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Aus dem Inhalt von Heft 1 des 9. Jahrgangs (2003) 
 
  • Editorial 
  • Aus der Arbeit der Israel Interfaith Association 

  • Gemeinsame Ramadan-Weihnachts-Feier in Nazareth - Zeichen der Hoffnung 
    Empfang des Oberrabbiners für Moslems 
    Scheikh und Rabbi rufen zum Frieden auf dem Tempelberg auf 
    Die Schöpfungsgeschichte und die Stellung der Frau 
    Staatspräsident: Interreligiöser Dialog heute wichtiger denn je 
  • Thema: Jerusalem und Nazareth 

  • Ein  israelisch-palästinensisches interreligiöses Seminar in Nazareth 
    Michael Krupp: Bethlehem und Nazareth 
    Elias Chaqour: Jerusalem in christlicher Tradition 
    Benjamin Lau: Jerusalem in jüdischer Tradition 
    Adi Adawi: Jerusalem in muslimischer Tradition 
    Prof. Mohanna Haddad: Arabische Perspektiven des Judentums 
 
Editorial 

Zu einem ersten Symposium zu einem umstrittenen Thema hatte die Israel Interfaith Association und die Konrad Adenauer Stiftung in Jerusalem eingeladen. Am Mittwoch, den 30 Oktober 2002, versammelte sich eine erstaunlich große Menge, mehrere Hundert Juden, Christen und Moslems, in dem überfüllten Konrad Adenauer Kongresszentrum. Auf dem Podium diskutierten der arabisch-israelische Pädagoge Muhammad Hourani mit der Zeit Korrespondentin Gisela Dachs und dem israelischen Fernsehmoderator David Witztum über die Frage, wie sich die arabische Welt mit dem Faktum der jüdischen Schoah auseinandersetzt. 
 Dieses Heft ist ganz der Dokumentation dieser Konferenz gewidmet. Neben den Vorträgen von Gisela Dachs und Muhammad Hourani ist hier auch ein Zeitungsartikel zum Thema wiedergegeben. Die Beilage der Zeitung Haaretz vom 7.2., hat der hier geschilderten beabsichtigten Reise von israelischen Arabern nach Auschwitz den Leitartikel gewidmet.  
 Der Hauptredner, Muhammad Hourani, traktiert das Thema seit Jahren mit arabischen und jüdischen Studenten an dem Yellin Lehrerseminar in Jerusalem, wo er unterrichtet. Man mag es mit seinem Referat halten, wie man will, man wird nicht die Aufrichtigkeit und den Mut des Redners verkennen können.  
 Einen wichtigen Teil der Veranstaltung nahm die anschließende Diskussion mit dem Publikum ein. Eine Reihe von Holocaustüberlebenden meldete sich zu Wort, auf der anderen Seite eine Reihe von Palästinensern. Das Erstaunliche an der zum Teil harten Auseinandersetzung war die für Israel fast ungewohnte zivilierte Form der Diskussion über so ein schmerzhaftes Thema. Eine junge Palästinenserin sagte, man könne von ihr nicht verlangen, die jüdische Schoah zu verstehen in einer Zeit, wo das palästinensische Volk sich in einem Kampf ums Überleben befinde.  
 Ihr wurde auch von arabischer Seite widersprochen. Es sei eine verhängnisvolle Sache, dass zwei Völker, die beide gelitten hätten und noch daran leiden, sich gegenseitig aufrechnen wollten, wer mehr gelitten habe. Gisela Dachs sagte, wenn mir mein kleiner Finger abgeschnitten ist, schmerzt mich das, und wenn mir jemand sagt, was willst Du eigentlich, mir hat man die ganze Hand amputiert, so schmerzt mich die Wunde meines kleinen Fingers dennoch. Das Publikum kam überein, die angefangene Auseinandersetzung fortzusetzen. 
 Zum Schluss sei der Übersetzerin des nicht leichten Artikels von Hourani gedankt, Carolin Kalbhenn, sowie der Konrad Adenauer Stiftung und ihren Mitarbeitern, besonders Hildegard Mohr und ihrem rastlosen Leiter, Dr. Johannes Gerster, denen das Thema Frieden und interreligiöse Verständigung ein Herzensanliegen ist. 

 Jerusalem, im Februar 2003                           Joseph Emmanuel und Michael Krupp
 

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Gisela Dachs: Die Palästinenser, Israel und der Holocaust 

 Referate, gehalten auf der Konferenz der Israel Interfaith Association und der Konrad Adenauer Stiftung im Konrad-Adenauer-Kongresszentrum, am 30.10.2003

Gisela Dachs, seit vielen Jahren in Israel, die Korrespondentin des Magazins  Die Zeit, #/+bedarf keiner Vorstellung. Das Thema "Der Holocaust in arabischer Sicht" hat sie seit langem beschäftigt. 1999 erschien ihr grundlegender Artikel zu dem Thema "Wer sich nicht erinnert, hat keine Geschichte. Die Palästinenser. Israel und der Holocaust" in dem von ihr herausgegebenen Sammelband "Deutsche, Israelis und Palästinenser, ein schwieriges Verhältinis" im Palmyra Verlag, Heidelberg. Ihr einleitendes Referat ist eine verkürzte Wiedergabe des damals erschienenen Artikels

 Nach einem langen und hoch interessanten Gespräch über seine Forschungen als Biologe nahm mich ein palästinensischer Wissenschaftler beiseite, um mich etwas Persönliches zu fragen. Was dann kam, war kein überstürzter Heiratsantrag, sondern eine respektvolle Prüfung meiner Geschichtskenntnisse. "Sagen Sie mir, das mit den sechs Millionen ermordeten Juden, das stimmt doch gar nicht. Es waren doch viel weniger gewesen, als die Israelis immer behaupten, oder?" Ich ließ mich auf einen Austausch ein, der mein Gegenüber sichtlich ins Grübeln brachte. Er blieb nicht der einzige Palästinenser, der mit mir eine ernsthafte Diskussion über den Holocaust führen wollte und zum Zuhören bereit war. Durch diese - neue - Aufgeschlossenheit gegenüber dem Leid des jüdischen Volkes unterscheiden sich heute immer mehr Palästinenser von ihren arabischen Brüdern, die meist weiterhin in alten Denkmustern verharren. 
 Jeder deutsche Journalist, der den Nahen Osten bereist hat, kennt die dort gehegten Sympathien für Deutschland, weil es "Bayern München, Mercedes und Hitler" hervorgebracht habe. Und wenn über den Völkermord an den Juden geredet wird, dann geht es selten um Fakten. Das Thema gilt vielmehr als eine schlagkräftige Waffe in der Hand Israels, um seine Stärke zu beweisen und mit westlicher Hilfe der gesamten Region seinen Willen aufzuzwingen. Politische Frustrationen und das Gefühl, zu ewig Unterlegenen zu gehören, verstellen den Blick auf die Vergangenheit. Aus diesem Grund hatte sich vor Jahren der ägyptische Außenminister während eines Israelbesuchs geweigert, dort die nationale Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem aufzusuchen. Dorthin zu gehen, wäre von der Kairoer Regierung als Kapitulation vor dem Zionismus empfunden worden. 
 Hitlers Vernichtung der Juden sei ein Mythos, lautet ein gängiges Argument, den die Israelis erfunden hätten, um den Zugriff auf arabisches Land in Palästina zu rechtfertigen. Die Leugnung des Holocaust führte dazu, dass sich einige arabische Länder weigerten, Steven Spielbergs Film Schindlers Liste zu zeigen. So hatte die Regierung in Kairo den Film verboten, weil dort "zu viele Morde" zu sehen seien. dass es aber auch in Ägypten neuerdings Zeichen der Umorientierung gibt, zeigt das im Frühjahr 1999 erschienene Buch "Der israelisch-arabische Konflikt - Die Krise der Demokratie und der Frieden". Darin plädiert der Publizist und Verleger Amin al-Mahdi unter anderem für die Gründung eines gemeinsamen arabisch-israelischen "Friedensparlaments", in dessen Gründungscharta er der Erinnerung an die Shoa als unmissverständliches Signal an arabische Holocaustleugner einen zentralen Platz einräumen möchte. 
 Amin al-Mahdi reagierte damit auch auf die Unterstützung arabischer Intellektueller des französischen Denkers Roger Garaudy, der 1998 wegen Leugnung des Holocaust in Frankreich verurteilt worden war. In dessen zwei Jahre zuvor erschienenem Buch "Die Gründungsmythen der israelischen Politik" erhob er unter anderem Zweifel an der Existenz der Gaskammern und deutete an, dass der israelische Staat den Holocaust seit seiner Existenz als moralisches Druckmittel seiner Politik einsetze. Die Angaben über den Massenmord hätten nur dazu gedient, die Gründung des Staates zu rechtfertigen. Der 85jährige Garaudy, der in seinem Leben gleich mehrere persönliche Wenden - vom Protestantismus über den Katholizismus und Marxismus zum Islam vollzogen hatte, war daraufhin zum politischen Symbol im Nahen Osten geworden. Seine Vortragsreisen in der Region von Kairo bis Dubai verwandelten sich in regelrechte Triumphzüge, "weil Garaudy die israelische Politik kritisiert und damit die arabischen Interessen, also die Rechte der Palästinenser, vertritt", wie es die jordanische Schrifstellerin Nadia Aloul formulierte. Zahlreiche Berufsorganisationen in der arabischen Welt, unter anderem auch der palästinensische Schriftstellerverband in Ostjerusalem, veröffentlichten Erklärungen, in denen sie den Prozess gegen Garaudy kritisierten und zur Unterstützung des Kampfes gegen die Zionisten aufriefen. Statt Fakten zählte das Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Manche Kommentatoren verglichen die Gerichtsverhandlung gegen den Franzosen mit dem Schicksal Salman Rushdies. Sie verwiesen auf die Empörung, mit der die westliche Welt auf das Todesurteil gegen den Autor der Satanischen Verse reagiert hatte, und warfen ihr vor, die Meinungsfreiheit von Schriftstellern nur dann zu verteidigen, wenn ein Buch dem eigenen Denken entspräche. 
 Es gab aber auch Ausnahmen. So verfasste der libanesische Autor Elias Khoury zur Debatte über Roger Garaudy einen mutigen Artikel, in dem er sich darüber beklagte, dass sich die arabische Kultur nicht ernsthaft mit der erschreckenden Bedeutung des Gedankens der 'Endlösung' auseinandergesetzt habe. "Wir Narren ignorieren die ganze Frage und loben jeden, der die Vernichtungslager der Nazis leichthin abtut und ihre Bedeutung herabsetzt. Trägt der Plan zur Vernichtung der Juden etwa nicht den Samen der Vernichtung jeder anderen Rasse, jedes anderen Volkes in sich?" Ähnlich kritisch argumentierte der libanesische Journalist Hazem Saghiyeh in der in London erscheinenden arabischen Zeitung Al-Hayat: "Unter dem Eindruck unserer eigenen Katastrophe haben wir die Fähigkeit verloren, die Ursachen und Beweggründe für das zu identifizieren und zu verstehen, was uns widerfahren ist. Unsere Elite (und nicht  nur das einfache Volk) versteigt sich sogar dazu, sich mit jedem zu verbünden, der die Geschichte leugnet und das Einwirken des einen Faktors auf den anderen verneint. Und so hindern sie uns daran, unser eigenes Schicksal zu verstehen und ein erhabenes menschliches Empfinden zu entwickeln, wie es auch für die Bewältigung des Palästinenserproblems unabdingbar wäre." 
 Der Wirbel um Garaudy, dessen Schriften in arabischer Übersetzung breiten Absatz gefunden hatten, veranlasste auch den Palästinenser Edward Said zu einem erneuten Appell an die arabische Welt, die Haltung zum Holocaust zu revidieren. Said, der in New York lebt und an der Columbia-Universität unterrichtet, gehörte zu den ersten arabischen Intellektuellen, die von der Notwendigkeit sprachen, das jüdische Leid anzuerkennen. Im August 1998 antwortete er den Anhängern Garaudys in "Le Monde diplomatique": "Warum erwarten wir von der ganzen Welt, unserem Leid als Araber gegenüber aufgeschlossen zu sein, wenn wir unfähig sind, uns dem Leiden anderer gegenüber aufzuschließen, auch wenn diese anderen uns unterdrücken? Im Gegenteil, die Realität des Holocaust und den Wahn des Völkermords am jüdischen Volk anzuerkennen, verleiht uns Glaubwürdigkeit hinsichtlich unserer eigenen Geschichte; das gibt uns die Möglichkeit, die Israelis und Juden zu bitten, eine Verbindung herzustellen zwischen dem Holocaust und den zionistischen Ungerechtigkeiten, die an den Palästinensern begangen wurden." Ähnlich argumentiert längst auch der palästinensische Dichter Mahmoud Darwisch, der mir im Sommer 1998 im Gespräch wie selbstverständlich auf meine Frage zu diesem Thema antwortete, dass "wir Palästinenser die jüdische Version des Holocaust akzeptieren müssen". Denn dieser Schritt gehöre zur Aussöhnung mit Israel. 
 In seiner "Erklärung zu Palästina" anlässlich des 50. Jahrestages der Al-Nakba, der palästinensischen Katastrophe von 1948, rief Darwisch sein Volk offiziell dazu auf, den Holocaust nicht länger zu ignorieren. 
 Wenige Monate zuvor hatte sich PLO-Chef Yassir Arafat bereit erklärt, das Holocaustmuseum in Washington zu besuchen. Das führte zu einer heftigen Kontroverse in den amerikanischen jüdischen Gemeinden: Die einen hofften, dass Arafat bei seiner Tour durch die Gedenkstätte endlich angemessen über das jüdische Leid informiert würde, während die anderen in Arafat weiterhin bloß den alten Terroristen sahen, der diesen Besuch allein aus politischem Kalkül heraus hätte machen wollen. Seine bloße Anwesenheit an diesem Ort wäre eine Farce. Um die Sache nicht noch komplizierter zu machen als sie schon war, sagte der PLO-Chef diesen Programmpunkt aus Zeitgründen ab. Ein Jahr später ließ er sich dann aber während eines Aufenthalts in Amsterdam in das Anne-Frank-Museum führen. Hinter solchen palästinensischen Annäherungen an die jüdische Geschichte mögen politische Motive stehen - in jedem Fall finden sie statt und haben allein deshalb schon Symbolcharakter. 
 Etwa zur gleichen Zeit wie Garaudys Pamphlet erschien im Libanon eine neue arabische Ausgabe von Mein Kampf. Den Umschlag ziert ein Hakenkreuz und ein Foto des jungen Hitler. Im Vorwort wird den Lesern erklärt, dass Hitlers Theorien von Nationalismus, Regierung und Rasse "ewige Fragen" seien. Hitler sei "einer der wenigen großen Männer, die fast den Lauf der Geschichte aufgehalten hätten", und habe ein "intellektuelles Erbe" hinterlassen. Erst dann räumt der Verfasser ein, dass die Nazis eine "Einparteien-Diktatur auf Gewalt und Brutalität und Machiavellismus" gegründet hätten. Vom Hass auf die Juden ist in der Einleitung nicht die Rede. Fragt man seine arabischen Anhänger, warum sie denn Hitler so sehr verehren, lautet die Antwort meist: "Weil er ein starker Mann war." 
 Dabei beruht die arabische Liebe zu Hitler auf einem Missverständnis. Als Gegner der Mandatsmächte Frankreich und England betrachtete man Deutschland in den dreißiger Jahren als einen natürlichen Verbündeten. dass es damals zu keinem stärkeren Eingreifen Deutschlands im Nahen Osten kam und die Araber das wahre Gesicht der Nationalsozialisten nicht zu sehen bekamen, trug zur Bildung eines "Mythos Hitler" bei, ebenso wie die Tatsache, dass das Ausmaß der Judenverfolgung nicht wirklich wahrgenommen wurde. Vielmehr betrachtete man das Dritte Reich als Verbündeten in der Abwehr eines jüdischen Staates. Dahinter jedoch eine konsequent rassistisch-ideologische Anlehnung an die Nazis vermuten zu wollen, wäre absurd. In diesem Zusammenhang wies der deutsche Forscher Peter Wien in dem Berliner "Palästina Journal" (Mai 1999) auf den Vorschlag eines der aktivsten Vertreter deutscher "Araberpolitik" hin, des deutschen Gesandten in Bagdad Friedrich Grobba. Denn schon als es 1934 darum ging, eine offizielle arabische Übersetzung von Mein Kampf anzufertigen, um nicht autorisierten Versuchen von arabischer Seite zuvorzukommen, wollte Grobba den Begriff "antisemitisch" durch "antijüdisch" ersetzen lassen, um Irritationen vorzubeugen. Man kann davon ausgehen, dass der deutsche Führer, wäre er noch dazu gekommen, alle semitischen Völker mit der gleichen Grausamkeit behandelt hätte wie die Juden. 
 Auf diesen doppelten Hass ging der bekannte marokkanische Schriftsteller Taher Ben Jelloun ein, als er im Frühjahr 1999 erstmals nach Israel kam und dort sein neuestes Buch "Papa, was ist ein Fremder?" vorstellte. Als man ihn nach seiner Meinung zu dem arabischen Umgang mit dem Holocaust fragte, betonte der in Paris lebende Autor, wie nahe Antisemitismus und Antiarabismus beieinanderlägen. "Wer in Frankreich keine Juden leiden kann, der mag in der Regel auch keine Araber." Deshalb gäbe es genug Grund für einen gemeinsamen Kampf. Diese Logik liegt für alle Europäer auf der Hand, die vor den Gefahren der eigenen rechtsradikalen Bewegungen warnen; aber im Nahen Osten muss auf diese Schattenseite des Alten Kontinents oft erst noch hingewiesen werden. 
 Als mich ein 19jähriger libanesischer Druse im Choufgebirge einmal beiseite nahm und fragte, ob es denn stimmen würde, dass die Deutschen heute Hitler nicht mehr leiden könnten, bejahte ich. Er zeigte sich enttäuscht von meiner Antwort. Dann erzählte er, wie gerne er nach Deutschland kommen würde, um dort zu arbeiten. Denn das Leben sei dort gut und das Geld viel wert. An dieser Stelle erinnerte ich ihn daran, dass es in meiner Heimat durchaus noch Menschen gebe, die Hitler toll fänden. Allerdings könnten diese Kreise für ihn, den dunkelhäutigen Libanesen, höchst gefährlich werden, sollte er es tatsächlich bis nach Deutschland schaffen. Der junge Mann wies verwirrt darauf hin, dass sein Gesicht nach libanesischen Normen "doch eigentlich sehr hell" sei. Dann verstummte er. Auf eine solche Logik war er nicht vorbereitet gewesen. In der Schule hatte er weder etwas über die früheren noch über die heutigen Nazis erfahren. Solche Themen lässt der Lehrplan im Hinblick auf den Noch-Erzfeind Israel nicht zu. 
 Vielleicht entspreche es dem Wesen des Krieges, dass bis zur Beendigung eines Konflikts seine Geschichte nicht korrigiert werden könne, schrieb 1996 der in Beirut ansässige Nahostkorrespondent Robert Fisk in der britischen Tageszeitung "Independeut". "Die Tücke des Holocaust - seine Einzigartigkeit, sein absichtlicher Völkermord - hat die Araber auf eine Probe gestellt, bei deren Bewältigung sie gescheitert sind. Kein Muslim im Nahen Osten hat Probleme, anzuerkennen, dass die Türken 1915 einen Völkermord an den Armeniern begangen haben, obwohl diese Grausamkeiten von Muslimen begangen wurden. Aber der Holocaust verlangt ein Mitgefühl, das die gedemütigte arabische Welt nur schwer aufzubringen vermag." Allerdings lässt sich hier anfügen, dass sich die israelischen Regierungen ihrerseits bisher eher ambivalent gegenüber dem Massaker an den 1,5 Millionen Armeniern durch die Türken im Jahre 1915 verhalten haben. Dass Israel diesen Völkermord nie so laut verurteilt hat, wie es sich die Armenier gerade vom jüdischen Volk gewünscht hätten, hat emotionale und politische Gründe. Da gibt es zum einen die Befürchtung, dass dadurch die Einzigartigkeit des Holocaust in Frage gestellt werden könnte; zum anderen will man den guten Beziehungen mit dem militärischen und politischen Bündnispartner Türkei nicht schaden. 
 Weil die Interpretation von Geschichte immer auch ein Vehikel der Politik sein kann, hält der prominente Intellektuelle Azmi Bishara jeden Versuch, die Palästinenser mit dem Holocaust in Verbindung zu setzen - und sei es nur durch das Bindewörtchen "und" -, zunächst einmal für verdächtig. Denn für den palästinensischen Philosophen mit israelischem Pass, der an der Berliner Humboldt-Universität studiert hat und seit 1996 als Abgeordneter in der Knesset sitzt, sind die Palästinenser nur mittelbar mit der Geschichte des Holocaust oder vielmehr mit der "Geschichte des Post-Holocaust" verbunden. Die Palästinenser seien allenfalls seine "indirekten Opfer, insofern als sie von seinen direkten Opfern ihrer Heimat beraubt wurden", schreibt er in "Die Araber und der Holocaust - Die Problematisierung einer Konjunktion" (erschienen in: "Der Umgang mit dem Holocaust", Schriften des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck und des Jüdischen Museums Hohenems). Bishara erinnert daran, dass sich die Araber damals "in eine Krise der europäischen Zivilisation verstrickt sahen, die sie weder verursacht hatten noch verhindern oder begrenzen konnten, aber an deren Folgen sie leiden mussten". Ihre Reaktion habe deshalb zwischen zwei Polen gependelt: der Verleugnung des Leidens der Juden einerseits und der Gleichsetzung des Zionismus mit dem Nazismus andererseits. Für Azmi Bishara ist beides unhaltbar. So lehnt er auch die exisistierende Tendenz ab, das Leiden der Palästinenser mit dem der Juden zu vergleichen. Denn dazu wäre es notwendig, in der Darstellung des palästinensischen Leidens zu übertreiben und das Ausmaß des Holocaust zu vermindern. "Eine reife Position, die den Holocaust in seinem ganzen Ausmaß begreift, ohne dabei die palästinensische Tragödie zu bagatellisieren - und zwar auf Grund der einfachen Erkenntnis, dass zwischen diesen beiden Ereignissen kein Zusammenhang besteht - ist sehr selten anzutreffen", bedauert Bishara. 
 Seine Kritik richtet sich aber auch an Israel, wo das Verhältnis der Araber zum Holocaust und zum Nazismus meist im Spiegel des Konflikts mit der arabischen Welt erforscht und bewertet wurde. Dabei geriet meistens in den Hintergrund, dass die arabische Welt nie jenes Ausmaß an Gewalt erreicht hatte, wie sie in diesem Jahrhundert in Europa zutage trat. Ebenso sei ja der arabische Judenhass auch nicht der Grund, sondern vielmehr eine Folge des israelisch-arabischen Konflikts gewesen - eine Tatsache, die in Israel von rechten Politikern gerne heruntergespielt wird, um nicht am alten Feindbild zu rütteln. 
 Diese These von der arabischen Bösartigkeit nach dem Ersten Weltkrieg hat Israeli Gershoni in seinem 1999 erschienenen Buch "Licht im Schatten - Ägypten und der Faschismus 1922-1937" widerlegt. Der israelische Historiker  zeigt, dass ein Großteil der ägyptischen Gesellschaft zu dieser Zeit sogar gegen Faschismus und Nazismus eingestellt war. Israel habe die arabische Welt als Kollaborateur mit diesen Mächten sehen wollen, weil das den zionistischen Mythen diente. "Natürlich gab es damals Leute in Ägypten, die auf der Seite der Nazis standen", sagt Gershoni, "aber sie bildeten eine Minderheit. Es war vielmehr Anwar el-Sadat, der im nachhinein für die Verankerung des Mythos von ägyptischen Sympathien für die Nazis sorgte. Der antibritische Sadat identifizierte sich mit dem deutschen General Rommel, der im Zweiten Weltkrieg in der arabischen Wüste gegen die Briten gekämpft hatte; und in den fünfziger Jahren erzählte Saddat von seinen eigenen Heldentaten und rühmte sich damit, für Hitler zu sein." 
 Weil Wahrheit und Wahrnehmung oftmals auseinanderklaffen, hält es Gershoni für ein Problem, dass viele seiner akademischen Kollegen in den israelischen Nahostforschungszentren lieber Politiker spielen wollen, statt sich auf ihre Rolle als sachliche Wissenschaftler zu beschränken. 
 Dass der Umgang mit dem Holocaust und der Nazizeit in Israel selbst zum politischen Instrument umfunktionalisiert werden kann, zeigte schon Menachim Begin. Er hatte einst seinen Erzfeind Yassir Arafat, dessen Gefolgsleute 1982 aus Beirut vertrieben werden sollten, als "Hitler im Bunker" bezeichnet. So mancher Likud-Vorsitzende hatte auch schon die PLO mit der SS verglichen und Israels Grenzen von 1967 als Auschwitzgrenzen definiert: Je böser die arabische Welt, um so eher lässt sich gegenüber den Palästinensern eine harte Linie rechtfertigen. Wer nach Beispielen für diese These sucht, wird zudem leicht fündig, vor allem in der arabischen Presse. Die Regierung von Ministerpräsident Benyamin Netanyahu schickte regelmäßig an alle Auslandskorrespondenten Zitatesammlungen, vor allem aus ägyptischen Zeitungen, in denen der Holocaust geleugnet wird oder die besonders antijüdisch und antiisraelisch waren. So berichtete Al-Akhbar im September 1998 von "der jüdischen Erfindung der Massenvernichtung" mit dem Ziel, "die Juden zur Einwanderung nach Israel zu bewegen und die Deutschen materiell zu erpressen sowie die Unterstützung der Welt für die Juden zu bekommen". In einer anderen Zeitung hieß es, dass der "israelische Charakter" streitsüchtig sei, weil die Juden ihr Konfliktverhalten "mit der Muttermilch aufsaugen" sowie "hinter allen Kriegen stehen und sich Zerstörung zum Ziel gesetzt haben". Von normalen Beziehungen kann somit auch 20 Jahre nach dem Friedensabkommen von Camp David keine Rede sein. 
 Die zeitliche Nähe zwischen dem Holocaust und der Staatsgründung Israels mag dazu beigetragen haben, dass beide Ereignisse im arabischen Bewusstsein gleichgesetzt werden. Wer den Holocaust angreift oder leugnet, will im Grunde Israel treffen. Die Anerkennung des jüdischen Schicksals während der Nazizeit ist zu einer Art politischer Konzession geworden. Sich dem Leid des anderen gegenüber zu öffnen, fällt besonders schwer, wenn man sich wie die Palästinenser selbst als Opfer fühlt. Andererseits gibt es heute gerade unter ihnen immer mehr, die zu verstehen bereit sind, dass die israelische kollektive Psyche sehr tief von dieser Vergangenheit beeinflusst ist. Wer den ehemaligen Feind besser verstehen will, sollte die Gründe seines Traumas kennen. 
 Ein konkreter Anstoß in diese Richtung kommt nun ausgerechnet von einem Deutschen, der Palästinensern das Leid des jüdischen Volkes im Holocaust durch einen Besuch in Yad Vashem näherbringen möchte. dass er sich mit seiner Initiative auf ein vermintes Gebiet begeben würde, war dem Vertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung in den palästinensischen Gebieten, Henning Niederhoff, von Anfang an klar gewesen. Deshalb geht er so behutsam wie möglich vor, wenn er immer wieder neue kleine Gruppen zusammenstellt, zu denen Palästinenser, Israelis und Deutsche gehören. 
 Dadurch sollen "keine Grenzen verwischt" werden, sondern es geht darum, dass sich die Teilnehmer als "Individuen" dorthin begeben und bereit sind, sich auf eine Betroffenheit einzulassen, die verschiedene Ebenen hat. "Die Idee war entstanden", erklärt Niederhoff, "nachdem ich gemerkt habe, wie wenig man auf palästinensischer Seite von dieser Epoche der europäischen Geschichte weiß." Weil leicht Missverständnisse entstehen könnten, wenn sich Deutsche mit dem Holocaust beschäftigen, vor allem, wenn sie das im Nahen Osten tun, finden diese mehrstündigen Besuche auf privater Ebene und ohne Medienwirbel statt. Ohne diesen Schutz würden die meisten diesen Schritt wohl gar nicht wagen. 
 Die Palästinenser gehen mit ihren Augen durch die israelische Holocaustgedenkstätte, deren Erklärungen auch nicht für sie konzipiert wurden. Sie sind auf hebräisch und englisch verfasst und nicht in der zweiten offiziellen Landessprache, auf arabisch. Um so größer ist der Schock, wenn sie dort an prominenter Stelle ausgerechnet auf ein Foto von einem der Ihren stoßen: Es handelt sich um Haj Amin al-Husseini, den Mufti von Jerusalem, der einen Teil des Zweiten Weltkrieges in Berlin verbrachte und die Deutschen zu weiteren militärischen Siegen anspornte. Für die Palästinenser gilt der Mufti als Held, weil er sich niemals mit der jüdischen Einwanderung im Vorkriegspalästina abfand und niemals einem demütigenden Frieden zustimmte. Vor dem Teil der Ausstellung in Yad Vashem, wo die Vernichtungslager dokumentiert werden, ist neben seinem Bild eine Rede abgedruckt, die er am 1. März 1944 im Radio Berlin gehalten hat: Darin ruft der Mufti die Araber auf, die "Juden zu massakrieren, wo immer sie zu finden sind". 
 Dieser Appell ist den meisten Palästinensern unbekannt. Dass ihr Volk auf diese Weise quasi in eine Reihe mit den Naziverbrechern gestellt wird, stößt auf große Bestürzung. Es taucht unwillkürlich die Frage auf, wie denn die vielen Touristen und Neueinwanderer aus der ehemaligen Sowjetunionr auf diese "Kriminalisierung der palästinensischen Opfer" reagieren würden. Das Gefühl, hier in Yad Vashem plötzlich der  Täterseite anzugehören, habe seine Trauer mit den Juden überlappt, erinnert sich ein palästinensischer Besucher. Er fragt, warum man an dieser Stelle nicht lieber auf die Schergen des Vichy-Regimes verwiesen hat. 
 In der Diskussionsrunde hinterher geht es dann allerdings nicht nur um den Mufti, sondern um die verschiedenen Emotionen, die der ungewöhnliche gemeinsame Besuch ausgelöst hat. Meist stehen die unterschiedlichen Ängste im Zentrum, die es auf beiden Seiten gibt. Manche Bilder von Flucht und Vertreibung vor Augen, fühlen sich die Palästinenser unwillkürlich an das eigene Schicksal und die immer noch ungewisse Zukunft erinnert. Und plötzlich sind auch die Israelis nicht mehr nur die Überlegenen und Starken, wie sie meist im Alltag von den Palästinensern wahrgenommen werden. Es treffen zwei unterschiedliche Gedächtnisse aufeinander, die durch den immer noch ungelösten Konflikt um das Land miteinander verbunden sind. 
 "lch fühle mit den (jüdischen) Opfern, aber ich würde es vorziehen, wenn die Museumsausstellung mit der Befreiung der Todeslager 1945 enden würde. Die Verbindung mit der Schaffung Israels ist aus der Sichtweise meines Volkes, der Palästinenser, unlogisch", schrieb ein palästinensischer Journalist nach dem Besuch. Für andere wiederurn liegt es auf der Hand, dass die palästinensische Beschäftigung mit dem jüdischen Leid während des Holocaust eine israelische Beschäftigung mit dem palästinensischen Leid seit 1948 erfordere. 
 Musste am Anfang noch an die Großzügigkeit der Palästinenser appelliert werden, um sich nach Yad Vashem zu wagen, war dies nach dem ersten Besuch nicht mehr nötig. Seither schlagen die Teilnehmer selbst neue Kandidaten aus ihren Familien und ihrem Bekanntenkreis vor. Mit dem Eintrag: "Es war soweit, die Barriere zu brechen", bedankte sich ein Palästinenser bei den Organisatoren und ermutigte zum Weitermachen. Er blieb nicht der einzige. Das Interesse an einem Thema, das vor wenigen Jahren noch als Tabu behandelt wurde, scheint auf palästinensischer Seite behutsam zu wachsen. 
 Als sich Yitzhak Rabin und Yassir Arafat im Herbst 1993 vor dem Weißen Haus die Hände reichten, hatten sie beschlossen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, um nach vorne, in eine gemeinsame Zukunft, blicken zu können. Sonst wäre der Weg wohl gleich am Anfang versperrt gewesen. Seither hat aber trotz aller Hindernisse eine intellektuelle Annäherung in beide Richtungen stattgefunden. So sind in Israel die einst bahnbrechenden Recherchen des Historikers Benny Morris über die Flucht und Vertreibung der Palästinenser nach der Staatsgründung Israels inzwischen in die Schulbücher eingegangen; und Morris selbst hat endlich eine gesicherte akademische Existenz an der Ben-Gurion-Universität in Beersheva gefunden. Als man in Israel im Mai 1998 den 50. Unabhängigkeitstag feierte, blickte man auch nach drüben in die Autonomiegebiete, wo die Palästinenser erstmals offiziell der Al-Nakba, der Katastrophe von 1948, gedachten. Manches erinnerte dabei an die israelische Erinnerungskultur. Dazu gehörte zum Beispiel eine Sirene, wie sie jedes Jahr am Holocaustgedenktag ertönt, aber auch der Versuch, die eigene - unter 400 zerstörten Dörfern begrabene - Geschichte auf einer Landkarte zu rekonstruieren und Berichte von Augenzeugen zu sammeln. Denn wer sich nicht erinnert, hat keine Geschichte. 
 Ein historischer Kompromiss zwischen Israelis und Palästinensern wird beiden kollektiven Gedächtnissen Rechnung tragen müssen. Dabei geht es nicht darum, das Leid des anderen mit dem eigenen zu vergleichen, sondern es anzunehmen. Wenn das gelingen sollte, dann wäre der Frieden im Nahen Osten sicherlich ein Stück näher gerückt. 
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  Die Schoah und die arabische Welt
Vortrag von Muhammad Hourani 

Muhammad Hourani ist Dozent an dem David Yellin Lehrerseminar in Jerusalem und Mitarbeiter am Schalom Hartman Institut. Er ist der Übersetzer von Werken Janusch Korczaks ins Arabische. 

 Das große Interesse an der Schoah - weltweit und in der jüdischen Welt weicht erheblich von dem ab, was man bezüglich anderer historischer Ereignisse beobachten kann. Zuweilen scheint es, als würden wir uns mit einem Geschehen beschäftigen, das über oder außerhalb der Geschichte liegt, ist es doch in seinem Umfang und der Zahl seiner Opfer, dem System der Vernichtung und dem, das vernichtet wurde, beispiellos in der Geschichte. Es ist deshalb richtig, dieses Ereignis als beispiellos zu bezeichnen, jedoch ist es ein Fehler zu erklären, es sei außerhalb der Geschichte. Schließlich haben es Menschen verursacht - wie auch immer wir sie nennen, bleiben sie ja Menschen. Aus einem weiteren Grund verbietet es sich, dieses Ereignis aus der Geschichte heraus zu nehmen, insbesondere jetzt, wo wir über die historischen und universalen Lehren sprechen, die die Schoah uns aufgibt. Und für Gegenwart und Zukunft haben wir alle, die wir dieses kleine globale Dorf teilen, aus diesem Geschehen viel zu lernen.  
 Die Schoah als historisches Ereignis unterscheidet sich von anderen Geschehnissen. Als jemand, der sich für Geschichte interessiert, habe ich gelernt, dass eine Begebenheit - so bedeutend sie auch sein mag, im Laufe der Zeit verblasst und zunehmend in Vergessenheit gerät. Und auf die, die das menschliche Gedächtnis zu bewahren vermag, bezieht man sich wie durch das Okular eines Mikroskops, nachdem sie ihre "Wärme und die historische Glut" verloren haben. Die Schoah jedoch, verhält sich gegensätzlich zum historischen Prozess und dem Bewusstsein der Menschen - je weitere Kreise die Zeit zieht, desto mehr tritt das Ereignis ins Zentrum des historischen Bewusstseins der Menschheit - bei Juden und heute mehr und mehr auch bei Nichtjuden. Die Wahrung des Gedächtnisses drückt sich nicht nur in einem einfachen Bewusstsein aus, sondern viele Länder haben entschieden, durch das Aufstellen von Gedenktafeln, die Festlegung von Gedenktagen und die Veranstaltung von Zeremonien das Gedenken an die Schoah  in offizieller Weise zu gestalten (England ist nur ein Beispiel dafür). 
 Dass man - wegen der universalen Lehren der Schoah - das Schoahgedenken aus den Händen der Juden entreißt, wird begleitet vom Versuch, auch andere historische Ereignisse als Schoah anderer Völker anzuerkennen. Kürzlich hat sogar das israelische Erziehungsministerium anerkannt, dass auch die Armenier Opfer einer Schoah wurden, deren Andenken man erhalten muss (Idan Sarid) - und das, obwohl es noch viele Juden gibt, die sich gegen eine solche Aufweichung des Begriffs stellen und es ablehnen, wenn andere die Terminologie der Schoah für ihre Geschichte übernehmen wollen.  
 Natürlich ziehen Menschen an historischen Schwellen eine gründliche Bilanz dessen, was sie dazu beigetragen oder nicht beigetragen haben, dass sich etwas bestimmtes ereignen konnte bzw. um ein bestimmtes Geschehen zu verhindern. Wir alle leben an der historischen Schwelle zwischen dem 20. und dem 21. Jahrhundert. Die Sorge und Furcht, die diese Zeitenwende begleitet haben, sind noch frisch in unser aller Gedächtnis. Aus historischem Blickwinkel wurde diese Schwelle von einer historischen Bilanz der vergangenen Ereignisse und der Menschen, die an ihnen beteiligt waren und sie beeinflussten, begleitet. Die Schoah nimmt eine hervorgehobene Stellung im historischen Bewusstsein der Menschheit als in ihrer Art singuläres Ereignis ein.  
 Das Ende des 20. Jahrhunderts wurde auch von einem politischen Umschwung in den Staaten jenseits des eisernen Vorhangs begleitet. Der kommunistische Ost-Block existiert nicht mehr, seine verschiedenen Staaten wurden voneinander unabhängig und setzten liberale Regierungen ein. Diese Wende ermöglichte die Öffnung der Staaten sowie der Regierungsarchive und erlaubte den Bürgern freien Zugang zu ihrer Vergangenheit. Viele Informationen tauchten auf und wieder stieß man auf Ereignisse, mit denen man sich zuvor wegen der politischen Lage und der früheren Regierungen nicht ausreichend auseinandergesetzt hatte.  
 In unserer Region hat sich zwischen Israel und den Palästinensern ein besonderer politischer Prozess entwickelt. Das hat zum ersten Mal und mit großer Heftigkeit die Notwendigkeit der Entwicklung einer geographischen Identität des Staates Israel, des jüdischen Staates, aufgeworfen. Dies ist ein schmerzlicher und ermüdender Vorgang und je stärker die israelische Seite dazu gezwungen ist, desto mehr erwacht die traumatische Vergangenheit. Hat doch der Staat Israel argumentiert, er sei wegen der Schoah errichtet worden bzw. um einem verfolgten Volk Zuflucht zu geben und um der Verfolgung und dem Antisemitismus ein Ende zu bereiten, wodurch die Beziehungen der anderen Völker zu den Juden charakterisiert waren. Der Rückgriff auf die Schoah sollte die Welt daran erinnern, warum der jüdische Staat gegründet worden war und wem er dienen sollte. Die Araber akzeptieren dieses Argument im Übrigen nicht und verweisen auf die Tatsache, dass der Kampf zwischen ihnen und den Juden lange vor der Schoah begann. Die Arbeit der ersten Pioniere in Palästina, Herzel und Basel stehen lange vor der Schoah, weshalb die Verbindung von Schoah und Staatsgründung für die Araber nicht akzeptabel ist.  
 Die politische Instrumentalisierung der Schoah lässt sie im Bewusstsein der Menschen bleiben. Die Schoah ist schon vor langer Zeit zu einem der Zeichen des Staates Israel geworden, der Schoah-Gedenktag ist gesetzlich verankert, Erinnerungsstätten wurden errichtet, an ihrer Spitze Yad Vashem, deren Besuch zum Protokoll eines jedes offiziellen Israelbesuchs hochrangiger Persönlichkeiten gehört. Die Weigerung von Amru Mussa, damals ägyptischer Außenminister, Yad Vashem zu besuchen, hätte fast zu einem diplomatischen Zwischenfall zwischen beiden Staaten geführt. Viele Täter, wie Eichmann und Demianiuk, sind verfolgt worden und ein Teil wurde in Israel vor Gericht gestellt. Was sich um solche Prozesse herum entwickelte, entbehrte nicht des politischen Aspekts und der Instrumentalisierung durch die israelische Regierung.                                                              
 Der Golfkrieg, der vergangene und vielleicht auch der noch ausstehende mit all dem Gerede über Gas, Masken und Scuds, haben ihren Beitrag zur Schärfung des historischen Gedächtnisses geleistet, zumindest bei Teilen der israelischen und jüdischen Öffentlichkeit.  
 Zwei weitere Aspekte lassen sich hier gemeinsam anführen, auch wenn auf den ersten Blick keine Verbindung zwischen ihnen zu bestehen scheint. Für unsere Diskussion jedoch gibt es eine sehr enge Verbindung zumindest auf der Ebene des kulturellen Bewusstseins. Ein arabisches Sprichwort besagt: "Das Recht stirbt nicht solange hinter ihm noch jemand steht, der es einfordert." Das jüdische Volk - vertreten durch die "Jewish Agency" und durch den Staat Israel - hat weiter die Rechte der ermordeten Juden und derer die überlebt haben eingefordert. So gelang es ihnen, Themen auf die Tagesordnung zu bringen, wie das Gold auf den Schweizer Banken, die Zwangsarbeit in Nazi-Deutschland, die Entschädigungen im Adenauer-Abkommen und mit Siemens und IBM, die Versicherungspolicen der Juden, die Gerichtsverhandlung mit Generali und auch die ruhenden Konten bei den Schweizer Banken. Alles dies konnte vor allem durch die Entschlossenheit und Ausdauer der Forderungen erreicht werden. Ich habe bereits gesagt, dass das zuvor zitierte arabische Sprichwort den Palästinensern die richtige Richtung weist. 
 Auch die Palästinenser sind hier hartnäckig, - etwa was das Rückkehrrecht angeht - nicht auf das Gedächtnis im historischen Bewusstsein zu verzichten. In der Tat wissen alle, dass dieses Thema aus der Sicht des israelischen Staates ein Totschlagthema und nicht zu überwindendes Hindernis darstellt, trotzdem verzichten sie nicht darauf, dieses Recht wieder und wieder einzufordern. Die Palästinenser tragen vielleicht unbewusst zur Konservierung der Erinnerung der Schoah bei, wenn sie ihr Argument, selbst Opfer zu sein, anführen - denn dieses Argument impliziert ja gerade keine Leugnung der Schoah. Im Gegenteil - es liegt ein deutlicher Akzent von NichtLeugnung darin, wenn sich die Palästinenser, selbst Opfer, weigern den Preis für etwas zahlen zu sollen, mit dem sie nichts zu tun haben. Und angesichts von anderen historischen Ereignissen, über die als ethnische Säuberung berichtet wurde (Kosovo, Bosnien), kehren die Palästinenser zu ihrer Geschichte zurück und verweisen wieder und wieder auf die ethnische Säuberung, die das palästinensische Volk in seiner "Nakba" durchlitten hat. (Auf das Thema das Gedenkens und des Krieges um das Bewusstsein werde ich noch zurückkommen).  
 Aus der Sicht der Araber ist die Schoah ein europäisches Ereignis, zu dem sie keine direkte Verbindung haben. Es ist ein Ereignis, das auf europäischer Erde begonnen und geendet hat. Jamal Alaitani, einer der bekannten ägyptischen intellektuellen Journalisten hat über die fehlende Verbindung zwischen den Arabern und der Schoah in diesem Sinne geschrieben. Die Schoah ist eine Tat der Nazis gegen Juden und Nichtjuden in Europa und sie hätte auch die Araber erreichen können, wenn die Nazis gesiegt hätten. Die Verbindung zwischen dem arabisch-israelischen Konflikt und der Schoah ist nach Alaitani ein Fehler. Er hat die Reaktion palästinensischer Führer wie Said, Derwisch, Elias Chouri und vieler anderer begrüßt, die eine Petition gegen das Symposion von Beirut zur Leugnung der Schoah unterschrieben haben. Er merkt an, dass es nicht bekannt sei, wer zu dieser Versammlung eingeladen hat. Die Einladung erschien im Internet ohne Angabe der Organisatoren, stieß allerdings bei einigen Arabern auf offene Ohren.  
 Es ist richtig, dass es Araber gab, die in diesem oder jenem Stadium Sympathien zu den Nazis entdeckt haben, wie Haj Amin al Husseini oder Sadat. Aber die Araber behaupten, dass die arabische Unterstützung keinerlei Einfluss auf die Vernichtungsmaschinerie der Nazis hatte und auf die Entscheidung zur "Endlösung der Judenfrage". Darüber hinaus behaupten sie, dass es einen Unterschied gibt, wie man sich in Israel auf Husseini und auf Saddat bezieht: Zu den Zeiten als Saddat noch ein Erzfeind Israels war, wurde immer auf seine Begeisterung für die Nazis verwiesen, während nach der Unterzeichnung des Friedens mit Israel und seinem Besuch in Jerusalem 1977 kein Wort mehr über seine Vergangenheit verloren wurde. Husseini dagegen, der trotz seines Besuches in Deutschland - wie Saddat auch keinerlei Einfluss auf die Taten der Nazis hatte, aber eben nicht auf dem Pfad der Versöhnung mit Israel gewandelt war, als Vertreter eines Volkes, das sein ganzes Land verloren hat und von dem ein Viertel zu Flüchtlingen gemacht wurde, wird weiter als Teil der Nazi-Maschinerie dargestellt. So ist es kein Zufall, dass sein Bild in der Ausstellung des historischen Museums von Yad Vashem an einem zentralen Ort ins Auge sticht - das gleiche Museum, das seine Fotoausstellung mit Deutschland am Vorabend des Aufstiegs der Nazis und der Kristallnacht beginnen und mit der Errichtung des Staates Israel enden lässt. Das Bild von Husseini beim Hitlergruß befindet sich ziemlich am Schluss der Ausstellung. Und die Palästinenser argumentieren, dass es nach dem Oslo-Abkommen nicht fair ist, dass ihr "Rais" auch nach dem Beginn der Aussöhnung weiter als Hitler dargestellt wird.  
 Tatsächlich kam dieser Hinweis (die Araber waren Nazisympathisanten) von einem Vertreter von "Moledet", dem Knesset-Abgeordneten Gandi, aber sie ist ohne Reaktion von Seiten der Israelis geblieben. Und so stellen die Palästinenser die Frage: Warum diese Verunglimpfung, wo doch beide Seiten ein Prozess der Versöhnung eingeleitet haben - wo andererseits eine Versöhnung mit Deutschland nach Hitler, mit Adenauer-Deutschland möglich war. Warum ist das in diesem Fall anders?  
 Die Missachtung der historischen Analogie von Seiten der Israelis gegenüber den Arabern findet sich immer wieder in der Bezugnahme auf Saddam Hussein. Noch ein Hitler, der da im Nahen Osten herangewachsen ist und den man vernichten muss. 
 Aber es gibt noch einen weiteren Gesichtspunkt der Auseinandersetzung mit der Schoah auf der israelischen Seite, die sich teils an arabische Ohren, teils an die Israelis selber richtet. Der Härte der israelischen Reaktion gegenüber den Palästinensern wird sogar von Israelis als zu scharf beurteilt und als Faktor, der die moralische Argumentation Israels als Opfer der Schoah neutralisiert. (Ilan Papa, Index, veröffentlicht in El-Kuds, 27.4.2001.)
 Die Erklärungen von religiösen und politischen Führern in Israel (zum Thema Holocaust) treffen immer wieder auf aufnahmsbereite Ohren auf der arabischen Seite. Die Worte des Rabbi Obadja, dass "die in der Schoah Ermordeten eine Seelenwanderung von Sündern sind", (HaAretz 15.8.00.) oder die scharfen Worte von Shlomo Benisri (Abgeordneter der orientalisch-orthodoxen Shas-Partei) über die Zionisten, die zwischen Blut und Blut Unterschiede machten und die die Religiösen (im Holocaust) preisgaben. (Ebenda.) Hierher gehört auch die Forderung religiöser Oberhäupter an die Überlebenden, sich nicht verführen zu lassen, Entschädigungen anzunehmen, aus der Befürchtung vor einer Zunahme des Antisemitismus in der Welt.  
 Die Standpunkte von Juden, insbesondere von Angehörigen der Familien von Überlebenden oder Ermordeten, haben einen großen Einfluss auf den Standpunkt der Araber, und er bleibt ihren Augen nicht verborgen. Ich führe als Beispiel die Thesen Norman Finkelsteins in seinem Buch "The Holocaust Industry, London 2000" an, das einen großen Einfluss unter den Intellektuellen vor allem Palästinensern hatte. Eine Kritik des Buches ist in der palästinensischen Vierteljahresschrift "El-Karmel" erschienen. Ebenso verfolgt man mit Aufmerksamkeit die Organisationen von SchoahLeugnern im Westen einschließlich der USA, wie die "Organisation zur Einschätzung der Schoah", deren Zentrum sich in Kalifornien befindet, und die wahrscheinlich zu dem abgesagten Symposium in Beirut eingeladen hatte, das dann in Amman veranstaltet werden sollte, auf Anweisung von König Abdallah aber wieder abgesagt werden musste.@F+S. HaAretz vom 13.2.02.@F- Die Leugnung der Schoah schlägt in der arabischen Welt noch immer große Wellen. Aber die Araber nehmen einen Unterschied wahr zwischen der Reaktion der Juden auf eine arabische, muslimische Leugnung und auf eine Leugnung mit westlichen Wurzeln. Und sie weisen auf die schwache Reaktion gegenüber einer Leugnung mit westlichen Wurzeln gegenüber der Betonung und Hervorhebung einer Leugnung auf arabischer Seite hin.@F+Bashar Assad zum Beispiel.@F-  
 Aber auch die Araber machen Unterschiede in ihrer Bezugnahme auf die Leugnungen der Schoah von verschiedener Seite. Ihre Reaktionen gegenüber David Irving, dem brittischen Historiker, ließ mangelndes Interesse und mangelnde Begeisterung für den Mann erkennen, so reagierte man auch gegenüber dem ehemaligen Präsidenten von Kroatien, aber sobald der Leugner ein zum Islam übergetretener Philosoph ist, wie Roger Garaudy, ist die arabische Reaktion begeistert und auch Araber zeigen sich bereit, den Kampf des Mannes finanziell vor Gerichten in Frankreich zu unterstützen.  
 Auch auf historisch-religiöser Ebene bietet das Buch von Israel Shahak ein Bild, das eine angenehme Basis für die Argumentationen der Araber gegen das Judentum und gegen den Staat Israel darstellt. Übrigens ist das Vorwort für die arabische Übersetzung von Edward Said geschrieben, der vielen von uns bekannt ist. Viele Araber haben verneinend und sogar missachtend auf die Schoah Bezug genommen, haben die Angaben über Ablauf und Zahl der Ermordeten negiert. Reaktionen dieser Art werden genährt von antisemitischer Propaganda. Ich verweise hauptsächlich auf Hald alSmali, Doktor für Ingenieurwesen, der einen äußerst giftigen Artikel zum Thema Schoah veröffentlicht hat.@F+Siehe Josef AlGazi, HaAretz 25.5.90, ebenso auch Shefi Gabai, Ma'ariv 4.4.90. Zu einem weiterer Verweis zum Thema der arabischen Leugnung siehe Ma'ariv vom 28.7.99, 12.7.99, 3.6.86 und 16.3.89; dieser letzte Artikel bezieht sich auf das Verhältnis von arabischen Schülern in Israel zum Thema der Schoah, ebenso der Artikel einen Tag zuvor vom 15.3.89 in der Zeitung Davar. Zur Art und Weise, wie sich Palästinenser vor dem Hintergrund ihres Traumas auf die Schoah beziehen, siehe den Artikel von Faruk Kadumi "Die Endlösung" der Palästinenser, Yedi'ot 9.9.88.@F-  
 Man muss die Motive der Leugner in Betracht ziehen und meiner Meinung nach muss man auch auf die politische Situation Bezug nehmen, in der sie sich befinden und aus der heraus sie agieren, wenn sie von der Schoah sprechen. Viele Äußerungen von Leugnern sind eine emotionale Reaktion aus dem Bauch heraus auf sie umgebende Ereignisse und es ist schade, dass man sich auf ein solch schwieriges Thema mit solchem Leichtsinn bezieht. Meiner Meinung nach sollte man denen unter den Arabern ein geeignetes Gewicht geben, die ihre Stimme gegen die Leugnung der Schoah erheben. Denken wir an Edward Said, jenen wegen seiner Tätigkeit gegen die Leugnung der Schoah bekannten Mann - manche sagen, dank seiner engen Verbindung mit dem bekannten jüdischen Musiker Barenboim. Said hat einen interessanten Artikel unter der Überschrift: "Die Basis der Co-Existenz" veröffentlicht. Unter anderem bezieht er sich auf die Schoah und schreibt: "Um meine Menschlichkeit wahren zu können, muss ich mich mit dem jüdischen Opfer in der Schoah identifizieren." Der Artikel von Said wurde auf arabisch in der ersten Novemberhälfte 1997 in fünf verschiedenen Zeitungen der arabischen Welt veröffentlicht: unter anderem in Al-Hayyat (Beirut), in Al-Aharam (Kairo) und in Al-Kuds (Ost-Jerusalem).  
 Man kann nicht behaupten, dass die arabische Welt heute frei wäre von Antisemitismus. Die Wurzel und auch die Basis der arabischen Einstellung gegenüber den Juden sind Ideen, die aus dem Westen - vornehmlich durch christliche Autoren und durch die christliche Mission - eingedrungen sind, und die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hauptsächlich über den Sektor von Bildung und Erziehung im arabischen Osten Fuß gefasst haben.  
 Eine weitere Basis ist die Religion. Wer sich für die Quellen des Islam interessiert kann Bestätigung für die negativsten Behauptungen gegenüber dem Judentum und den Juden finden, aber auch für die allerpositivsten Aussagen. Seine Schärfe erhält das alles erst durch den Konflikt zwischen dem Staat Israel, der zionistischen Bewegung und den Arabern. Weil der Konflikt nur die Feindschaft konserviert und die Glut des Hasses mehr und mehr schürt, hielt mein Lehrer, Prof. Harkavi, es für richtig, anzunehmen, dass das Phänomen des arabischen Antisemitismus vergänglich ist. Wenn ein Ende für den Konflikt gefunden wird, wird auch der arabische Antisemitismus aufhören zu existieren. Aber angesichts der massiven Gegenwart des Konflikts, insbesondere des israelisch-palästinensischen, wird dieses Phänomen weiter bestehen. Es wird - durch die breite Ausnutzung von religiösen und gesellschaftlichen Stereotypen, die über die Medien den Juden zugeschrieben werden - sogar noch stärker werden.  
 Liebe Freundinnen und Freunde, wir befinden uns heute eine Woche vor dem Beginn des islamischen  Fastenmonats. Dieser Monat bringt uns alle möglichen Radio- und Fernsehsendungen auf Arabisch, die Juden in einem besonders negativen Licht darstellen. Alle negativen Eigenschaften wie: List, Zaudern, Hochstapelei, Betrug,  Lüge, Nichteinhalten von Verträgen, Verrat, Zinsnehmen, Prostitution, Begehren, Versuch andere zu beherrschen, und viele andere tauchen als Teil des negativen Charakters des Juden auf. "Die Protokolle der Ältesten Zions" leuchten auf und bilden bis heute den grundlegenden Hintergrund für das Verständnis von den Juden. Das (antisemitische) Buch von Ajaj Noihaz, das bereits in der 5. Auflage erschienen ist, hat große Popularität unter arabischen Lesern gewonnen. Übrigens - in einem Interview, das ich mit einigen (arabischen) Lehrern zum Thema Schoah geführt habe, tauchte ein neues Stereotyp auf: Missachtung von Verträgen - und das infolge des bekannten Ausspruchs des ermordeten J. Rabin, dass es keine heiligen Daten gibt. Meine Gesprächspartner führten dies als Beispiel für den schlechten Charakter der Juden an.   
 Vor 15 Jahren wurde ein Programm für die Erziehung zur CoExistenz von jüdischen und arabischen Studenten an dem David Yellin Lehrerseminar (an dem Hourani lehrt) eingerichtet. Schnell entdeckten wir, dass es eine Wissenskluft unter den Studierenden beider Seiten gibt. Die Araber, die die hebräische Bibel, Bialik, Tschernichowsky, Achad-haAm und moderne hebräische Literatur studieren, taten sich schwer mit dem Thema der Schoah.  Da wir ausgewählte Themen aus dem Bereich der Geschichte, der Religion, usw. jeweils symmetrisch unterrichten wollten, bemerkten wir, dass jedes Mal, wenn das Thema Schoah angeschnitten wurde, die arabischen Studenten  das Thema der Nakba aufwarfen. So entschlossen wir uns, entsprechende Texte vorzubereiten zu lassen. Unter dem Stoff, der vorbereitet wurde, war das ins Arabische übersetzte Werk Janusch Korczaks, das mit der Veröffentlichung der ersten Anthologie 1991 begann. Es war dies das erste Mal, dass Korczak überhaupt ins Arabische übersetzt wurde (mit der Übersetzung Houranis). Danach wurde entschieden, ein Fach mit der Bezeichnung "Lehre der Schoah für arabische Studenten" an der Hochschule zu etablieren. Dieses Fach existiert seit Mitte der 90er Jahre. Es wird von zwei Lehrern unterrichtet: einem Juden und einem Araber. Zu Beginn waren israelisch-arabische Studenten die Zielgruppe, in den letzten drei Jahren sind mehr und mehr palästinensische Studenten dazu gekommen, und die Lehrer für dieses Projekt werden aus OstJerusalem finanziert. In diesem Jahr hat der Kurs vor einem Monat mit sieben Studenten begonnen, heute sind es 42 in dem Kurs, der auf Arabisch für die Bevölkerung Ost-Jerusalems stattfindet.  
 Der Versuch ist noch inmitten seiner Probezeit und es gibt daraus noch viel für die Fortsetzung des Weges zu lernen. Vor allem ist das Thema der Schoah eines der am meisten belasteten in dieser Arbeit. Studenten, die ihre Projekte an israelischen Schulen durchführen wollten, sind nicht auf besondere Probleme gestoßen. Andere, die das Thema an palästinensischen Schulen in Ost-Jerusalem unterrichten wollten, stießen auf viele Probleme. Ein Student musste seinen Direktor anlügen, dass seine Stunde eine Geschichtsstunde sei und nicht die Schoah behandele. Als der Direktor die Wahrheit entdeckte, entschied er, den Versuch abzubrechen. Schüler, die an dem Projekt teilgenommen hatten, zeigten eine Vermischung der Begriffe bezüglich Schoah und Nakba. Als sie über Lager sprachen, konnten die Kleinen nicht zwischen (dem palästinensichen Flüchtlingslager) Deheishe und Auschwitz unterscheiden, sind doch aus ihrer Sicht beides Lager. Am Ende des Versuchs wurde ein Fragebogen unter den Schülern verteilt, der eine Veränderung des Standpunkts infolge eines Wissenszuwachses der Schüler zeigte. Unter den Studenten waren ca. 25%, bei denen sich eine Veränderung in ihrem Verhältnis zu Schoah, zu den Juden, zum Zionismus und zum Staat Israel eingestellt hatte. Bedenken wir, dass dies in die Zeit vor der Al-Aksa Intifada fällt. 
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 @-0 #/+Übersetzung aus dem Hebräischen: Carolin Kalbhenn. 
 @-0 (Ergänzungen in Klammern von Michael Krupp) 
 
 

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