgearbeitet.
 Bei den Korrekturen haben Carolin Kalbhenn, Urs Espeel und
David Schnell migeholfen. Allen sei Dank dafür.

 Jerusalem, im August 2001               Joseph Emmanuel und Michael Krupp
 

Editorial 

  "Better talk than shoot" - dieser Satz wird zur Herausforderung in Israel. Bereits
neun Monate ist dieses Land von der politischen Krise geprägt. Es begann mit dem
Besuch Sharons auf dem Tempelberg im September 2000, der die Al-Aqsa-Intifada
auslöste. Da sich Religion bekanntlich nicht im luftleeren Raum bewegt, hatten diese
politischen Ereignisse viele Konsequenzen für das interreligiöse Gespräch. Organi-
sationen, die sich dem Dialog zwischen verschiedenen Menschen widmen, sind her-
ausgefordert zu reagieren: Wie ist mit den veränderten Gegebenheiten umzugehen?
Wie ist das Gespräch aufrecht zu erhalten? Ist es überhaupt sinnvoll in diesen Zeiten?
Was muss verändert werden? Was sind die Bedürfnisse der Beteiligten? Wie ist der
Kampf gegen die Wirklichkeit zu bestehen? Dieses Heft will Einblicke in die Zusam-
menhänge von Trialog der Religionen und politischer Krise geben und die verschie-
denen Fragen der Krise des Trialoges aufzeigen. Die Berichte über die Aktivitäten der
Israel Interfaith Association (IIA) zeigen, dass das Gespräch nicht völlig verstummt
ist. Die Dokumentation der Haifa-Konferenz ist ebenfalls Zeuge des Dialogs und der
Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Im Anschluss finden sich verschiedene Stim-
men der israelischen und palästinensischen Gesellschaft zum Thema: "Der Trialog in
der Krise", die ein facettenreiches Bild der entstandenden Problematik und Anstöße
für eine Neuorientierung bieten. Ich danke den Gesprächspartnern Barbara Meyer,
Mohammed Hourani, Rami Eden, Chawa Morris, Diana Kattan, Dov Maimon, Mu-
chamad Mosaad, Simon Lichman und Rivanna Miller, die sich in diesem Rahmen
zu dem Thema geäußert haben.

 Im Juli 2001                                                                           Judith Haar
 

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     "Die Unterschiedlichkeit der Menschen ist in den Augen der
Moslems eine Verpflichtung!"

Interview mit Mohammed Hourani am 23. Mai 2001    

 Mohammed Hourani ist Vorstandsmitglied der IIA und vertritt dort die moslemische
Seite. Er arbeitet im pädagogischen Bereich, im Hartman-Institut in Jerusalem. Er ist
u.a. für die Ausbildung islamischer Religionslehrer zuständig. 

  Wie schätzt Du den gegenwärtigen Konflikt ein. Als politisches oder als religiöses
Problem?

Dieser Konflikt ist ein politisch-nationaler, kein religiöser Konflikt.

  Aber er nennt sich Al-Aqsa-Intifada.

 Richtig, weil er mit der Al-Aqsa-Intifada begann, damit, dass Scharon am 28. Sep-
tember auf den Tempelberg ging. Daher ist der Name legitim: Al-Aqsa-Intifada,
dennoch ist es keine religiöse Intifada.

  Welche Funktion hat der interreligiöse Dialog in diesem Zusammenhang? 
 
 Meiner Meinung nach sind Begegnung und Dialog, Gespräch der Vielen,
auf jeden Fall von Bedeutung. Was die Politiker tun - oder vielmehr versuchen - ist
der sofortige Frieden. Gerade dafür ist der Dialog zwischen uns wichtig, da er eine
Perspektive für alle Leute eröffnen kann. Es ist wichtig, dem Volke nahe zu sein und
"an den Fundamenten" zu arbeiten, damit die Menschen spüren, dass es Frieden gibt.
Frieden bedeutet nicht, dass der Ministerpräsident dies oder jenes verkündet, sondern,
dass jeder Mensch für sich merkt, dass es wahrlich friedliche Zeiten anbrechen. Das
ist nur durch Gespräche und gemeinsame Treffen der Leute zu ereichen! Durch Wor-
te, sowie gemeinsames Handeln! Tun wir dies nicht, zeugt es von einem "schlechten"
Frieden. Der wirkliche Frieden wird nur "unten", weit weg vom oben verordneten
Frieden spürbar. Daher ist es gut miteinander zu reden.

 Was ist der Status der Moslems im interreligiösen Dialog, welches sind ihre Schwie-
rigkeiten?

 Auch wenn einige Moslems im interreligiösen Dialog engagiert sind, so haben sie
doch - und das betone ich - ein ernsthaftes Problem. Aus kulturell-historischer Sicht
ist der Dialog - insbesondere der Dialog mit dem Anderen - kein grundsätzliches
Anliegen des religiösen Islams. Dennoch gab es im Mittelalter viele
interreligiöse Treffen, Dialoge, Gespräche, Auseinandersetzungen. Aber seit den
Kreuzrittern findet man dann ein Trauma bei den Moslems, dem Anderen zu begeg-
nen. Der Andere kehrt sich zur Bedrohung um. Unter dieser Not leiden wir bis heute,
so dass es viele Christen, viele Juden und nur wenige Moslems im Dialog gibt. Die
vielerlei Gründe dafür sind nicht offensichtlich und es fällt den Leuten manchmal
auch schwer zu erklären, warum sie nicht an der Diskussion beteiligt sind. Dasselbe
Trauma, das mit den Kreuzrittern begann, verhindert heute, dass sich die Leute ge-
nügend öffnen gegenüber dem Anderen, ihn als gleichberechtigt sehen - als Partner -
und überzeugt sind, dass das Gespräch auch den eigenen Glauben voranbringt. Ge-
rade daran müssen wir hart arbeiten.
Da spielen Faktoren wie Erziehung, Gesellschaft, Status, Wirtschaft und
Macht eine Rolle. Betrachtet man unseren Dialog kritisch, stellt man fest, dass er ein
jüdischer Dialog ist. Sie geben das Geld, organisieren alles und bestimmen die Si-
tuation. Dies stört den Dialog und es stört die Moslems sehr. Sie möchten als Andere
gleichberechtigte Partner sein. Sobald sie dieses Gefühl vermittelt bekommen, wer-
den sich mehr Moslems am Dialog beteiligen. Solange aber die Dialoge nach dem
Maß des Anderen gehalten werden besteht für die Moslems keine Notwendigkeit, am
Dialog teilzunehmen. Dies gilt besonders wenn es politische Probleme gibt auf der
Seite, die den Dialog nicht eröffnet hat.

  Wie kommt man aus diesem Teufelskreis?

 Ich möchte da optimistisch sein und denke, dass sich der interreligiöse Dialog wei-
terentwickeln wird, auch wenn das ein langsamer Prozess ist. Ich bin sicher, dass
eines Tages auch mehr Moslems daran beteiligt sein werden; man kann die Atmo-
sphäre von mehr Symmetrie, von mehr Gleichberechtigung zwischen den Beteiligten
fördern. Gegenwärtig besteht sie nicht, und dennoch ist der Dialog nicht zuende. Bei
uns geschieht er in Israel, in der arabischen Welt zwischen Moslems und Christen
oder mit Juden außerhalb der arabischen Welt, er geschieht in Europa. Das genügt
nicht, aber die Tatsache, dass er trotz aller Probleme weiterexistiert, ist hoffnungsvoll.
Ich gehe davon aus, dass die politischen Probleme gelöst werden, dass es im Nahen
Osten, im israelisch-palästinensischen Konflikt nicht noch mehr politische Probleme
geben wird, sondern dass das Potential der Leute größer wird, die bereit sind zum
Dialog zu kommen, sich zu treffen und zu reden - mehr als heute. Religiöse und
Nichtreligiöse.

  Soll der interreligiöse Dialog in dieser Situation fortgeführt werden?

 Der Rahmen des interreligiösen Dialogs muss bewahrt werden. Das ist vor allem
deshalb sehr wichtig. weil in Zukunft der politische Konflikt eine Lösung finden
wird, und bis dahin, muss man darüber nachdenken und einen Rahmen bauen, wie
wir miteinander reden können, damit dann - mit der politischen Lösung - größere
Schritte gemacht werden können. Aber inzwischen bleibt der Dialog im kleinen be-
stehen, wir können ihn nicht sehen, aber er ist nicht tot.

  Sollte der Gesprächsgegenstand bei interreligiösen Treffen die Religion sein, oder
geht es vielmehr darum, sich überhaupt zu begegnen?

  Wenn wir es "interreligiöser Dialog" nennen, klingt das so, als ob sich Anhänger von
Religionen treffen, um über Religion zu reden. Das ist aber zu einseitig. Der religiöse
Mensch ist auch Bürger, weshalb ihn nicht nur religiöse Angelegenheiten beschäfti-
gen, sondern auch Wirtschaft, Erziehung, Gesundheit, Lebensqualität. Es gibt viele
Themen, die die Frage berühren, warum ich ein Mensch bin. Das bedeutet auch, dass
alles, was mit dem Menschen zu tun hat, ein Teil des interreligiösen Dialoges sein
kann. Man kann über alles sprechen, sogar über das Wetter, über Politik, über Fe-
minismus, über Gleichberechtigung, über Gerechtigkeit, es gibt so viele Dinge im
Leben - sie sind das Leben selbst.

  "Interreligiöser Dialog" ist ein schillernder Begriff, wie verstehst Du ihn, wer gehört
dazu?

 Eigentlich handelt es sich gar nicht um "Du-Siach" (Dialog), ein Gespräch zwischen
zweien, zwischen zwei Religionen, sondern um "Rav-Siach" (Gespräch mehrer).
Innerhalb der monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam besteht
eine große Vielfalt. Es gibt auch religiöse Gruppen, die nicht darunter fallen. So gibt
es im Rahmen des Dialoges der Religionen bei uns im Lande auch die Drusen oder
die Bahai, die auf der Grundlage des Menschseins beteiligt sind. Auch die Anhänger
der Religionen Südasiens können Partner im interreligiösen Gespräch sein. Wir be-
schränken es nicht von Vornherein auf die monotheistischen Religionen. Aus der
Sicht des Islams ist das problematisch, da der Islam diese anderen Religionen nicht
kennt. Aber ich denke, es gibt einfach Religionen, die im Islam unbekannt sind. Auf
der Grundlage des Menschseins können alle Menschen Partner des Dialogs sein:
Chinesen, Japaner, Drusen, Tscherkessen, Bahai...

  Du hast bereits Vorträge gehalten und etwas veröffentlicht über das Thema "Der
Andere im Islam". Wie kann der Mensch den Anderen verstehen?
 
 Ich möchte hier etwas aus religiöser Perspektive sagen. Der Islam kennt "den An-
deren". Als Mohamed auftrat, machte er bewusst, dass es Christen gibt und auch
Juden. Er kannte sie, stand in guter Beziehung mit ihnen und arbeitete mit ihnen
zusammen. Er sah sie als Partner des Dialoges. So sagen es die Texte! Dies ist auch
meine grundlegende Ansicht und auch die des Islam. Im Verlauf der Geschichte gab
es ein Auf und Ab in der Beziehung zum Anderen in religiös-muslimischer Hinsicht.
Manchmal war der Andere gleichberechtigt, manchmal mehr als gleichberechtigt,
manchmal weniger. Manchmal lebte man mit ihm in Frieden, manchmal lebte man
mit ihm in Krieg. Es gab immer dieses Auf und Ab. Aber man muss doch auch dies
benennen: Die Moslems suchten immer einen Weg, den anderen kennen zu lernen,
über ihn mehr zu wissen. Dieses Lernen und Wissen ermöglichte es ihnen in einer
anderen Form über den Anderen zu denken. Er ist nicht einfach irgendwer, den man
nicht kennt, ohne Namen, ein Mensch ohne Gesicht. Er ist ein anderer Mensch, aber
er ist Mensch. Daher ist es sehr wichtig, die Einsicht zu eröffnen, dass man den
Anderen als gleichberechtigt betrachten kann, ihn kennen kann, ihm Raum geben
kann im Leben, in dem Zimmer, das man unseren Globus nennt. Was ist das Ge-
meinsame, was das Unterschiedliche? Wie ist es möglich, Beziehungen zu bauen mit
seinen Söhnen und Verwandten seiner Söhne. Ich denke, dies ist der richtige Weg des
Islams gegenüber Juden und Christen und anderen. Wir brauchen den Anderen auch,
um uns selbst kennen zu lernen. Und die Anderen müssen sich anstrengen, uns
kennen zu lernen als gleichberechtigte Menschen und nicht nur als unterschiedene,
als Feinde und Bedrohende.

  Wie siehst Du das Verhältnis zwischen Information über den Anderen und die Be-
gegnung mit ihm an sich? Was ist der erste Schritt?
 
 Man kann doch nicht zu einem Treffen kommen ohne irgendeine Basis von Infor-
mation, von Wissen. Man muss wissen, wen man trifft, seinen Hintergrund, seine
Vorstellung von Gott, sein Leben, seine Bräuche kennen. Natürlich nicht hundert-
prozentig, aber man sollte eine Ahnung davon haben, bevor man jemanden trifft, mit
ihm zusammensitzt und redet. Oft merke ich, dass der Andere mit dem ich rede,
einfache, kleine Sachen gar nicht weiß, so dass ich es erklären muss. Das ist nicht
schlimm, aber ich fühle mich als Lehrer, der dem Schüler etwas beibringt. Wenn ich
zu einem Juden komme, will ich selbst ja auch ein bisschen Wissen über das Judentum
haben, bevor ich ihn treffe, etwas wissen über seine Kultur, Religion, religiöse Bräu-
che, über die jüdische Tradition. Und ich erwarte von ihm, dass er dieses Wissen auch
mir gegenüber mitbringt. Aus diesem sich gegenseitigen Kennen heraus, ist es mög-
lich miteinander zu reden. Aber wenn man sich begegnet und die Vorkenntnisse auf
beiden Seiten verschieden sind, dann kehrt sich der Dialog um, weil einer den an-
deren über sich belehren muss. Ich möchte nicht immer erklären müssen und der
Lehrer sein, sondern erwarte, dass der Andere in Gleichberechtigung zu mir kommt.
Es liegt also bei beiden Partnern, dieses Sichkennen voran zu bringen.

  Also soll die persönliche Beziehung zwischen Menschen der Mittelpunkt des Dialoges
sein. 

 Natürlich. Wenn der Dialog nicht in erster Linie aus der persönlichen Beziehung
herauswächst, braucht man ihn gar nicht fortzusetzen. Wir sitzen doch nicht zusam-
men, damit Moslems, Juden, Christen zusammen sind. Natürlich bin ich Moslem,
aber ich repräsentiere nicht den ganzen Islam oder alle Moslems, ich kenne auch gar
nicht den ganzen Islam und alle Moslems. Ich versuche, meine Perspektive zu auf-
zuzeigen, was ich innerhalb meiner Kultur über den Anderen denke. Dies sage ich im
Respekt gegenüber der Ehre des Anderen, der Menschlichkeit, der Wärme. Ich will,
dass er fühlt, dass ich mit ihm verbunden bin, dass ich zu ihm komme als Mensch.

  Noch zwei Dinge, denkst Du, dass interreligiöser Dialog an sich eine politische
Aussage ist, ein politischer Akt?
 
 Das ist schon richtig. Die Menschen sind involviert in die Politik. Jeder kommt mit
seiner politischen Meinung. Wenn ich politisch antijüdisch oder antiisraelisch einge-
stellt wäre, könnte und wollte ich mich nicht am Dialog beteiligen. Somit definiere
ich mich selbst als "Mann des Friedens", der dem Reden vertraut, an Worte, an
Begegnung glaubt, die die Basis für Friedensarbeit sind. Ich denke, ich bin auf die-
sem Weg und versuche, dem Frieden näher zu kommen, indem ich mit dem Anderen
rede. Dies ist eine ausdrückliche politische Aussage. Wenn ich antiisraelisch einge-
stellt wäre, bestünde keine Notwendigkeit mit Euch zu reden. Wir würden als Feinde
kämpfen. Aber ich sitze im HartmanInstitut mit Juden zusammen, die liberal sind,
fast alle. Ich bin ein Teil dieses Pluralismus des Hartman-Instituts, wie ich auch zur
IIA komme und mich dort engagiere. Ich sage den Juden und Christen, dass ich als
Moslem Beteiligter des Weges bin. Nur jemand, der an die Gemeinschaft glaubt, kann
so etwas sagen. Er muss es gar nicht sagen, es genügt, dass er da ist, dass er Betei-
ligter am Dialog ist. Es zeigt, dass ich Weggenosse bin, denn sonst wäre ich gar nicht
gekommen. Es würde mich nicht interessieren - aber ich bin da! Ihr seid da und ich
bin da. Wenn wir uns dazu entscheiden miteinander zu reden, haben wir dieses innere
Potenzial, den Glauben, dass man durch Reden Dinge ändern kann. Nicht mit Krieg
und Geschrei. Nicht mit Hass. Dies ist die Botschaft, die ich im Dialog sehe. Ich
möchte noch sagen, dass es sehr legitim ist, dass nicht alle Menschen, mit denen ich
zusammensitze, denken wie ich. Es gibt Menschen, die andere politische Meinungen
haben. Aber allgemein nehmen alle an, dass Dialog die Basis des Lebens ist. Ich kann
ihn nicht verweigern, nur weil jemand anders ist, eine andere politische Einstellung
hat. Dialog meint, dass man den Anderen annimmt in seiner Andersheit, in seiner
Unterschiedenheit. Auch wenn wir in politischer Hinsicht nicht übereinstimmen, so
sind wir doch bereit, aufeinander zuzugehen und zusammen zu sitzen und über
manchmal schwierige Themen zu reden anstatt gegeneinander Krieg zu führen und
sich zu hassen. Das ist meine Ansicht.

  Aber das Problem mit den Radikalen bleibt bestehen.

 Die Radikalen sind an unserem Weg nicht beteiligt. Wir haben keine Radikalen bei
IIA. Es gibt unterschiedliche Leute, unterschiedliche Meinungen, aber keine Radi-
kalen im Sinne der Fanatiker. Wer eine solche Überzeugung hat, ist nicht unser
Weggenosse, er tastet weder einen interreligiösen noch einen politischen Dialog an.
Er sieht den Anderen als Feind und bekriegt ihn, redet nicht mit ihm.

  Was ist Deine persönliche Motivation zum Dialog und Deine Vision?
 
 Ich glaube daran, dass es möglich ist, eine für uns alle bessere Zukunft zu bauen.
Irgendjemand muss handeln. Ich bin kein Politiker. Ich bin Pädagoge und ein gläu-
biger Mensch. Ich mache kleine Schritte, um diese Zukunft zu verbessern für mich,
für Dich, für meine Kinder, für die Kinder des Anderen, für uns alle. Damit wir am
Ende zusammen versuchen, den Willen Gottes zu übersetzen, wie man im Judentum
sagt: Wir alle sind zum Bilde geschaffen worden, Gott gleich. Dies ist die wirkliche
Übersetzung des Gotteswillen, zu handeln und unterschiedlichen Menschen die Ge-
legenheit zu geben, zusammenzusein. Die Unterschiedlichkeit der Menschen ist in
den Augen der Moslems auch eine Verpflichtung. Wenn ich zum Beispiel den Vers im
Koran lese: Gott schuf die Menschen unterschiedlich. Warum? Damit wir zusam-
menkommen. Damit diese Unterschiedlichkeit Quelle des Reichtums wird, Quelle
von mehr Verständnis, von Gespräch. Wir müssen unterschiedlich sein, um Gottes
Willen zu übersetzen in die Sprache des Handelns. Dies ist mein Glaube, daher kann
ich in der Unterschiedenheit mehr über den Anderen lernen. So tue ich die Pflicht des
Islams, wie ich sie auf der Grundlage des Korans verstehe. Es geht nicht darum, dem
Anderen etwas Gutes zu tun, indem ich mit ihm rede, sondern ich tue mir etwas
Gutes, mir als Moslem, der glaubt, dass dies der Wille Gottes ist, und ich handele
gemäß des Gotteswillens.

 Vielen Dank!

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