zurück
Aus dem Inhalt von Heft 1 des 6. Jahrgangs (2000) 
 
 
 

 

 

 
Messianische Juden zwischen Juden und Christen

 von Michael Krupp

 Es war auf einer Geburtstagsfeier in dem malerischen Vorort von Jerusalem, Ein Karem, dem Geburtsort von Johannes dem Täufer nach der Tradition. Hier gibt es eine Reihe Klöster und viele orientalische Juden. Es waren einige Ordensleute versammelt und viele jemenitische Juden, weil das Geburtstagskind, eine Ordensschwester des byzantinischen Ordens der Theophanie, im jemenitischen Viertel wohnte. Sie hatte auch zwei Männer eingeladen, die kürzlich eine der schönsten Villen im Dorf ausgebaut hatten, hoch auf dem Berg, etwas von der Dorfmitte entfernt. Als die Stimmung auf ihren Höhepunkt kam, stand einer der fremden Männer auf und hielt eine Rede. Er sprach von Jesus, der alle liebe und möchte, dass alle Menschen gerettet werden. Die Jemeniten, für die wohl die Rede gedacht war, verstanden ihn nicht und wussten nicht, worauf er hinaus wollte. Im Jemen hatte es keine Christen gegeben, so waren sie mit dieser Redensweise nicht vertraut. Sie fanden aber, dass der Fremde freundlich redete und sicher nur Gutes wollte und so klopften sie ihm auf die Schulter und sagten ihm, dass auch sie ihn gerne hätten. 
 Ich kannte damals die beiden Männer nicht. Es waren Brüder, die Berger Brüder, zwei amerikanische Juden, die zum Christentum übergetreten waren. Später wollte ich sie in ihrem Haus aufsuchen. Aber ich kam nicht rein. Es war von einer Mauer umgeben und einem Stacheldraht, und dazwischen liefen Hunde um das ganze Haus. Es war eigentlich ein Palast. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass in Ein Karem irgendjemand etwas gegen die beiden hätte unternehmen wollen, dass sie sich so verbarrikadierten. 
 Später zogen in unsere Nachbarschaft Leute aus der Schweiz, die alle nett waren. Sie hatten eine hohe Miete bezahlt, so hatten sie das ganze Haus bekommen. Wir wunderten uns nur, dass sie ein so großes Haus brauchten. Später verstanden wir warum. Am Schabbat bekamen sie viel Besuch, meist junge Leute, Amerikaner und Israelis. Sie sangen sehr viel. Erst hielten wir sie für einen der neuen Kultkreise, die es immer mehr in Israel gibt und die sehr populär unter der Jugend sind. Das viele Halleluja in ihren Gesängen wies aber dann darauf hin, dass es Christen waren, Jews for Jesus. Die Mieter waren Christen gewesen, dann aber zum Judentum übergetreten, um die Staatsbürgerschaft zu erhalten. 
 So begegnete ich also rein zufällig Judenchristen in Israel. Als Student hatte ich schon in Haifa einige Zeit bei einem norwegischen Pastor gewohnt, der die kleine rumänische judenchristliche Gemeinde betreute und die örtliche Bibelgesellschaft leitete. Das war eine lutherische Gemeinde gewesen. Dann hatte ich in Jerusalem eine judenchristliche Gemeinde im YMCA kennengelernt und an vielen ihrer Gottesdienste teilgenommen. Sie lehnten jede Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kirche ab. 
 Wer sind sie nun, diese Judenchristen, die es bisher nicht zu Wege gebracht haben, einen eigenen Verband zu gründen, der die meisten Judenschristen des Landes vereinigen würde? Es gibt keine einheitliche Struktur der einzelnen Gemeinden und Gemeinschaften. Es gibt keine judenchristliche Theologie. Die meisten Gemeinden und Hausgemeinschaften sind protestantischer Art, häufig von Freikirchen bestimmt, die meisten rechnen sich gar keiner Kirchengemeinschaft zu und sprechen von sich als den judenchristlichen Gemeinden, die direkt an die Gemeinden der neutestamentlichen Zeit anknüpfen. Einige dieser Judenchristen sind offiziell nicht zum Christentum übergetreten und bezeichnen sich als Juden, die Jesus als ihren Messias anerkennen. Einige tun das auch in Rücksicht auf ihre jüdische Umwelt, so kann auf keinen Fall ihre jüdische Identität bezweifel werden. 
 Es gibt auch katholische Judenchristen. Sie haben aber keine eigenen judenchristlichen Gemeinden gebildet, sondern sind aufgegangen in den hebräisch sprechenden katholischen Gemeinden, die sich aus Heidenchristen und Judenchristen zusammensetzen, um in dieser Terminologie zu bleiben. Im Gegensatz zu den Protestanten verzichten sie auf Mission. 
 Am ehesten fassbar und einstufbar sind die alteingesessenen judenchristlichen Gemeinden lutherischer Prägung. Die größte von ihnen ist die erwähnte in Haifa, es gibt aber auch eine in Jaffo und in Jerusalem. Hier handelt es sich vor allem wie in Haifa um rumänische Juden, die in ihrer Heimat von skandinavischen Missionaren bekehrt wurden und auf der Flucht vor den Nazis, die bekanntlich nicht zwischen Juden und Judenchristen unterschieden, mit ihren Missionaren nach Palästina kamen. Diese Gemeinden unterscheiden sich kaum von einer gut lutherischen Diasporagemeinde, die ihr eigenes Leben in einer fremden und manchmal auch feindlichen Umwelt zu finden sucht. Sie ähneln damit gerade den hebräisch sprechenden katholischen Gemeinden, die auch in Haifa, Jaffo, Jerusalem und in Beer Scheva beheimatet sind und häufig von judenchristlichen Priestern wie dem legendären, inzwischen verstorbenen Karmeliterpater Daniel Rufeisen geleitet werden oder wurden. Die Leitung der lutherischen Gemeinden lag früher ausschließlich in der Hand ihrer skandinavischen Missionare, meist Norweger, Finnen und Dänen. Inzwischen ist ein eigener judenchristlicher theologischer Nachwuchs entstanden, der diese Gemeinden verwaltet und betreut. Es gibt wöchentliche Gottesdienste, häufig am Samstag, dem Schabbat Israels. Es gibt Gemeinderüstfreizeiten, Ausflüge, Versammlungen an den großen christlichen Festtagen und so fort. Die Gemeinden haben seit den fünfziger und sechziger Jahren immer mehr an Zahl abgenommen, weil sie auf Mission verzichten, die zweite Generation nicht immer in die Fußstapfen der Eltern tritt und die Assimilationserscheinungen gerade in diesen Gemeinden groß sind. 
 Einen ganz anderen Charakter haben eine Reihe von Jugendgemeinden schwärmerischer Art. "Jews for Jesus" und andere freikirchliche Gruppen stehen als Träger dieser charismatischen Gruppen, die kommen und gehen und eher in die Rubrik von Jugendkulten einzuordnen sind. Enttäuscht vom etablierten orthodoxen, aber auch von Reform- oder konservativen Judentum, probieren viele dieser jungen Israelis alles einmal aus. Vom Buddhismus und anderen östlichen Religionen angezogen, versuchen sie es auch mit dem Christentum, um dann in einer anderen Religion eine kurze Erfüllung zu finden, bis sie sich nach ihrer Sturm-und-Drang-Periode zu normalen Bürgern des Staates durchgekämpft haben. 
 Alle diese Gruppen zusammen machen das weite und bunte Spektrum des Judenchristentums in Israel aus, das mit statistischen Mitteln schlecht zu erfassen ist. Kürzlich ist ein Buch erschienen, das vorgibt, genaues Material zur Verfügung zu stellen. "Fakten und Mythen", so heißt das neueste Buch über die Judenchristen in Israel, das das judenchristliche Caspari-Zentrum in Jerusalem herausgegeben hat. Zwei der Judenmission seit langem verpflichtete Mitarbeiter, Kai Kjaer-Hansen und Bodil F. Skjoett, haben eine aufwendige Reise durch die 80 von ihnen aufgefundenen judenchristlichen Gemeinden aller Art, darunter viele Hausgemeinschaften, unternommen, um endlich "Fakten" den "Mythen" gegenüberstellen zu können. 
 Wenn man das Buch liest, ist es so, als lese man einen Detektivroman. Die meisten Befragten wollen namentlich nicht erwähnt werden. Sie befürchten Nachteile und Verfolgungen durch die Gegner der Judenmission, besonders einer Gruppe orthodoxer Juden, die sich "Jad le-Achim" nennen, "eine Hand für die Brüder". So werden wenige Namen genannt. Nur, wenn diese sowieso schon durch die Presse bekannt sind, heißt es in dem Buch, werden sie veröffentlicht. Judenchrist in Israel zu sein ist nicht leicht. Diesen Eindruck bekommt man bei der Lektüre des Buches, das mit vielem statistischen Material ausgestattet ist. 
 Das Buch beweist, dass diejenigen, die nur von einigen wenigen Hundert Judenchristen sprachen, nicht recht haben. Aber auch die schwärmerischen judenchristlichen Kreise, die von einer Erweckungsbewegung in Israel sprechen, von zehntausenden Neuchristen, die den Messias der Christen als ihren persönlichen Heiland angenommen haben, werden Lügen gestraft. Das Buch kommt auf eine Zahl von knapp zweieinhalb Tausend Judenchristen heute in Israel, eingeschlossen die russischen und äthiopischen Neueinwanderer, die bereits als Christen ins Land eingewandert sind und deren jüdischer Status bezweifelt werden kann, die streng genommen also gar nicht in diese Kategorie gehören. 
 Neben dem Phänomen des Judenchristentums gibt es für die israelische und kirchliche Öffentlichkeit noch ein anderes Problem, das damit zusammenhängt: Die Judenmission. Es ist schwer zu sagen, wieviele Judenmissionare es in Israel gibt, gemessen an der Zahl der Judenchristen sind es aber sehr viele. Die Großkirchen, Katholiken und Protestanten, unterhalten keine Judenmissionare in Israel, umsomehr aber Freikirchen und Sekten. Es gibt große Werbeaktionen in den Tages- und Wochenzeitungen, es gibt Hauswurfsendungen auf teurem Papier. Es gibt auch Leute, die von Haus zu Haus ziehen und Juden zu bekehren suchen, die zuerst gar nicht verstehen, was diese Leute von ihnen wollen. Es ist vorgekommen, dass Postboten, die diese Ware Kiloweise in den Haushalten zu verteilen haben, in den Orthodoxenvierteln wie Mea Schearim in Jerusalem von aufgebrachten Bewohnern die Treppe hinuntergeschmissen wurden, so dass sie sich weigerten, dieses Material, wenn es denn von außen als Missionspropaganda zu erkennen ist, auszutragen. In Gerichtsentscheiden ist ihnen dies auch zugestanden worden. Es ist auch zu fragen, warum dieses Material ausgerechnet in den orthodoxen Wohngegenden verteilt werden muss. 
 Orthodoxe Parteien im israelischen Parlament haben immer wieder versucht, diese Missionstätigkeit überhaupt per Gesetz verbieten zu lassen. Das bisher durchgesetzte Antimissionsgesetz stellt allerdings lediglich Missionsversuche unter Anbietung materieller Vorteile unter Strafe und zwar egal von welcher missionierenden Seite. Bisher wurde noch niemand aufgrund dieses Gesetzes verurteilt. Weiter durchgreifende Gesetze, die den Vertrieb von Missionsschriften, einschließlich des Neuen Testaments, untersagen, haben bisher keine Mehrheit im israelischen Parlament gefunden. 
 Die Judenmission ist problematisch für Christen wie Juden. Für die meisten Juden ist die Mission ein Instrumenten, das Judentum geistig zu vernichten. Es ist für sie die Fortsetzung der physischen Judenermordung im Holocaust mit verfeinerten Mitteln. Sie können nicht verstehen, dass jemand aus wahrhaftiger Überzeugung vom Judentum zum Christentum übertreten kann, denn was hätte das Christentum schon anzubieten, was das Judentum nicht schon längst hat. Die Mission war in der Diaspora eine wahre Bedrohung für das Judentum. Dass es das in Israel nicht ist und dass die Furcht vor der Judenmission, die ja im ganzen recht unerfolgreich ist, in Israel völlig unbegründet und für ein selbstbewußtes Judentum eher unangemessen ist, wird in Israel immer noch nicht recht verstanden. Dies gehört zu den Relikten einer Diasporamentalität, die auch nach 50 Jahren staatlicher Selbständigkeit noch nicht überwunden ist. 
 Andererseits ist die Existenz eines selbständigen lebendigen Judentums, dazu in einem eigenen Staat, für viele Christen, besonders für solche, die sich ihres eigenen Glaubens nicht ganz sicher sind, ein großes Problem und eine immer währende Anfechtung. Dass gerade diejenigen, von denen das Heil kommt, und zu dessen Volk der eigene Heiland und der Erlöser der Welt gehört, die frohe Botschaft von der Errettung der Welt nicht angenommen haben, macht diese Christen zutiefst unsicher. Deshalb die große Freude, wenn irgendjemand aus diesem Volk, und seien es noch so wenige und noch so unbedeutende, den Christen sagt, ihr habt Recht, er ist tatsächlich der Heiland der ganzen Welt, auch der Juden. Deswegen sind diese meist evangelikalen Kreise auch bereit, alles Geld aufzubieten, um nur eine oder einen von den Töchtern und Söhnen dieses Volkes "zum rechten Glauben" zu bringen. Ich erinnere mich noch an die Einweihung des bereits erwähnten judenmissionarischen Caspari-Zentrums, wo Dutzende von Heidenchristen Trauben um die wenigen anwesenden Judenchristen bildeten und sie verklärt anschauten, als ob von ihnen das Heil herkomme. 
 Die Judenmission stellt noch ein weiteres Problem in der Kirche dar. Wie schon bemerkt, betreiben vor allem die Freikirchen eine emsige Judenmission. In gewissen Kreisen ist der Gedanke der Judenmission mit messianischen Ideen verbunden, dies besonders nach dem Anbruch des neuen Milleniums. Für einige dieser Kreise wird der Messias erst wiederkommen, wenn alle Juden in ihrem Land versammelt sind. Mit seinem Kommen wird es zu einer Massenbekehrung der Juden in Israel kommen. Aus diesen Gründen vertreten diese Kreise eine radikale Politik in Richtung Großisrael, die die rechtsradikaler jüdischer Kreise noch in den Schatten stellt. Viele Israelis halten das für eine proisraelische Haltung im Gegensatz zu einer häufig kritischen Haltung der Großkirchen dem israelischen Staat gegenüber. Sie verkennen dabei die Tatsache, dass diese anscheinend so proisraelische Haltung nur den eigenen Interessen gilt und die Massenbekehrung Israels am Ende der Tage, für dessen beschleunigtes Kommen sie alles zu tun bereit sind, zum Ziel hat. 
 Neben dieser Angst vor Fanatikern haben die Großkirchen noch ein anderes Problem mit manchen Judenchristen, ein theologisches. Manche der judenchristlichen Kreise sprechen den Großkirchen schlechtweg ihr Christentum ab, bezeichnen sich als die einzig wahre Kirche, die an den Anfängen der ersten Christenheit festgehalten hat, während die Großkirchen den Weg des Abfalls gegangen sind. 
 Mag manches von dieser Kritik auch berechtigt sein, so muß doch gefragt werden, ob sie von der richtigen Seite und mit den richtigen Argumenten vorgetragen wird. Zu hinterfragen ist vor allem der Stellenwert, den das Judenchristentum sich selbst gibt. Es erinnert an die Spaltung der frühen Christenheit in Judenchristen und Heidenchristen und vergleicht sich mit der eigentlichen Mutterkirche, der Judenchristlichen Kirche der Apostel, die von den Heidenchristen langsam an den Rand gedrückt wurde, bis sie völlig aus der Kirche vertrieben wurde. Die heutigen Judenchristen rufen zu einer Revision der Kirchengeschichte auf und sehen sich als die wahren Hüter des urchristlichen Vermächtnisses. 
 Hier ist tatsächlich zu fragen, welchen theologischen Stellenwert denn heute die Judenchristen einnehmen sollen. Stehen sie wirklich an der Stelle dieser alten ehrwürdigen Kirche, auf die die Großkirche, die Heidenkirche heute zu hören hätte? Oder ist die Judenchristliche Kirche der alten Zeit nicht doch untergegangen und müßte demnach die Kirche heute ein anderes Gegenüber haben. Der Sohn des großen schweizer Theologen Karl Barth, Markus Barth, hat einmal geschrieben, dass an die Stelle der judenchristlichen Kirche gegenüber der Heidenkirche heute das Judentum an sich steht und die wahre Herausforderung an die Kirche ist. Dieser Gedanke müsste vertieft werden. Damit wird der ganze Sinn einer Judenmission theologisch fraglich. Ist nicht die Kirche wie Israel das Volk Gottes, wenn auch das gespaltene Volk Gottes? Wenn aber beide Volk Gottes sind, so ist ein Mehr-sein-wollen theologisch nicht möglich. Es gibt keine Komperative und Superlative im Volk Gottes. Entweder gehöre ich dazu oder nicht. Dann ist Mission der einen Seite gegenüber der anderen verwehrt, und nur Kooperation und Wettstreiten im Aufbau um die Königsherrschaft Gottes in dieser Welt angemessen. 
 Es ist daher nicht verwunderlich, dass die judenchristlichen Gruppen sich nicht am ökumenischen Gespräch in Israel beteiligen, wobei viele einzelnen Judenchristen dies durchaus tun. Gerade diese, zum Teil Mitbegründer des Gesprächs, verzichten aber bewusst auf Judenmission und erklären ihren Schritt zum Übertritt als persönliches Schicksal, durch das sie Gott so geführt hat, das aber nicht zur Methode zu erheben sei. Solche Judenchristen, übrigens auch einige wenige Konvertiten, die den umgekehrten Weg gegangen sind, vom Christentum zum Judentum, sind es, die zur Zusammenarbeit, zum Dialog, und nicht zur Mission aufrufen. Nur so sei gegenseitiges Zeugnis heute möglich. 

zur Übersicht