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Aus dem Inhalt von Heft 2/4 des 6. Jahrgangs (2000) 
 
  • Editorial 
  • Aus der Arbeit der Israel Interfaith Association 

  •  
  •  Thema: Der Papstbesuch 

  •  Amos Oz: Der Stellvertreter   (Über Rabbi Jeshu und den Papst)
  •  Tom Segev: Eine ungeküsste Hand  

  •  Meron Benvenisti: Die finstere Seite 
     Thomas O'Dwyer: Ein Papstbeobachter 
     Jair Shelig: Ein Trialog 
     Haggai Hitron: Abrechnung mit der christlichen Welt 
     
  •  Presseecho 
 
Eine ungeküsste Hand
 
  von Tom Segev 

  Musaf Ha-Aretz vom 21.3.2000 


 

Theodor Herzl setzte große Hoffnung auf seine Audienz bei Papst Pius X. im Jahr 1904. Die Einstellung des Papstes die Pläne der Juden im Heiligen Land betreffend jedoch wurde möglicherweise von Herzls Unvermögen beeinflußt, die päpstliche Hand zu küssen. Der Autor erinnert an eine schicksalhafte Begegnung. 

 In der zweiten Januarhälfte des Jahres 1904 verbrachte Theodor Herzl 24 Stunden in Venedig. "Ein strahlend blauer Montag", notierte er am Tag darauf im Zug nach Florenz in sein Tagebuch. Herzl fuhr nach Rom, wo er den italienischen König treffen sollte. Doch eine zufällige Begegnung, die sich während seines Aufenthalts in Venedig ereignet hatte, verhalf ihm unverhofft zu einem Gespräch mit Papst Pius X. Herzls Bemühungen, weltweit Unterstützung für seine zionistische Vision zu gewinnen, hatten ihn bereits mit mehreren Repräsentanten der römisch-katholischen Kirche in Kontakt gebracht. Herzl war sich nicht nur des vatikanischen Einflusses auf die internationale Politik bewußt. Er verstand zudem, warum die Kirche sich einer Übernahme des Heiligen Landes seitens der Juden widersetzte. Dennoch glaubte er offenbar, die Position der Kirche in dieser Frage beeinflussen zu können, und hatte sich daher um ein Treffen mit dem Papst bemüht. Als er 1904 nach Italien reiste, stand die Einladung Herzls in den Vatikan allerdings noch aus. 
 Zu jener Zeit wimmelte es in Wien von Visionären, Exzentrikern, Abenteurern und Scharlatanen. Herzl, ein bekannter Journalist, gehörte nicht dazu: er verlieh seiner Vision eine konkrete Gestalt und hatte Zugang zu Diplomaten und Staatsoberhäuptern, unter ihnen der deutsche Kaiser. Nicht alle nahmen Herzls Plan ernst, einen jüdischen Staat in Palästina zu gründen, aber viele hielten ihn für einen Wortführer des "Weltjudentums" - jener ominösen, bedrohlichen Macht, die die Räder der Weltgeschichte in Bewegung setzte. 
 Das "Weltjudentum" war natürlich nichts als ein antisemitischer Mythos. Die allermeisten Juden auf der Welt waren völlig ohne Macht und Einfluß, die Mehrheit unter ihnen waren keine Zionisten, und Herzl war nicht ihr Repräsentant. Bei seinen unermüdlichen Versuchen, Gehör in Europas Machtzentren zu finden, gab Herzl ungeachtet dessen vor, der weltweit einflußreiche "König der Juden" zu sein. In diesem Sinne war er tatsächlich ein Hochstapler. "Die Antisemiten werden unsere engsten Freunde werden", schrieb er einmal in sein Tagebuch, überzeugt davon, dass viele Staaten nur zu froh sein würden, ihre Juden los zu sein. 
 Herzls eigene politische Verbindungen hätten vermutlich nicht ausgereicht, um die ersehnte Audienz beim Papst zu erhalten; er musste sich seinen Weg in den Vatikan freikaufen. Wie es eine glückliche Fügung wollte, traf er zufällig in einem venezianischen Wirtshaus einen Mann, der ihm anbot, gegen eine Bezahlung ein Treffen zu arrangieren. 
 Herzl hielt diese Verkettung glücklicher Zufälle in seinem Tagebuch fest. Er logierte in Venedig im Grand Hotel, wo er sich am Abend langweilte. Nur "eineinhalb Engländer", wie Herzl es ausdrückte, wohnten im Hotel, und er hatte keine Lust, nur um ihretwillen seinen Smoking anzuziehen. Stattdessen begab er sich in die österreichische Schenke der Stadt. Bei seinem Eintritt bemerkte er, dass einer der Gäste ihn anstarrte. Herzl erkannte den Mann zunächst nicht. Dann jedoch näherte sich ihm ein Kellner und fragte, ob er Theodor Herzl aus Wien sei. Herzl, der sich nach ein wenig Ruhe und Anonymität gesehnt hatte, wollte zuerst verneinen, sagte dann aber doch ja. 
 Wenige Minuten später trat Graf Berthold Dominik Lippay, ein aus Ungarn stammender Landschafts- und Porträtmaler, an Herzls Tisch und stellte sich vor. Lippay hatte Kaiser Franz Josef porträtiert und war auch ständig in Rom beschäftigt, wo er unter anderem ein Porträt des Papstes Pius X. angefertigt hatte. 
 "Nach fünf Minuten sagte Lippay zu mir: 'Kommen Sie nach Rom, ich stelle Sie dem Papst vor'", schrieb Herzl später. "Natürlich war das bloße Aufschneiderei. Ich antwortete nicht: 'Genau darum wollte ich Sie bitten', sondern eher etwas wie: 'Oh, darüber könnten wir uns vielleicht näher unterhalten'." 
 Lippay verbrachte eineinhalb Stunden an Herzls Tisch, unermüdlich die vielen Berühmtheiten aufzählend, die er kannte, "als ob er sich an seinen gesellschaftlichen Verbindungen berauschte", wie es Herzl formulierte. Er trug Herzl auf, ihm ein Telegramm zu schicken und darin um eine Einladung zum Heiligen Vater zu ersuchen, und fragte dann wie nebenbei, ob Herzl mit Rothschild bekannt sei. Herzl verneinte, bot aber an, Lippay stattdessen mit einem anderen jüdischen Millionär in Kontakt zu bringen. 
 
 
"Mein lieber Hanusch, so 
sieht der Papst aus, bei dem 
ich gestern war. 
Dich umarmt Dein treuer 
Papa 
Rom  26  I  904"

Postkarte Herzls an seinen Sohn Hans
 
 

 

 Als er in Rom eintraf, wartete Lippay in seinem Hotel mit der Nachricht, dass das Treffen mit dem Papst arrangiert sei. Zuvor aber sollte Herzl den Außenminister des Vatikans, Kardinal Rafael Merry del Val, treffen. Wie sich herausstellte, hatte Lippay, als er beim Papst um eine Audienz für Herzl ersucht hatte, geäußert, dass dieser ein großer Verehrer von Jesus Christus sei. Bevor er ihn dem Kardinal Merry del Val vorstellte, bat Lippay Herzl, diesem gegenüber Unterstützung für den katholischen Standpunkt zu bekunden. Herzl war tief gekränkt. Er erinnerte sich, dass er in dem venetianischen Gasthaus seine "künstlerische und philosophische" Hochachtung vor der erhabenen Persönlichkeit Christi bekundet, aber gleichzeitig betont hatte, dass Jesus in seinen Augen ein Jude sei. Auf Lippays Ersuchen um die Bekundung pro-katholischer Gefühle erwiderte Herzl: "Was haben Sie sich denn vorgestellt? Ich gehe nicht in den Vatikan, um Schutz unter den Fittichen des Christentums zu suchen, sondern als ein Staatsmann meines eigenen Volkes!" 
 Lippay versuchte eine andere Strategie: Herzl, schlug er vor, sollte den Papst um ein Protektorat über Palästina bitten. Herzl wies diesen Vorschlag ebenso entschieden zurück, versprach aber, kein Gesuch vorzutragen, das Lippay in Verlegenheit bringen konnte. Alles, was er sich wünschte, war eine Enzyklika, eine offizielle päpstliche Erklärung, dass der Vatikan dem Zionismus nicht unfreundlich gegenüberstand, solange der exterritoriale Status der Heiligen Stätten garantiert wurde. 
 Lippay hatte inzwischen die Sympathie Herzls gewonnen. "Sicherlich hofft er auf einen Profit", schrieb er, "aber sein Künstlerherz ist von der Schönheit unserer Idee gefesselt." Lippay bot seine Dienste auch in Konstantinopel an, und Herzl versprach, diese Möglichkeit nach seinem Treffen mit dem Papst in Erwägung zu ziehen. 
 Tatsächlich schienen alle Türsteher und Diener, die den beiden Männern auf ihrem Weg zu den Gemächern des Kardinals begegneten, Lippay zu kennen. Der Maler ging die Treppen hinauf und durchquerte die Flure, als ob er ein "Mann von hohem Einfluß" sei, der sogar mit dem großen Meister Raphael auf freundschaftlichem Fuße stand, dessen Gemälde die Wände schmückten. Indem er Herzl in einem Wartezimmer zurückließ, erklärte Lippay: "Ich gehe zum Papst." Er blieb für eine ganze Stunde verschwunden. 
 Herzl, mit Leib und Seele Journalist, beobachtete amüsiert seine Umgebung: Wachen, Sekretäre, Priester und Bedienstete kamen und gingen ständig und in großer Eile. Die vielen roten Seidengewänder bemerkend, grübelte Herzl über die mit Sorgfalt erzeugte Harmonie der Farben an diesem Ort, an dem einst die bedeutendsten Künstler der Welt gearbeitet hatten. Zwei gelangweilte Wachtposten standen im Zimmer. An der Wand hinter ihnen befand sich ein großes, wunderschönes Bronzekreuz auf einem Regalbrett, flankiert von betenden Bronzeheiligen. Nach einer Weile begannen die Posten, ihre Schwerter waagerecht in Händen haltend, gemessenen Schritts im Raum auf und ab zu marschieren, um daraufhin zu ihrer unbeweglichen Haltung zurückzukehren. 
 Damen in Schwarz und hochdekorierte Herren im Gehrock verließen das Audienzzimmer durch einen weiteren Warteraum, von dem Herzl nicht mehr als einen roten Teppich sehen konnte. Von der Wand aus beobachtete ein Bronzebild Jesu am Kreuz eine magere, schmerzerfüllte Personifizierung menschlichen Leidens - den Prunk und das hektische Treiben, das zur Heiligung seines Namens veranstaltet wurde; Herzl fragte sich, ob sein Tod wohl leichter gewesen wäre, wenn er um dieses Resultat gewußt hätte. 
 Nach einer Stunde kam Lippay zurück und führte Herzl zu einem zweiten Warteraum. In diesem stand ein grüner Tisch, der von rot gepolsterten Stühlen umgeben war; hinter ihm hing einmal mehr der gemarterte Erlöser an seinem Kreuz. Diplomaten betraten und verließen das Büro des Außenministers. Schließlich führte Lippay Herzl dort hinein, küßte die Hand des Kardinals, stellte Herzl vor und verließ den Raum, nicht ohne zuvor des Ministers Hand ein zweites und drittes Mal geküßt zu haben. Der Kardinal bat Herzl, Platz zu nehmen. Die Unterhaltung wurde auf Französisch geführt. 
 Kardinal Rafael Merry del Val war damals erst 38 Jahre alt, ein hochgewachsener, eleganter Sohn einer spanischen Aristokratenfamilie. Herzl fielen seine großen, dunklen, schönen Augen auf, die in Unschuld und Erstaunen aus einem Gesicht blickten, das, obschon noch jung, doch bereits schwermütig war. Die Schläfen des Kardinals begannen schon zu ergrauen. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen war Merry del Val in Roms gesellschaftlichen Kreisen bekannt und beliebt. Herzl bat um die Unterstützung des päpstlichen Stuhls, der Kardinal lehnte höflich ab. Die Kirche wünsche nicht, dass den Juden irgendein Leid geschehe, erklärte er, im Gegenteil stellten die Juden ein wichtiges Zeugnis der Existenz Gottes auf Erden dar. Doch solange die Juden die Göttlichkeit Christi nicht anerkannten, könne der Vatikan ihre Inbesitznahme des Heiligen Landes nicht akzeptieren. 
 Informationen über diese Zusammenkunft können lediglich Herzls Tagebuch sowie dessen späteren Äußerungen über das Treffen entnommen werden. Falls der Kardinal eine schriftliche Notiz über das Gespräch machte, so ist diese in den vatikanischen Archiven eingeschlossen. Als der israelische Historiker und ehemalige Botschafter Sergio Itzhak Minerbi Nachforschungen darüber anstellte, erhielt er die Auskunft, dass keine derartigen Aufzeichnungen existierten. Minerbi hat das bis dato umfassendste Buch über die Beziehungen der zionistischen Bewegung zum Vatikan vorgelegt. 
 Seinen eigenen Angaben zufolge war Herzl sehr bemüht, sich positiv über die Kirche zu äußern. Er sagte, dass er diese immer bewundert habe. Der Kardinal erwähnte die jüdischen Wurzeln der Kirche. Herzl versprach, auf die heiligen Stätten zu verzichten. Er bitte die Kirche nicht um aktive diplomatische Unterstützung, erklärte er, sondern allein um ihre "spirituelle Zustimmung". Der Kardinal versprach, über Herzls Wunsch nachzudenken. Dann bat Herzl um eine Audienz beim Papst, und der Kardinal versicherte, dass er sein Möglichstes tun werde. Lippay wartete unterdessen vor der Tür, erstaunt, dass die Unterredung beinahe 45 Minuten gedauert hatte "mehr Zeit, als der Kardinal sich zum Essen nimmt", wie Herzl in Klammern in seinem Tagebuch notierte. 
 Am folgenden Tag traf Herzl den italienischen König, der seinem Ansinnen positiv gegenüberzustehen schien, am Tag darauf durfte er schließlich den Papst treffen. "Ich ging an Schweizer Bediensteten vorüber, die wie Geistliche aussahen, und an Geistlichen, die wie Diener aussahen", schrieb er später in sein Tagebuch. Dieses Mal brauchte er nicht zu warten. Er wurde durch eine Folge kleinerer Flure geführt, bis er dem Papst von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Pius X. war erst kurze Zeit zuvor zum Papst gewählt worden. Als gebürtiger venezianischer Bauernsohn brachte er ein großes Maß an Offenheit mit ins Amt und empfing zahlreiche Italiener zu Massenaudienzen. Er begrüßte Herzl im Stehen und streckte ihm seine Hand entgegen. Herzl wußte durch Lippay, dass von ihm erwartet wurde, dass er den Ring des Heiligen Vaters küßte. Er tat es nicht. "Ich denke, das hat möglicherweise seine Einstellung mir gegenüber negativ beeinflußt, denn alle, die zu ihm kommen, knien nieder und küssen wenigstens seine Hand", berichtete Herzl in seinem Tagebuch. Seine Sensibilität für die Theatralität des Ortes, allein was dessen farbliche Ausgestaltung anging, bewog ihn dazu, dieser Angelegenheit große Bedeutung beizumessen. "Dieser Handkuß bereitete mir große Sorgen. Ich war sehr erleichtert, diese ganze Sache schließlich hinter mir zu haben", schrieb er. 
 Der Papst ließ sich in einen Stuhl mit Armlehnen nieder, den Herzl später als "Thron fürs Alltagsgeschäft" charakterisierte. Er bat Herzl, neben ihm Platz zu nehmen, und lächelte abwartend. Herzl dankte ihm für die Audienz und entschuldigte sich für sein schlechtes Italienisch. Sein Italienisch sei hervorragend, entgegnete wohlwollend der Papst. Obwohl Herzl fühlte, dass er sich mit einem unbeholfenen, jedoch liebenswürdigen Landpriester unterhielt, verlief die Unterhaltung nicht harmonisch. Herzl legte sein Ansinnen dar, der Papst lehnte es ab. Herzl spürte, dass der Papst verstimmt war - "vielleicht weil ich seine Hand nicht geküßt hatte", vermutete er. 
 Pius X. dagegen führte eine andere Erklärung ins Feld. "Die Juden haben Unseren Herrn nicht anerkannt, und daher können wir das jüdische Volk nicht anerkennen", sagte er. Diese Position ließ wenig Raum für weitere Diskussion. Herzl führte die Weigerung auf die überkommene Kontroverse zwischen Rom und Jerusalem zurück. Er bemühte sich, den Papst zu überzeugen und versprach, den Heiligen Stätten einen exterritorialen Status zu gewähren. Der Papst blieb ungerührt. 
 Herzl erkundigte sich, ob der Heilige Vater die aktuelle Situation vorziehe. Der Papst erwiderte, dass, obwohl es in der Tat "unerfreulich" sei, dass die Heiligen Stätten sich unter türkischer Kontrolle befänden, er keine andere Wahl hätte als abzuwarten, bis seine Zeit gekommen sei. Er könne nicht stattdessen den Juden zur Kontrolle über die Heiligen Stätten verhelfen. 
 Herzl versuchte daraufhin, den religiösen Landminen insgesamt auszuweichen. Sein einziges Ziel, sagte er, sei es, eine Lösung für die verzweifelte Situation seines Volkes zu finden. Der Papst antwortete, dass es zwei Möglichkeiten gebe. Die Juden könnten entweder weiterhin standhaft auf den Messias warten und damit die christliche Überzeugung zurückweisen, dass dieser bereits gekommen sei. Das hieße, die Göttlichkeit Christi zu verleugnen, und somit könne der Vatikan ihnen nicht helfen. Die andere Option der Juden sei, ohne jegliche religiöse Überzeugung in das Land Israel zu ziehen, wobei der Vatikan natürlich noch weniger behilflich sein könne. 
 Obwohl das Judentum die Basis des Christentums sei, sagte Pius X. zu Herzl, habe letzteres endgültig den Platz des ersteren eingenommen. Der Vatikan könne daher dessen fortgesetzte Existenz nicht anerkennen. Dann fügte er scheltend hinzu: die Juden, behauptete er, hätten die ersten sein sollen, die Jesus anerkannten, und doch würden sie bis heute in ihrer Ablehnung verharren. "Die Einschüchterung und Verfolgung der Juden seitens der Kirche war vielleicht nicht der geeignetste Weg, sie zu erleuchten", warf Herzl ein, der Papst jedoch konterte: "Jesus hat niemanden verfolgt. Ganz im Gegenteil - er selbst wurde verfolgt. Die Kirche hat nach seinem Tod 300 Jahre bis zu ihrer Etablierung benötigt. Die Juden hatten also viel Zeit, seine Göttlichkeit ohne jeden Druck von außen zu bezeugen." 
 Herzl kehrte zum Thema der jüdischen Misere zurück. Die Juden würden verfolgt, sagte er, und benötigten ein Land für sich allein. Der Papst wollte wissen, warum es ausgerechnet Jerusalem sein müsse. Herzl bekundete seine Bereitschaft, auf Jerusalem zu verzichten. "Wir bitten nicht um Jerusalem, sondern um das Land Israel, um sein säkulares Territorium", sagte er. "Das können wir nicht unterstützen", erwiderte der Papst. Ob der Papst sich der Gefahr bewußt sei, in der die Juden sich befänden? erkundigte sich Herzl. Erst kürzlich, antwortete der Papst, sei er von zwei jüdischen Bekannten besucht worden. Er versprach für die Juden zu beten und fügte hinzu, dass er die Kirchen und Priester in Palästina in Kenntnis setzen werde, damit sie darauf vorbereitet seien, jene Juden zu taufen, die dorthin zu leben kämen. 
 Jemand trat ein und fragte, ob Graf Lippay sich zu ihnen gesellen dürfe. Der Papst erteilte die Erlaubnis. Lippay kniete beim Eintreten nieder und küßte die Hand des Papstes. Er berichtete von seiner "wundersamen Begegnung" mit Herzl in dem venezianischen Gasthaus. Das Wunder habe darin bestanden, erläuterte er, dass er ursprünglich geplant hatte, die Nacht in Padua zu verbringen und dann, aus reinem Zufall, den Weg Herzls gekreuzt habe, welcher das Verlangen äußerte, dem Papst die Füße zu küssen. 
 Herzl bemerkte, dass der Papst eine "Geste" machte, wie um das Versagen seines Gastes bezüglich des Handkusses zu kommentieren. Lippay fuhr fort zu beteuern, dass Herzl mit Respekt von der Erhabenheit Christi gesprochen habe. Der Papst hörte zu, wobei er gelegentlich eine Prise Tabak schnupfte und sich in ein großes baumwollenes Taschentuch schneuzte. Er sei außerordentlich liebenswürdig, notierte Herzl später, und Ehrfurcht einflößend in seiner rustikalen Schlichtheit. 
 Der Papst sagte, es habe ihn gefreut, Herzl kennenzulernen, aber er könne die Idee eines jüdischen Staates in Palästina nicht unterstützen. Die Audienz war beendet. Lippay kniete lange Zeit vor dem Papst, "unersättlich" dessen Hand küssend, wie Herzl es später formulierte. Obwohl der Papst über die Geste des Grafen erfreut zu sein schien, sah Herzl wiederum davon ab, die Hand des Heiligen Vaters zum Abschied zu küssen, und beließ es bei einem Händedruck und einem tiefen Knicks. 
 Die Unterhaltung hatte etwa 25 Minuten gedauert. Als er aus den Gemächern des Papstes hervortrat, erblickte Herzl ein Gemälde Raphaels, das zeigte, wie ein kniender Kaiser vom Papst gekrönt wurde. "Das wünscht sich Rom", schrieb er in sein Tagebuch. In dieser Nacht träumte er, er und der deutsche Kaiser säßen allein in einem Boot auf dem Meer. 
 Nach einem Treffen mit dem italienischen Außenminister fügte Herzl seinem Tagebuch einen weiteren Eintrag über seinen Papstbesuch hinzu. Der Papst, erinnerte er sich jetzt, hatte wissen wollen, ob die Juden beabsichtigten, ihren Tempel in Jerusalem neu zu errichten und die Opferungen am Altar wieder aufzunehmen. An seine eigene Antwort erinnerte Herzl sich nicht mehr. Seine Heiligkeit hatte auch den jüdischen Historiker Josephus Flavius zitiert, aber Herzl hatte seine Worte nicht genau verstanden. 
 Das Treffen des Zionistenführers mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche hatte ein grundsätzliches Hindernis deutlich werden lassen: die Kirche verwehrte den Juden das Recht auf eine nationale Heimstätte in Palästina nicht aus politischen Gründen, sondern eher aufgrund religiöser Überzeugungen. Da diese Überzeugungen sich nicht veränderten, mutet es seltsam an, dass ein anderer zionistischer Führer, Nahum Sokolov, auf eine gänzlich andere Resonanz gestoßen sein will, als er selbst dem Papst begegnete. 
 Diese Zusammenkunft ereignete sich etwa 13 Jahre nach Herzls Audienz bei Pius X. Sokolov wurde von Papst Benedikt XV. empfangen. Dieses Treffen wurde nicht vom Zufall arrangiert, sondern vielmehr auf Initiative des britischen Diplomaten Sir Mark Sykes, einer der Architekten des britischen Mandats über Palästina. Der Erste Weltkrieg war so gut wie vorüber und die Türken im Begriff, Palästina zu verlieren, welches unter der Schirmherrschaft des britischen Empires der zionistischen Bewegung übergeben werden sollte. 
 Im Laufe seiner zweitausendjährigen Existenz hatte der Vatikan wiederholt vor der Herausforderung gestanden, sich dem Wandel der Zeiten anpassen zu müssen. Nun trat das Heilige Land in eine neue historische Phase ein. Im Bewußtsein der anstehenden Veränderung bemühte sich der Vatikan, den Status der Heiligen Stätten in einem internationalen Abkommen sicherzustellen. Sokolov widersetzte sich diesem Plan nicht. Benedikt XV. gab sich Mühe, nicht feindselig auf den Zionistenführer zu wirken; Sokolov, der den Eindruck hatte, dass der Papst dem zionistischen Anliegen wohlwollend gegenüberstand, glaubte Geschichte gemacht zu haben. 
 Minerbi hingegen glaubt, dass Sokolov sich irrte. Er behauptet, die wahre Einstellung des Vatikans dem Zionismus gegenüber habe sich bei Herzls Treffen mit Pius X. enthüllt. In Sokolovs Aufzeichnungen allerdings ist kein Anhaltspunkt bezüglich der heiklen Frage zu finden, ob er die Hand des Papstes geküßt hat oder nicht. 

                                                    Aus dem Englischen und Hebräischen von Astrid Popien
 
 

 

 

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